Handballschiedsrichter
Pfeifen am Limit: In Niedersachsen gibt es so wenige Handballschiedsrichter, dass Spiele abgesetzt werden müssen. (Foto: AdobeStock)

Schiedsrichter am Limit

Handballschiedsrichter auf Landesverbandsebene sind Mangelware. Ein Grund dafür ist die Doppelfunktion vieler Unparteiischer, die zusätzlich noch als Trainer oder Spieler an den Wochenenden im Einsatz sind.

Landkreis. Das letzte Wochenende förderte eine erschreckende Erkenntnis zutage: In der Handball-Landesliga Nord-Ost der Frauen mussten zwei von vier Spielen abgesagt werden, weil dem Handball-Verband Niedersachsen (HVN) dafür schlicht keine Schiedsrichter zur Verfügung standen.

Dass Schiris seit Jahren – und wohl auch nicht nur im Handball – Mangelware sind, ist natürlich längst bekannt. Aber Spielabsagen aus diesem Grund werden jetzt mehr. Der WA fragte bei HVN-Schiedsrichterwart Volker Pellny nach den Ursachen für diese Negativentwicklung.

„Das letzte Wochenende war natürlich krass“, bestätigt der Burgdorfer. „Unsere Schiedsrichter hatten einen 130-prozentige Auslastung. Viele haben gleich drei Partien an einem Wochenende gepfiffen“, schildert er die Problematik. „Allein am Freitag haben wir Ansetzer 20 Stunden investiert, um die Spiele besetzt zu kriegen.“

Eine Ursache dafür kennt er genau: die Doppelfunktion vieler Unparteiischer. „Die große Mehrzahl unserer Schiedsrichter ist außerdem auch noch Spieler oder Trainer. Da kommt es regelmäßig zu Terminkollisionen“, berichtet Pellny. Spielt ein Schiri selbst oder hat sein von ihm gecoachtes Team ein Punktspiel, trägt er einen Freitermin ein und wird entsprechend nicht eingesetzt. „Das hat es natürlich schon immer gegeben. Aber der Trend ging zuletzt in die Richtung, dass die Schiedsrichterei bei zu vielen hintenanstehen.“ Ein bisschen sorgt das bei ihm für Unverständnis, weil nicht jeder Schiri hochklassig coacht oder spielt.

Die nächste Hürde bildet Niedersachsen selbst: Das Flächenland stellt Schiedsrichter und Ansetzer vor große logistische Herausforderungen. Ein paar ganz Verrückte haben sich förmlich dem fahrenden Volk angeschlossen, tobten letztes Wochenende von Bremen nach Rosdorf und legten auf dem Rückweg noch einen Zwischenstopp in Hannover ein – alles, um Spiele zu pfeifen.
Pellny hat im HVN-Kader 550 Schiedsrichter gelistet; 150 pfeifen auf Verbands- und Oberliga-Ebene, rund 400 stehen für die Landesligen zur Verfügung. Je nachdem was im Jugendbereich los ist, benötigt man zwischen 220 bis 270 Unparteiische pro Wochenende.

Das Durchschnittsalter der HVN-Schiris liegt bei 32 Jahren. Eigentlich nicht schlecht, möchte man meinen. Doch der genaue Blick auf die Struktur lässt Pellny schon jetzt schwer atmen: „Wir haben viele Schiris zwischen 20 und 24 sowie zwischen 44 und 55. Danach hören viele mit dem Pfeifen auf. Und wenn ich sehe, wie viele in den nächsten Jahren die 50 überschreiten, ist mir klar, dass wir bald ein noch größeres Minus als bisher haben werden.“ Zumindest wenn sich nichts tut und sich nicht mehr Sportler dafür entscheiden, sich als Schiedsrichter zu engagieren.

Bundesweit werden immer wieder Kampagnen angestoßen, um neue Schiris zu gewinnen. Der Erfolg ist überschaubar. „Wir haben im HVN beispielsweise viele freiwillige Lehrgänge angeboten, darunter Soft-Skills-Lehrgänge, in denen es um soziale Kompetenz geht. Die Inhalte waren analog zu jenen in der freien Wirtschaft; für solche Kurse muss man da viel Geld zahlen. Aber von zehn angebotenen Maßnahmen trafen vielleicht drei auf gute Nachfrage“, erzählt Pellny. Erklärungen dafür, dass ein Lehrgang ankommt, einer anderer nicht, hat er keine.

Der ehrenamtliche Schiedsrichterwart gibt aber nicht auf: Ein Arbeitskreis beschäftigt sich im HVN momentan mit der Entwicklung des Schiedsrichterei. Und 2022 wird in Niedersachsen das Jahr des Schiedsrichters ausgerufen. Vielleicht hilft das ja.

Von Kathrin Röhlke