Dr. Kristina Brinkmann und Dr. Stephan Apel haben gemeinsam eine Hausarztpraxis in Hanstedt eröffnet. Die Förderung aus dem Projekt "stadtlandpraxis" hat dabei Überzeugungsarbeit geleistet. (Foto: Hansen)
Dr. Kristina Brinkmann und Dr. Stephan Apel haben gemeinsam eine Hausarztpraxis in Hanstedt eröffnet. Die Förderung aus dem Projekt "stadtlandpraxis" hat dabei Überzeugungsarbeit geleistet. (Foto: Hansen)

Neue Hausärzte braucht der Kreis

Der Ärztemangel im Landkreis Harburg verschärft sich. Doch es gibt erste Hoffnung: Das Kreis-Projekt „stadtlandpraxis“ hat Mediziner nach Hanstedt gelockt

Hanstedt. Einen Hausarzt im „suburbanen“ Raum zu finden, ist schon lange nicht mehr leicht. Der Landkreis Harburg ist laut Landrat Rainer Rempe ein suburbaner Raum, eben vor den Toren einer großen Stadt. Dem Mangel an Hausärzten versucht die Kreisverwaltung seit 2012 mit der Projektförderung „stadtlandpraxis“ entgegenzuwirken. Federführend bei dieser Initiative ist Reiner Kaminski, Fachbereichsleiter Soziales beim Landkreis. Das Projekt wirkt, da sind sich Rempe und Kaminski einig. Grundsätzlich liegen die beiden richtig, wäre nur das Gesamtproblem nicht so furchtbar komplex.

Die gute Nachricht zuerst: Dr. Kristina Brinkmann und Dr. Stephan Apel, beide Fachärzte für Allgemeinmedizin, haben sich mit einer neugebauten Praxis im Hanstedter Neubau-Projekt Peperhof als Hausärzte niedergelassen. Ein Sprung in die Selbstständigkeit, den die beiden Mediziner ohne die „stadtlandpraxis“-Förderung wohl nicht gewagt hätten. Die Praxis habe man von Grundriss an mitplanen können, aber man muss das ja auch bezahlen. Rund 200 000 Euro habe man investiert, sagt Apel im Pressegespräch. Etwa ein Viertel davon, genau 48 000 Euro, hat der Landkreis im Rahmen der Förderung übernommen. Die Summe setzt sich aus je 24 000 Euro pro niedergelassenem Arzt zusammen. Kristina Brinkmann und Stephan Apel sind mit der Förderung die Verpflichtung eingegangen, die Praxis für mindestens fünf Jahre zu betreiben. Der Mietvertrag im Ärztehaus Peperhof läuft über zehn Jahre.

30 000 Menschen im Landkreis ohne Hausarzt

Im August wurde die Praxis eröffnet, vier Fachangestellte arbeiten mit den beiden Medizinern. Dr. Kristina Brinkmann (49) war in den vergangenen 16 Jahren als angestellte Medizinerin in verschiedenen Hausarztpraxen tätig, darunter drei Praxen im Winsener Kreisgebiet. Dr. Stephan Apel (46) war sieben Jahre lang im Krankenhaus Lüneburg und drei weitere Jahre in Hausarztpraxen tätig. Keiner von beiden brachte Patienten mit, trotzdem liege die Auslastung jetzt bereits bei rund 80 Prozent, sagt Apel. „Viele Menschen suchen einen Hausarzt.“ Er schätzt, dass rund 30 000 Menschen im Landkreis momentan ohne Hausarzt sind. Eine Zahl, die auch Reiner Kaminski für realistisch hält.

Mathematisch genau hat die Kreisverwaltung 153,25 Hausarztstellen in den drei Planungsräumen Buchholz, Winsen und Harburg Nord festgestellt. Den Bedarf deckt das noch nicht, 17 weitere Hausarztstellen könnten noch eingerichtet werden. Der Landkreis beschäftigt sich übrigens dabei mit einem Problem, das nicht in erster Linie seines ist. Die ambulante medizinische Versorgung sicherzustellen, ist Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Die entsprechenden Erfordernisse sind dabei gesetzlich und vertraglich geregelt.

