Projektleiter Christoph Probst (von links), Landrat Rainer Rempe als Stiftungsratvorsitzender, Bossard-Restauratorin Stefanie Nagel und die Leiterin der Kunststätte, Heike Duisberg-Schleier, gaben gestern den Startschuss zur Sanierung des Kunsttempels in Lüllau. Foto: rin

Erster Bauabschnitt zur Sanierung und Restaurierung von Mauerwerk und Kleinplastiken in Kunststätte Bossard

Lüllau. „Wir versuchen zu retten, was noch zu retten ist!“ Christoph Probst nahm gestern beim offiziellen Startschuss für die Sanierung des Kunsttempels in der Kunststätte Bossard kein Blatt vor den Mund. Der Tempel als Wahrzeichen der Kunststätte zerbröselt nämlich wortwörtlich langsam. Nun geht es in einer ersten Maßnahme darum, Mauerwerk und Kunstplastiken an der Fassade zu restaurieren.
Satte 688 000 Euro sind für diese erste Sanierungsphase, die sechs bis acht Monate in Anspruch nehmen wird, eingeplant. Zahlreiche Förderer machen die Sanierung möglich. Ihnen speziell dankte Landrat Rainer Rempe in seiner Funktion als Stiftungsratvorsitzender.
Materialwahl und Bautechnik zweitrangig
Wie sehr der Zahn der Zeit am Kunsttempel, der 1929 nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt wurde, nagt, zeigt Probst dann ganz anschaulich: Er zieht einfach einen Stein aus dem Mauerwerk. Gerade der Vorbau des Tempels, 1936 von Johann Michael Bossard und Ehefrau Jutta eigenhändig angebaut, ist marode. Und das hat seine Gründe.
„Formsprache stand für Bossard vor der Funktion“, verdeutlicht Heike Duisberg-Schleier, Leiterin der Kunststätte. Im Klartext: Bautechnik und Materialwahl waren dem Künstler ziemlich egal. So sitzen die Fenster im Tempel zu dicht am Boden, die Wasserableitung ist nicht ausreichend, und einen Dachüberstand gibt es auch nicht. Bossard reichte die dritte Wahl der verwendeten sogenannten Oldenburger Klinker, besonders heiß gebrannte Ziegel mit blau-violetter Färbung, weil er den Stein an sich schon als Gestaltungselement nutzen wollte.
Frostschäden nagen am Tempel
Heute muss der Kunsttempel für die Ansichten des Meisters bezahlen. Über Jahrzehnte konnte das Regenwasser fast ungehindert ins Mauerwerk eindringen, hatte allerdings aufgrund der Härte des Klinkers kaum eine Chance, auch wieder zu entweichen. Die Folge sind massive Frostschäden, die an vielen Stellen dafür gesorgt haben, dass Steine sich gelockert haben oder sogar abgeplatzt sind.
Als ob der Künstler damals schon geahnt hätte, dass sein Bau in backsteinexpressionistischem Stil besonderer Sicherung bedarf, reichte Bossard bloßer Mörtel nicht aus, um die vielen Kleinplastiken im Bauwerk zu befestigen. Er baute jeweils eine zusätzliche Drahtbefestigung ein. Das macht die Restaurierung heute nicht einfacher. Ähnliche Tücken hat Bossard an vielen Stellen im Tempel versteckt.
Entsprechend haben Restaurator Sajad Narouzi von der Firma Nüthen bei der Restaurierung des Mauerwerks und Restauratorin Julia Diezenann, die für die Bauplastiken zuständig ist, reichlich zu tun. Das Gute: Die Besucher der Kunststätte haben die Chance nicht nur durch den Bauzaun die Arbeiten der Restauratoren zu verfolgen. Zusätzlich werden Sanierungsführungen angeboten. Von Kathrin Röhlke