Schilderten beim Erntegespräch die Situation der regionalen Landwirtschaft: Wilhelm Neven (Landvolk-Vorsitzender), Ulrich Peper (Landwirtschaftskammer), Kreislandwirt Martin Peters, Landwirt Lutz Marquardt. Foto: Mitzlaff

Trotz guter Ernte: Die Landwirte im Kreis plagen Zukunftsängste

Egestorf. Es sind die Tage der Entscheidung für die rund 700 Landwirte im Landkreis Harburg. Die Hälfte der Wintergerste ist gerntet, durch die eher wechselhafte Witterung der vergangenen Tage geht es nun langsamer weiter, bevor dann im August Winterraps, Sommergerste, Roggen und Weizen eingefahren werden müssen. Und in diesen Wochen wird sich herausstellen, ob die Arbeit eines Jahres letztlich von Erfolg gekrönt sein wird, oder doch noch Wetterextreme einen Strich durch die Rechnung machen.
Davor heißt es noch einmal kurz Durchschnaufen und die eigene Situation darstellen. „Erntegespräch“ überschreiben Kreislandwirt, Landwirtschaftskammer und Landvolk ihre alljährliche Einladung zu einem Pressegespräch, in dem auch immer gleich ein örtlicher Hof vorgestellt wird.
Schauplatz diesmal: Der Betrieb von Bettina und Lutz Marquardt mitten in Egestorf. Und bei diesen Terminen geht es längst nicht mehr nur um Getreidepreise und Erntebilanzen. Längst ist auch das Bild des Landwirts in der Gesellschaft ein Thema.
Weg vom Fleisch und dem Spritzen des Getreides, Nachhaltigkeit, angemessene Tierhaltung, Klimaschutz – die Anforderungen, die aus verschiedensten Kreisen mittlerweile an die Landwirte gestellt werden, sind ebenso hoch wie vielfältig. Und der Ruf des Bauern hat gelitten – das bekommt auch Lutz Marquardt regelmäßig zu spüren. „Wir sind hier mitten in der Lüneburger Heide, Touristen sprechen das immer wieder an“, schildert der Landwirt. Auffällig aber sei auch, „wie wenig viele von ihnen wirklich von der Thematik wissen“ – besonders Besucher aus den Städten würden oftmals ihre Meinungen kundtun, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie die Erzeugung der Grundnahrungsmittel vor sich geht. „Wir selbst erzeugen jetzt kein Brotgetreide mehr, weil der Düngereinsatz ja entsprechend verändert werden musste. Stattdessen bauen wir Futtergetreide an, obwohl doch weniger Fleisch gegessen werden soll“ – die Logik, die dahinter stehen soll, erschließt sich dem Egestorfer nicht.
Natürlich hätten auch die Landwirte in der Vergangenheit Fehler gemacht, weiß Lutz Marquardt. Mittlerweile gehe es aber bei politischen Entscheidungen oftmals gar nicht mehr um die Sache, sondern um Ideologie, Pauschalisierungen und den Druck bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, so sein Eindruck. Das hat auch Konsequenzen für den eigenen Hof: Die 15-jährige Tochter habe schon Interesse an der Landwirtschaft, sei aber zunehmend unsicher, ob sie mit der Übernahme des Betriebes wirklich eine berufliche Perspektive hat.
Anderen geht es ähnlich – die Zahlen sprechen da eine deutliche Sprache. Von den 700 landwirtschaftlichen Betrieben im Kreis Harburg sind mittlerweile schon 400 im Nebenwerb und nur noch 300 im Haupterwerb. Und die Zahl der landwirtschaftlichen Höfe sinkt beständig, Familie Marquardt hat das im eigenen Dorfe miterlebt. Gab es Ende der 80er Jahre noch eine Vielzahl an Vollerwerbs-Höfen in Egestorf, so sind es mittlerweile nur noch zwei.
„Der gesellschaftliche Anspruch an die Landwirtschaft und die weiterhin fehlende Bereitschaft der Honorierung landwirtschaftlicher Wertschöpfung und Leistung prallen frontal gegeneinander“, sagt dazu Ulrich Peper von der Landwirtschaftskammer-Außenstelle Buchholz. Entsprechend wichtig sei es, dass die Ernte diesen Sommer wahrscheinlich eine Gute wird: „Denn auch emotional fühlt sich die Landwirtschaft erheblich unter Druck.“ Eine spürbare Zukunftsangst sei allgegenwärtig. Von Thomas Mitzlaff

Landwirtschaft im Kreis Harburg Hoffen auf gute Ernte Weltweit steigen die Preisen für Getreide in diesem Jahr um rund zehn Prozent. Die Landwirte im Kreis Harburg sind vorsichtig optimistisch, dass es dazu noch eine gute Ernte geben wird. Zehn Prozent höher als im Vorjahr könnte sie ausfallen, sagt Ulrich Peper von der Landwirtschaftskammer, niedersachsenweit sind es nur rund sechs Prozent. Hintergrund sind die unter dem Strich guten Wetterbedingungen im vergangenen Jahr. Insgesamt trübten aber ein enormer Kostendruck, die weiterhin unbefriedigenden Erlösaussichten in der Tierproduktion und die fortdauernde Pandemiesituation die Stimmung.