Hoher Altersschnitt bei niedergelassenen Ärzten

„stadtlandpraxis“ allerdings wirkt einem Mangel entgegen, der sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird. Dass rund 74 Prozent der Mediziner im Landkreis älter als 50 Jahre sind, zeigt, dass das Wettrennen gegen die Zeit längst läuft. Betroffen sind nicht nur niedergelassene Ärzte, sondern auch die Krankenhäuser in Buchholz und Winsen. Es droht eine Lücke, die der nur langsam nachrückende Nachwuchs nicht wird schließen können. Landrat Rainer Rempe hält Erleichterungen schon beim Zugang zum Medizinstudium für notwendig. „Der Numerus clausus muss runter, und die Universitäten müssen mehr Studienplätze anbieten.“

Deutliche Kritik übt Dr. Stephan Apel am bürokratischen Aufwand, den die Ärzte mittlerweile leisten müssen. 40 Prozent der Arbeit leiste er außerhalb der Sprechstunde. Die Dokumentation zum sogenannten Notfalldatenmanagement-Satz für die elektronische Gesundheitskarte ist ein Beispiel. „Es bringt nur nicht wirklich etwas, denn Rettungsdienste etwa können diese Karte gar nicht auslesen“, sagt Apel, der auch als Notarzt im Landkreis unterwegs ist.

Zu viel Bürokratie im Praxis-Alltag

Noch deutlicher wird Apel, wenn er auf das Digitalisierungsprojekt von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angesprochen wird. Die elektronische Patientenakte entlaste im Prinzip nur die Krankenkassen, nicht aber die Mediziner. Da bedeute es noch mehr Bürokratie. Der 46-Jährige warnt: „Viele der älteren Kollegen sagen sich, wenn das kommt, dann höre ich auf.“ Dr. Kristina Brinkmann sieht die Bürokratie in den Praxen ebenso kritisch: „Ich arbeite seit 16 Jahren in diesem System. Da kommt wirklich vieles auf einen zu, mit dem man nicht rechnet.“ Selbst Rainer Rempe als Chef einer Verwaltung gibt zu, dass auch er die überbordende Bürokratie im Gesundheitswesen für ein Übel halte. Es mischten da zu viele Interessen mit.

Umso schöner, möchte man sagen, dass Dr. Kristina Brinkmann und Dr. Stephan Apel sich doch für die Neueröffnung einer gemeinsamen Praxis im suburbanen Hanstedt entschieden haben. Die beiden Mediziner rechnen Reiner Kaminski seinen Einsatz hoch an. Die Förderung durch „stadtlandpraxis“ habe sie mutiger gemacht bei den Investitionen in Praxis und Betriebsmittel, so Apel. Und Brinkmann dankt: „Herr Kaminski war als Ansprechpartner immer da und damit eine große Hilfe.“ Die persönliche Betreuung zählt zu den vielen Vorzügen des Projektes, ebenso ein gut sortiertes Netzwerk.

„stadtlandpraxis“ funktioniert. Mittlerweile stellt das Projekt pro Jahr 300 000 Euro für Förderungen zur Verfügung. Ausgeschöpft wird dieser Rahmen bisher nicht. 2020 wurden 180 000 Euro abgerufen, 2021 dann schon 240 000 Euro. Die Gesamtbilanz seit 2012: Es gab 364 Interessierte, daraus resultierten 45 Niederlassungen und Anstellungen sowie 32 Weiterbildungen und eine Famulatur, sprich ein ärztliches Praktikum. In 2020 gab es elf Niederlassungen, sieben Anstellungen und vier Stipendien. Das ist alles besser, als wenn man nichts getan hätte.

Von Björn Hansen