Journalismus als Kunst ist im Museum Lüneburg noch bis zum 30. Mai zu sehen. Foto: t&w

Carolin George zeigt im Museum Lüneburg Objekte, die auf ihren Porträts und Reportagen basieren

Lüneburg. Ein Wanderweg in der Lüneburger Heide für Nudisten – also für Nackedeis – so etwas gibt es wirklich. Carolin George mochte es wohl selbst nicht so recht glauben, bis sie die ersten Nackten sah. Die Lüneburger Journalistin und Buchautorin wanderte mit, selbstverständlich ebenfalls unbekleidet, und schrieb eine klassische Ich-Reportage für die Zeitung. Jetzt ist der Text – Schlagzeile: „Ich bin nicht gerne nackt“ – noch einmal zu lesen, aufgehängt an zwanzig Hosenbügeln, verarbeitet zu einer Skulptur. Sie ist zu sehen im Rahmen der Sonderausstellung „Menschenlesen“ im Museum Lüneburg.
Am Anfang war die Improvisation
Insgesamt zwölf Skulpturen und Installationen zeigt Carolin George, es sind durchweg Arbeiten, die auf ihren journalistischen Texten basieren. Am Anfang des Projekts war eine Improvisation: Weil die Journalistin ihr Büro – zusammen mit der Grafikerin Berit Neß – in einem Atelier der Kulturbäckerei eingerichtet hatte, war sie aufgefordert, an einer gemeinsamen Ausstellung teilzunehmen. Aber was sollte sie zeigen? Einfach die Texte an die Wand hängen? So entstand die Idee mit der Hosenbügelständer-Skulptur. Heute denkt Carolin George, die im Raum Lüneburg auch durch Sachbücher mit lokalem Bezug bekannt ist, bei der Recherche und beim Schreiben immer auch schon an eine mögliche Weiterverarbeitung vom Journalismus zur Kunst.
Im Gegensatz zu dem leicht skurrilen Nacktwanderweg sind die Themen der verarbeiteten Reportagen, Porträts und Features in der Regel ernst, eindringlich, manchmal auch ein wenig ermutigend. Eine Mutter wird damit konfrontiert, dass ihre neugeborene Tochter an einer Genmutation leidet, ihr Körper hat fast überhaupt kein Fett. „Mein Kind sah aus wie ein Alien – ein Skelett im Hautmantel“, zitiert Carolin George die Mutter. Sie beginnt, zunächst aus der Not heraus, praktische Kleidung für Kinder mit speziellen Handicaps zu entwerfen. Für ein Mädchen mit Glasknochenkrankheit schneidert sie ein Jäckchen, das sich im Liegen anziehen lässt, anderswo sind Schlitze und Kanäle für Ventile oder Magensonden integriert. Aus den ersten Schnittmustern ist ein kleiner Geschäftsbetrieb geworden. Jetzt zeigt Carolin George eine gesichtslose Puppen-Skulptur, die solche Handicap-Kleidung trägt.
Verzicht auf Plakativität
Die Exponate wollen erschlossen werden. Ein Rollstuhl hinter einer milchigen Kunststoff-Wand, ein Text hinter einem Schleier: Manches ist plakativ, oft aber wird mit sparsamen Akzenten gearbeitet, erschließt sich der Sinn erst, wenn der Betrachter den Inhalt des zugrundeliegenden Textes in groben Zügen kennt. „Wann wirst du endlich schwanger?“ ist die Geschichte einer ungewollt kinderlosen Frau, die sich nach drei Fehlgeburten gegen die stummen – oder auch formulierten – Vorwürfe ihrer Mitmenschen verteidigen muss, aus Egoismus oder Bequemlichkeit keine Mutter geworden zu sein. Zu sehen ist nun eine Textscheibe, in der Mitte eine weiße Fläche – alle Gedanken kreisen um die Leerstelle, um das Kind, das es nicht gibt.
An der Museumswand hängt eine Uhr, die Geschichte einer Frau, die erblindet. Bei dem Blick auf eine Uhr hatte die Erkrankte zum ersten Mal gemerkt, dass etwas mit ihren Augen nicht stimmt. Carolin George schrieb über den Lüneburger Prozess gegen den greisen SS-Unterscharführer Oskar Gröning, über die Göhrde-Morde, über Obdachlose und über eine Frau, deren Tochter mit achtzehn Messerstichen getötet wurde. Der inhaftierte Mörder wird eines Tages freigelassen, die Mutter hat lebenslänglich. Der Zeitungstext ist mit achtzehn winzigen Nadeln an der Wand befestigt. Von Frank Füllgrabe