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Die Patienten können kommen: Der Mikrobiologe Dr. Sebastian Graefe hat die medizinische Leitung des Impfzentrums. Foto: t&w

Virologie erläutert Wirkung der Kreuzimpfung und warnt vor Delta-Variante

Winsen. Niedersachsens Impfzentren müssen (wieder einmal) umplanen. Wer als Erstimpfung Astrazeneca erhalten hat, soll nun eine Kreuzimpfung erhalten, also mit einem mRNA-Vakzin von Biontech oder Moderna. Das sorgt nicht nur logistisch für Probleme. Es wirft auch Fragen auf. Fragen die Dr. Sebastian Graefe beantwortet. Der Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie betreibt ein Reiseimpfzentrum auf Hamburg-St. Pauli und ist ärztlicher Leiter des Lüneburger Corona-Impfzentrums.
In ganz Niedersachsen erhalten Menschen nach einer Erstimpfung mit Astrazeneca künftig unabhängig vom Alter als zweite Spritze den Biontech- oder Moderna-Impfstoff. Rechtfertigt die Wirkung den Aufwand?
Graefe: Der Aufwand ist zunächst nicht größer, als wenn zwei Impfungen mit demselben Impfstoff verabreicht werden: Der Impfstoff muss aufgezogen und dann in den Oberarm gespritzt werden. Die Wirkung (als Antikörper-Spiegel gemessen) ist besser als bei homologer Impfung (mit zweimaliger Impfung mit demselben Impfstoff). Die wissenschaftlichen Ergebnisse zu dieser heterologen Impfung haben die seit Langem bekannten und immunologisch plausiblen Effekte bestätigt, nach denen das Immunsystem gut reagiert, wenn ein Molekül, gegen das eine Immunreaktion erfolgen soll, auf verschiedene Weisen präsentiert wird. Im vorliegenden Fall wird das Spike-Protein als erstes in einem Vektor-Virus und dann in Form der mRNA dem Immunsystem zur Reaktion angeboten. Ein gewisser organisatorischer Aufwand ist aber vorhanden, auch weil der heterologe Impfstoff vom Land zusätzlich verfügbar gemacht werden muss.
Wie stark nimmt die Schutzwirkung nach einer Kreuzimpfung zu?
Die Schutzwirkung einer Impfung lässt sich zunächst nicht pauschal quantifizieren. Sie muss zum einen genau definiert werden und zum anderen ist sie von weiteren Faktoren abhängig. Im Rahmen der Studien zu den Impfstoffen wurden sowohl sogenannte klinische Endpunkte als auch Laborergebnisse zugrunde gelegt bei der Bewertung der Wirksamkeit. Neueren Untersuchungen zufolge korrelieren Schutz vor Erkrankung und Antikörperspiegel, und es wurde festgestellt, dass letztere stark ansteigen, wenn heterolog geimpft wird. Daher kann davon ausgegangen werden, dass in diesem Falle auch die Schutzwirkung vor Erkrankung zunimmt. Da aber die Schutzwirkung vor schwerer Erkrankung nach homologer Impfung ohnehin hoch ist (über 90 Prozent), unabhängig vom Impfstoff, lassen sich durch heterologe Impfungen „nur“ wenige Prozent Zusatznutzen erreichen. Allerdings wären 5 Prozent Zunahme der klinischen Wirkung bei Tausenden Infizierten eine erhebliche Anzahl an Patienten, die nicht schwer erkranken würden.
Für wie gefährlich halten Sie die Delta-Variante?
Die Delta-Variante könnte nach den derzeitigen Erkenntnissen gefährlicher als die Alpha-Variante sein, was die Erkrankungsschwere betrifft. Erste Daten deuten darauf hin, dass ein höherer Anteil an Infizierten im Krankenhaus behandelt werden muss und dass mehr jüngere Personen darunter sind. Das kann aber auch durch die höheren Impfquoten unter der älteren Bevölkerung bedingt sein. Sie ist jedoch offenbar ansteckender als die ursprüngliche Form oder die Alpha-Variante. Zudem ist eine schwere Erkrankung nach Infektion wahrscheinlicher, wenn keine robuste Immunität durch eine vollständige Impfung vorhanden ist. Eine schwere Erkrankung wird durch eine vollständige Impfung zu über 90 Prozent verhindert.
Fast drei Millionen Menschen bundesweit sind bereits zweifach mit Astrazeneca geimpft worden. Wird für sie früher eine Auffrischimpfung kommen müssen als für diejenigen, die eine Kreuzimpfung aus Vektor- und mRNA-Vakzin erhalten haben?
Das ist schwierig vorherzusagen. Stand jetzt wird im Allgemeinen keine dritte Impfung nötig sein, um gegen die derzeit zirkulierenden Varianten auch länger als ein Jahr zuverlässig zu schützen. Bei älteren Personen oder Patienten mit Immunstörungen könnte eine frühere dritte Impfung sinnvoll sein. Die Überwachung der zirkulierenden Viren bleibt wichtig, um im Zusammenhang mit der Überprüfung der Immunität nach homologer oder heterologer Impfung deren Wirksamkeit einschätzen und gegebenenfalls anpassen zu können.
In Winsen werden auch Jugendliche ohne Vorerkrankung geimpft, wenn sie dies ausdrücklich wünschen und die Erziehungsberechtigten eingewilligt haben. Einige andere Impfzentren in Niedersachsen weisen die Jugendlichen trotz Termins ab. Können Sie das nachvollziehen?
Die Stiko hat keine allgemeine Empfehlung für die Impfung von Jugendlichen ausgesprochen. Daher kann ich durchaus nachvollziehen, dass diese in anderen Impfzentren abgewiesen werden. Wir hatten uns dazu entschlossen, Jugendliche nicht abzuweisen, weil das aus unserer Erfahrung zu erheblichem Unmut führt, ein organisatorischer Mehraufwand wegen ungenutzter Impftermine entsteht, der Impfstoff für Jugendliche zugelassen ist und weil in absehbarer Zeit ohnehin eine Änderung der Stiko-Empfehlung hin zu einer allgemeinen Empfehlung zu erwarten ist. Denn die Stiko hat kürzlich auch formuliert, dass bei den 12 bis 59-Jährigen eine Impfquote von mindestens 85 Prozent erreicht werden muss, damit eine ausgeprägte 4. Welle im Herbst/Winter unwahrscheinlich wird.
Derzeit ist Biontech der einzige Impfstoff, der für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren zugelassen ist. Rechnen Sie auch für Moderna mit einer Zulassung?
Ja. Klinische Studien laufen, es ist jedoch frühestens in 2022 mit einer Zulassung zu rechnen.
Können Arzneien irgendwann eine wichtige Rolle im Kampf gegen das Coronavirus übernehmen?
Das hoffe ich, denn die Behandlung einer schweren Covid-19 Erkrankung ist nach wie vor problematisch. Die Entwicklung von effektiven Medikamenten ist schwierig, es gibt viele Unwägbarkeiten, die einer raschen Zulassung im Wege stehen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine spezifischen und effektiven Therapeutika, die direkt gegen das Coronavirus gerichtet sind, sondern nur Medikamente und Maßnahmen, die die Schwere der Komplikationen, die zu einem großen Teil durch eine überschießende und ungerichtete Immunreaktion hervorgerufen werden, abfedern können.
Das Interview führte Werner Kolbe