Jugendliche brauchen ihre Freunde Impfungen könnten Mädchen und Jungen ab 12 Jahren mehr Kontakte ermöglichen. Doch das ist umstritten

Lüneburg. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte drängt darauf, Kindern und Jugendlichen die Rückkehr in ein normales Leben zu ermöglichen. „Ganz unabhängig von der Impfung“, betonte Verbandssprecher Jakob Maske in der „Rheinischen Post“.
Kontakte auf ein Minumum geschrumpft
Mit Sorge sieht denn auch Eleonore Tatge, Vorsitzende des Kinderschutzbundes in Lüneburg, dass Kinder und Jugendliche aufgrund der Pandemie seit Monaten überwiegend zu Hause und ihre Sozialkontakte zu Gleichaltrigen auf ein Minimum geschrumpft sind. Das überwiegend beschränkt sein aufs Elternhaus, „ist besonders folgenreich für all die Kinder und Jugendlichen, die sich in einer Phase der Ablösung befinden und dabei wichtige Erfahrungen für die Selbstständigkeit machen. Möglicherweise verpassen sie aufgrund der Bedingungen in dieser Zeit wichtige Entwicklungsschritte“. Die Vorsitzende des Kinderschutzbundes macht auch deutlich: „Video-Telefonieren und Chatten ersetzen nicht den direkten sozialen Kontakt.“
„Als Familienvater finde ich es ganz wichtig, dass Kinder und Jugendliche sich wieder mehr mit Freunden treffen“, betont Jens Böther, der als Landrat an der Spitze des Kreises als Infektionsschutzbehörde steht. Erfreulicherweise sänken die Inzidenzwerte, und das schaffe neue Perspektiven auch für Familien, sagt er. „Vielleicht rückt der volle Präsenzunterricht in Schulen bei Inzidenzen unter 35 wieder in greifbare Nähe“, hofft er.
Sport draußen sei Gruppen mit bis zu 30 Kindern und Jugendlichen erlaubt. „Auch der Schwimmunterricht fängt jetzt wieder an“, sagt Böther. Mit Schnelltest sei darüber hinaus der Besuch zum Beispiel in Tier- oder Freizeitparks wieder möglich.
Kinderärzte sollten auch impfen dürfen
Damit Jugendliche möglichst bald wieder etwas gemeinsam unternehmen können, ist es aus Sicht von Eleonore Tatge wünschenswert, dass diese möglichst bald – wenn das Zulassungsverfahren für Biontech ab 12 Jahren abgeschlossen ist – geimpft werden können. „Kinderärzte sollten dann auch impfen dürfen.“ Die Aufhebung der Priorisierung befürwortet Tatge sehr. Von Urlaubsreisen in diesem Sommer hält sie allerdings nicht viel, „denn ich befürchte, dass das Ansteckungsrisiko noch nicht gebannt ist. Außerdem sind die Kinder und Jugendlichen dann wieder vorrangig mit den Eltern zusammen und nicht mit Gleichaltrigen.“
Damit die Sommerferien ohne Verreisen ein großer Spaß werden, sollte es aus ihrer Sicht möglichst viele Aktionen und Angebote vor Ort geben. Der Kinderschutzbund bastelt gerade mit den Stadtteilhäusern und den Sozialräumen daran. Dazu Tagesausflüge bei Einhaltung der Corona-Vorgaben hält Tatge für eine gute Möglichkeit, um Abwechslung in den Alltag der Familien zu bringen.
Mit Blick auf den Herbst hält es der Landrat für unerlässlich, Impfmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche zu schaffen: „Hier sind Bund und Land gefordert, damit wir wieder Verlässlichkeit in einen normalen Schulbetrieb bringen können.“ Denn Einfluss auf die Impfstoff-Beschaffung habe der Landkreis nicht.
Chefarzt äußert Skepsis
Zurückhaltend äußert sich Prof. Dr. Josef Sonntag, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Lüneburger Klinikum: „Einer schnellen und generellen Impfung von 12- bis 15-Jährigen stehe ich skeptisch gegenüber. Ursache dafür sind die noch dünne Datenlage bei kleiner Probandenzahl in dieser Altersgruppe, die Nutzen-Risiko-Abwägung und der Zweifel an einer sinnvollen Priorität.“

Es sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei Biontech um einen neuartigen Impfstoff handele, der zwar sehr gut vor der Covidinfektion schütze und schon Tausenden Menschen das Leben gerettet habe, „wir aber naturgemäß noch wenig über die insbesondere für Kinder relevanten Langzeitfolgen wissen können“.
Solange nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stehe und priorisierte Erwachsene noch auf ihre Erst- oder Zweitimpfung warten, sollte laut Sonntag keine allgemeine Freigabe für Kinder ab 12 Jahren erfolgen. Nach den in Deutschland erhobenen Zahlen sei das individuelle Risiko für eine schwere Erkrankung oder Langzeitfolgen bei gesunden Kindern und Jugendlichen im Gegensatz zu den Erwachsenen sehr gering und damit der Nutzen einer Impfung zweifelhaft. „Daher sind aktuelle Erwägungen, dass Kinder in Zukunft ausschließlich zum Schutze der Erwachsenen geimpft werden sollen, um eine Herdenimmunität zu erreichen, abzulehnen.“
Aus ärztlicher Sicht halte er die bevorzugte Impfung besonders gefährdeter Gruppen auch in den nächsten Wochen für sinnvoll. Unkompliziert reisen zu können, sei für ihn gegenüber dem Schutz von Gesundheit und Leben nicht prioritär. Von Antje Schäfer und Stefan Bohlmann