In der größten Igelstation in Norddeutschland versorgt Antje Fabrizius-Voigt verletzte und kranke Tiere. (Foto: mhe)

Mähroboter sind die Feinde der Igel

Amelinghausen. Über eine gewundene Treppe aus weißem Stein geht es in das Obergeschoss von Ralph Göttings Wohnhaus in Amelinghausen. Auf den ersten Blick fallen einem die vielen Käfige auf – und der vertraute Geruch von Katzenfutter. In einer Ecke raschelt es, aus der anderen kommt ein herzhaftes Schmatzen. Vier kleine Igelkinder schlagen sich dort die Bäuche voll.
Es ist Fütterungszeit in der kleinen Igelhilfe Amelinghausen, der gemeinnützige Verein versorgt zurzeit etwa 30 erwachsene und 39 Baby-Igel, die verletzt oder krank sind und in Amelinghausen überwintern. Die Zahl steigt ständig. „Allein heute haben wir sieben Tiere dazu bekommen“, berichtet Gründer Ralph Götting bei einem Besuch des WA. Im letzten Jahr nahm die größte Igelstation in Norddeutschland 365 Tiere auf.

Schnecken und Würmer übertragen Parasiten

Ralph Götting und Antje Fabrizius-Voigt versorgen neben Mähroboter-Opfern und unterernährten Jungtieren unter anderem auch immer mehr Igel mit Lungenproblemen. Auf der Intensivstation gibt es neben den Inkubatoren daher auch ein Sauerstoffgerät. In und auf einem großen Wohnzimmerschrank stapeln sich Medikamente – die eigene Apotheke. Im Labor sind Kotuntersuchungen vor Ort möglich. Als Ursache für die Lungenbeschwerden der Igel hat Ralph Götting das Insektensterben ausgemacht.
„Die Hauptnahrungsquelle der Igel ist eigentlich der schwarze Laufkäfer. Wenn sie keine Insekten finden, fressen sie mehr Schnecken und Regenwürmer, die Überträger von Parasiten, Lungenwürmern, sind“, erklärt der gelernte Zimmermann, der seine Freizeit seit 2015 dem Retten der putzigen Tiere widmet. Über den Kot verbreiten sich die Parasiten-Larven dann auch unter den Igeln weiter. Seine Empfehlung: Zufüttern. Katzenfutter ist dafür geeignet, dabei sollte aber darauf geachtet werden, dass es einen hohen Fleischanteil hat ohne Gelatine, Soße, Getreide oder Zucker (das gilt übrigens auch für den Stubentiger).
Auch der Klimawandel beeinflusst die stacheligen Säuger: „Durch die Verschiebung der Jahreszeiten haben wir inzwischen sogar im Oktober noch Säuglinge“, berichtet Antje Fabrizius-Voigt, die bei sich zu Hause die Baby-Station am Laufen hält. Im Frühjahr regen sich die Winterschläfer teilweise früher. Der Igel wacht auf sobald die Außentemperatur durchgehend acht Grad Celsius beträgt.
„Eigentlich ist das meist im Mai nach den Eisheiligen. Durch den Klimawandel hat sich das verschoben, manchmal haben wir im März schon 20 Grad – und die Leute gehen immer früher mit der Sense oder ähnlichem in den Garten“, berichtet Götting. Um die Tiere bestmöglich zu versorgen, arbeiten er und Antje Fabrizius-Voigt eng mit der Tierklinik Lüneburg zusammen, die auch viele Igel-Finder an die Igelhilfe verweist.

Immer weniger wild lebende Igel

Generell solle man sich seinen Garten genau anschauen, bevor die scharfen Gerätschaften zum Einsatz kommen, so Götting. In Bayern stehen die Igel bereits auf der Roten Liste gefährdeter Arten, in Niedersachsen auf einer Vorliste. „Vor ein paar Jahren lagen noch deutlich mehr tote Igel auf der Straße. Das liegt daran, das es insgesamt weniger Igel gibt.“ Neben Auto, Sense, Freischneider und Co. sind Mähroboter eine große Gefahr für die knopfäugigen Tiere.
Ganz besonders wenn sie in den Abendstunden das Gras kürzen sollen, in denen die Igel aktiv werden. Mehr Tiere als je zuvor würden derzeit mit Fußverletzungen aufgefunden, Knochenbrüchen, Amputationen oder Teilamputationen, berichtet Antje Fabrizius -Voigt. Viele leiden unter Abszessen und Madenbefall.
Wenn die kranken oder verletzten Tiere überleben, die Wunden verheilt sind und die kalte Jahreszeit überstanden ist, werden sie ausgewildert. Um sich wieder an die Außenwelt zu gewöhnen, können sich die Igel zunächst sicher in Ralph Göttings Garten austoben. 1100 Quadratmeter sind igelsicher eingezäunt. Weitere Infos gibt es online unter www.igelhilfe-amelinghausen.de. Im Notfall ist die Igelhilfe telefonisch erreichbar unter (01 63) 8 72 46 92 und (01 73) 9 89 57 26.
Von Marieke Henning
Zur Sache Das Projekt Schneeflocke Der Verein Die kleine Igelhilfe Amelinghausen finanziert sich durch Spenden und die Mitgliedsbeiträge der aktuell 92 Mitglieder in Höhe von zwei Euro im Monat. Seit dieser Woche hat der Verein auch den Status „gemeinnützig“. „Wir versuchen jetzt auch Firmen anzuschreiben“, berichtet Gründer Ralph Götting. Ganz besonders am Herzen liegt ihm und Antje Fabrizius-Voigt das Spenden-Projekt Schneeflocke: Für den nächsten Winter will die Igelhilfe zusätzliche Draußen-Schlafplätze schaffen. Die vorerst acht Boxen sollen vom Sonnenhof in Ochtmissen angefertigt werden, der Menschen mit Behinderung die Möglichkeit bietet, eine Ausbildung zu machen. Wer das Projekt Schneeflocke unterstützen möchte, kann an folgendes Konto spenden: Volksbank Lüneburger Heide, IBAN DE77 2406 0300 8520 8655 00, Verwendungszweck: Projekt Schneeflocke.