Eine Investition in die Zukunft: Im Rahmen des Projektes „Finka“ aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt verzichtet Landwirt Thore Cordes auf einer drei Hektar großen Versuchsfläche erstmals auf Pflanzenschutzmittel, die gegen Insekten und Unkräuter eingesetzt werden. Freiwillig. Foto: Behns

Thore Cordes verzichtet auf Pflanzenschutzmittel – obwohl er eigentlich konventionell wirtschaftet

Undeloh/Wesel. „Teufelszeug“, murrt Thore Cordes und reißt einen schmalblättrigen grünen Strauch aus dem Erdboden. Quecke: widerstandsfähig, vermehrungsfreudig, auf dem Acker nicht gern gesehen. Früher hat der Junglandwirt zur Spritze gegriffen, um dem Kraut mit Pestiziden beizukommen. Doch im diesem Jahr ist alles anders – zumindest auf seinem Roggenschlag am Wald bei Undeloh.
Im Rahmen des Projektes „Finka“ aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt verzichten der 24-Jährige und sein Vater Christian Cordes auf einer drei Hektar großen Versuchsfläche erstmals auf Pflanzenschutzmittel, die gegen Insekten und Unkräuter eingesetzt werden. Freiwillig. Statt mit der Spritze versuchen sie das Unkraut wie die Kollegen aus dem Ökolandbau mit einem Striegel zu bekämpfen.
Warum? Das Duo aus dem Landkreis Harburg will herausfinden, wie ohne Pflanzenschutzmittel gute Erträge erzielt werden können und wie sich diese Bewirtschaftungsweise auf die Insektenvielfalt auswirkt. „Wir hoffen, dass wir auf diese Weise bald eine Daten-Grundlage haben, um in der Diskussion um den Insektenschutz sagen zu können, was das Ganze kostet“, erklärt der Junior. Dafür haben sie sich Unterstützung aus dem Nachbarort gesucht: Ein befreundeter Bio-Landwirt steht den beiden bei ihrem Versuch mit Rat und Tat zur Seite.
Quecke und Kamille haben trotzdem ihren Weg auf den Acker gefunden. Dabei hatte Thore Cordes das Wachstum der Pflanzen ganz genau beobachtet: „Man muss deutlich mehr abwägen“, stellt er fest. Sind die Pflanzen hoch genug, dass sie bei der Unkrautbekämpfung mit der Maschine nicht beschädigt werden? Sind die Unkräuter zu groß, um noch regulierbar zu sein? Während er auf der einen Hälfte des Ackers das Problem zu Vergleichszwecken wie gewohnt mit der Spritze im Griff behalten konnte, war auf der anderen deutlich mehr Augenmaß gefragt – mehr Investment, sowohl praktisch als auch finanziell.
Mehr Saatgut ist notwendig
Im Portemonnaie hat sich der Versuch bereits beim Saatgutkauf bemerkbar gemacht. Auf der hochkonventionellen Fläche hat Thore Cordes lediglich 220 Körner pro Quadratmeter gedrillt, auf der anderen Ackerhälfte 100 Körner mehr. „Wir wollten dort früher einen dichten Teppich haben, um andere Kräuter zu unterdrücken“, erklärt er. Das hat aber auch Nachteile: Der Junglandwirt schiebt seine Hand zwischen die Pflanzen: „Hier ist es jetzt schön dicht – ideale Brutbedingungen für Pilzkrankheiten.“ Denen kann er nur bedingt mit Fungiziden beikommen.
Diese Mittel und solche zur Wachstumsregulierung sind im Experiment erlaubt. Letztere sollen verhindern, dass die Ähren zu hoch wachsen – und dabei vom Wind beschädigt werden oder die Körner vor der Ernte aus den Ähren fliegen.
Zu viel Regen für den Roggen
Thore Cordes pflückt eins aus der Hülse, drückt mit den Fingernägeln in die Schale, steckt sich das Korn schließlich in den Mund: „Ist noch nicht hart genug“, erläutert er. Zu viel Feuchtigkeit. Der Regen hat beide Schläge in Mitleidenschaft gezogen. Thore Cordes seufzt: „Langsam drückt die Ungeduld.“ Das Korn muss dringend in die Scheune.
Jetzt kann er keinen Regen gebrauchen, doch oft ist es umgekehrt: Zu dem Weseler Betrieb gehören 200 Hektar Ackerland im Naturschutzgebiet. Dort darf nicht beregnet werden. „So haben schon mein Opa und mein Vater gearbeitet“, weiß Thore Cordes. „Eine Herausforderung und Verantwortung zugleich.“
Um auch in Zukunft wirtschaftlich arbeiten zu können, will sich der Hofnachfolger rechtzeitig auf mögliche Veränderungen im Ackerbau vorbereiten: Strengere Auflagen bei der Düngung und beim Spritzmitteleinsatz zwingen die Landwirte zum Umdenken: „Da müssen wir einfach schauen, was wir vom Ökolandbau lernen können, um besser zu werden“, findet Thore Cordes.
Kooperation mit einem Bio-Bauern
Know-how und Maschinen bezieht er dafür von seinem Kumpel, einem Bio-Bauern aus Itzenbüttel. Früher hat Thore Cordes auf dessen Betrieb bei der Kartoffelernte geholfen, jetzt steht ihm der Kollege mit Rat und Tat zur Seite. „Wir haben schon immer gern und viel über die Landwirtschaft diskutiert“, verrät der 24-Jährige. Diskutabel ist aus seiner Sicht etwa der Dieselverbrauch und die Bodenbelastung bei der aufwendigen Unkrautbekämpfung mit der Maschine. „Wer weiß, vielleicht wird unsere konventionelle Fläche am Ende ja sogar besser abschneiden“, überlegt er laut.
Wissenschaftliche Begleitung
Die Versuchsflächen der insgesamt rund 30 Projektteilnehmer aus Niedersachsen werden wissenschaftlich betreut. „Den ganzen Sommer über sind hier Gruppen von Menschen über den Acker gelaufen, um Untersuchungen anzustellen“, berichtet Thore Cordes. Mit speziellen Fallen und Kameras werden Insekten bestimmt, um Veränderungen in Anzahl und Art beobachten zu können.
Sowohl auf der pestizidfreien als auch auf der konventionell bewirtschafteten Fläche wurden darüber hinaus Nisthilfen für Insekten aufgestellt. „Kurz vor der Ernte packen wir die in Plastiktüten und schicken sie an die Partner-Unis“, erklärt der Weseler Landwirt. Vor ein paar Jahren hat er schon einmal von Lüneburger Studenten das Insektenleben auf seinen Feldern untersuchen lassen. 157 verschiedene Arten seien damals gefunden worden, erinnert sich Vater Christian Cordes. Viele davon stünden auf der roten Liste.
Fünf Jahre biszum Ergebnis
Auch er ist gespannt, wie sich das Experiment auf Artenvielfalt und Effizienz seiner Wirtschaft auswirkt. „Aber bis wir ein ehrliches Ergebnis haben, dauert es sicher fünf Jahre“, glaubt Thore Cordes. „Ein Jahr ist kein Jahr“ – schon wegen der unterschiedlichen Witterungsbedingungen.
Roggen verzeiht viel. Roggen ist resistent. Auf den ersten Blick kann der Landwirt kaum einen Unterschied beim Getreide auf seinen beiden Vergleichsflächen feststellen. Das stimmt ihn so zuversichtlich, dass er im kommenden Jahr plant, das Experiment nicht nur im Roggen-, sondern auch im Maisanbau fortzusetzen. Doch zunächst einmal muss das Getreide vom Acker. Von Anna Petersen