Mit Wärmebild-Kamera ausgestattet sucht die Drohne im hohen Gras nach Rehkitzen. Hilmar Fehling (links) und Felix Bössow hoffen, auf diese Weise die Tiere vor dem Mähtod bewahren zu können. Foto: ape

Rehkitze schützen: Jäger und Landwirte setzen bei Grasernte Drohnen ein

Barum. Sie liegen gut versteckt im hohen Gras. Niemand kann sie hören, niemand kann sie sehen. Geduldig warten sie auf ihre Mütter – selbst wenn der Schlepper mit dem Mähwerk kommt, selbst wenn es brummt und kracht: Rehkitze verlassen ihren Weideplatz in der Regel nicht. Das führt in der Mähsaison immer wieder dazu, dass die Jungtiere ins Schneidwerk geraten und sterben. „Bei den breiten Mähwerken, die die Maschinen heutzutage haben, ist einfach nicht dafür zu garantieren, dass sie das Reh nicht zu fassen kriegen“, bedauert Marcus Dittmer, Vorsteher der Barumer Jagdgenossenschaft. Immer wieder kam es darum bei der Grasernte in den vergangenen Jahren zu qualvollen Verstümmelungen von Jungtieren auf den Wiesen der Umgebung.
„Der Landwirt hat dafür Sorge zu tragen, dass er keine Rehkitze tötet“, erklärt Hilmar Fehling, selbst Bauer und Jagdpächter. Bislang schickte er darum seinen Rüden Ciro vor der Mahd durch die Barumer Wiesen, hängte er Plastiktüten an Holzpfähle, in der Hoffnung, dass die Ricke in der Nacht ihr Kitz aus dem „unruhigen“ Gelände holt. Viel Aufwand, der den Mähtod nicht immer verhindern konnte. Darum haben sich in Barum Jagdgenossenschaft, Pächter, Gemeinde und Landwirte zusammengetan und eine Drohne finanziert, die seit knapp zwei Wochen über die Wiesen fliegt. Mit Wärmebild-Kamera ausgestattet sucht das Fluggerät im hohen Gras nach den Tieren. Ciro hat Sommerpause, die Drohne, sagt sein Besitzer, sei viel effektiver – und spontan einsetzbar.
Pilot Felix Bössow hat sein Handy im Augenblick immer am Mann. Meist früh am Morgen, gegen 6 Uhr, ist sein Einsatz gefragt. Denn dann ist der Wärmekontrast zwischen Tier und Umwelt höher, werden die Kitze auf dem Bildschirm zuverlässiger angezeigt. Während hinter den Fenstern im Ort noch kaum ein Licht brennt, tobt in Feld und Wiesen das Leben.
Schon auf der Fahrt zum Acker sichtet Fehling ein Reh am Wegesrand. „Wo eins ist, sind noch mehr“, seufzt der Landwirt. Er hofft, dass er und sein Kollege Bössow die Jungen rechtzeitig aufspüren können – weil er ein Freund der Wildtiere sei, sagt er, aber auch, weil durch den sogenannten Mähtod ernsthafte gesundheitliche Auswirkungen für Nutztiere entstehen könnten. „Wenn die Leichenteile unter Luftabschluss mitsiliert werden, fördert das den Botulismus bei Rindern“, erklärt Marcus Dittmer. Dabei handelt es sich um eine meist lebensbedrohliche Vergiftung der Stalltiere.
Auf Dittmers Wiesen hat sich die Kamera der Drohne erst vor wenigen Tagen bezahlt gemacht: Fünf Kitze hat sie auf dem Bildschirm als kleine weiße Flecken angezeigt. Der Jäger und Landwirt hat sie alle einzeln mit ordentlich Gras bedeckt und an den Feldrand getragen. Die Grasschicht dient dazu, den menschlichen Geruch von den Kitzen fernzuhalten. Denn der könnte die Muttertiere abschrecken. Dann hat er ihren neuen Platz mit Pfählen markiert, um sie bei der Grasernte kurz darauf nicht erneut zu stören oder gar zu verletzen.
Anderthalb Stunden lang stehen Bössow und Fehling an einem Freitag am Rande der Wiesen und starren konzentriert auf den Kamerabildschirm. Vier Augen sehen mehr. Lange Zeit sehen sie an diesem Morgen nichts – doch dann, kurz vor Ende der Aktion, taucht ein weißer Fleck auf. Fehling ist erleichtert, das Tier ist gerettet. Wenn die Grasernte vorüber ist, steht im Herbst übrigens bereits der nächste Einsatz für die Drohne an. Dann suchen Bössow und seine Kollegen Wildschweine in den Maisfeldern. Von Anna Petersen