Nach genau 20 Jahren im Amt wird Samtgemeindebürgermeister Rolf Roth sein Büro im Marschachter Rathaus räumen. Bis dahin ist noch jede Menge zu tun. Foto: fw

Nach 20 Jahren als Bürgermeisters der Elbmarsch endet bald die Ära Rolf Roth

Marschacht. Maximal zehn Jahre hatte Rolf Roth eigentlich für seinen Ausflug ins Büro des Samtgemeindebürgermeisters geplant, als er sich 2001 von der SPD als Kandidat für das oberste Amt in der Elbmarsch aufstellen ließ. Nun gehört ihm das Büro des Samtgemeindebürgermeisters schon seit 20 Jahren, und wenn es nach den Wünschen Menschen in der Elbmarsch gegangen wäre, müsste er noch einmal fünf Jahre nachlegen. Aber Ende Oktober ist für Roth Schluss. „Ich bin politikmüde“, sagt er.
Dass er 2001 die Wahl um den Bürgermeisterposten gewann, war damals für viele Elbmarscher eine Überraschung. Roth holte als Neuling – er war erst ein Jahr vorher in der Elbmarscher SPD aktiv geworden – gegen den CDU-Mann Adolf Möller mit knapp 55 Prozent den Sieg. „Gastwirt gegen Verwaltungsfachwirt“, hatten damals böse Stimmen geunkt, dass ein Fachmann aus der Gastronomie keine Verwaltung leiten könne. Doch damit hatten sie sich getäuscht. Rolf Roth wurde 2006 und 2014 zweimal wiedergewählt. Ein Gegenkandidat blieb 2006 völlig chancenlos, Roth holte die zweithöchste Mehrheit bei den Bürgermeisterwahlen in Niedersachsen. 2014 trat niemand mehr gegen ihn an, Roth fand bei den Elbmarschern fast 90 Prozent der Elbmarscher Zustimmung.
Die hat er sich im Laufe der Jahre hart verdient. Als er im November 2001 in sein Büro im Rathaus einzog, war die Verwaltung einer Samtgemeinde zwar Neuland für ihn, aber er fand Unterstützung im Team. „Vor allem Ulrich Vick als mein Stellvertreter hat mich beispielhaft an die Hand genommen. Aber auch das gesamte Team war offen und aufgeschlossen und hat mich unterstützt“, erinnert Roth sich an die ersten Monate im Amt. Die Verbundenheit mit seinen Mitarbeitern im Rathaus ist auch heute beispielhaft. Der Samtgemeindebürgermeister macht jeden Montagmorgen seine Runde durchs Rathaus und begrüßt jeden Mitarbeiter, hält einen kleinen Plausch und ist jederzeit offen für Gespräche.
Bürgermeister mit einem offenen Ohr
Das betrifft aber nicht nur seine Mitarbeiter, sondern auch die Bürger in der Elbmarsch. Roth war immer ein Samtgemeindebürgermeister zum Anfassen. Jemand, der fast rund um die Uhr ansprechbar ist. Wer mit ihm reden möchte, vereinbart einen Termin oder spricht ihn einfach beim Wocheneinkauf in Marschacht an. „Es gab kaum Gelegenheiten, bei denen ich Menschen vertrösten musste. Das war einmal an einem Sonnabendmorgen um halb acht beim Brötchenholen. Meine Familie wartete aufs Frühstück und ich wollte sie nicht warten lassen“, erzählt Roth lachend.
Für den sportlichen Bürgermeister war es selbstverständlich, beim alljährlichen Pfingstlauf nicht nur den Startschuss abzugeben, sondern auch als Sportler dabei zu sein. Unvergessen ist wohl ein öffentlicher Fotovortrag, bei dem er über die Besteigung des Elbrus berichtete, des höchsten Gipfels des Kaukasus. Bergsteigen gehört noch heute zu seinen Leidenschaften: Vor zwei Jahren war Roth unterwegs auf dem Ararat.
Erste Herausforderung: Jahrhunderthochwasser
Die erste große Herausforderung im Amt kam mit dem Jahrhunderthochwasser 2002. Dass Roth sich in Sachen Katastrophenmanagement bereits aus seiner Funktion beim Kirchentag mit ähnlichen Szenarien auskannte, spielte ihm da in die Karten. Von sechs Uhr morgens bis um Mitternacht verbrachte er während des Hochwassers seine Zeit im Büro, rief einen Krisenstab zusammen und war für jeden Bürger, der voller Angst auf die Wasserstände sah, ansprechbar.
An dem Tag, an dem der Scheitelpunkt des Hochwassers durch die Elbmarsch rauschte, sei er mit dem Rad den ganzen Deich entlang gefahren, um sich die Situation anzusehen, erinnert er sich. Und als er mittags in Marschacht auf dem Deich stand und sah, dass das Deichvorland zwar ein riesiger See gewesen sei, aber eine Gefährdung für die Menschen nicht bestand, sei einer der schönsten Momente in seiner Amtszeit gewesen.
Breitband für jede Milchkanne
Meilensteine hat Rolf Roth innerhalb von 20 Jahren viele gesetzt. Einer davon war die Einführung der flächendeckenden Nachmittagsbetreuung 2007, als andere Gemeinde davon noch träumten. Auch der Ausbau des Breitbandnetzes „als wir jede Milchkanne angeschlossen haben“, war ein beispielhaftes Projekt, um das die Elbmarsch häufig beneidet wird. „Da galt es aber, auch in der eigenen Politik, erstmal viele dicke Bretter zu bohren“, so Roth. Denn nicht jeder Ratsherr war vor zehn Jahren davon überzeugt, dass das Internet ein Standortfaktor werden würde. Roth hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die Leader-Region Achtern-Elbe-Diek entstand und die Jugendarbeit in der Samtgemeinde ausgebaut wurde. Ohne sein Engagement gäbe es wohl noch keine Pläne für ein neues Jugendzentrum.
Es gab allerdings auch Momente, die weniger schön waren. Die „Finanzkrise“ der Elbmarsch, als ein durch eine Rechenfehler im Haushalt entstandener beträchtlicher Fehlbetrag für Aufregung sorgte, ein Disziplinarverfahren gegen ihn einige Jahre später, nachdem die Jugendpflegerin der Elbmarsch entlassen wurde und die Flüchtlingskrise, zu deren Beginn Roth vielen Vorurteilen begegnete, waren einige davon. „Aber gerade die Flüchtlingskrise hat dann auch gezeigt, dass sich viele Menschen hier beispielhaft gekümmert haben. Darauf bin ich sehr stolz“, so Roth.
Politik gehört nicht mehr zum Leben
Doch langsam heißt es Abschied nehmen vom Büro im Rathaus mit Blick auf den Deich und ein Storchennest direkt hinter dem Rathaus. Der Schreibtisch ist mit Akten bedeckt, die Roth noch aufarbeiten möchte, um seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin ein geordnetes Haus zu hinterlassen. „Meinen Urlaub werde ich wohl nicht mehr nehmen können, aber das ist nicht schlimm. Ich habe dann ja frei“, lacht er.
Für die Zeit nach dem Rathaus hat er jede Menge Pläne. Das private Arbeitszimmer soll bis Jahresende auf Vordermann gebracht werden, Skifahren, Bergsteigen und viel Sport stehen auf dem Plan. Nur Politik wird nicht mehr dabei sein. „Ich möchte einen sauberen Schnitt machen“, hat er alle Angebote verschiedener Fraktionen für eine politische Betätigung ab November ausgeschlagen. Brot backen, ein Hobby, das er in der Corona-Krise entdeckt hat, wird aber zu seinen Beschäftigungen gehören. Von Franzis Waber