Trotz angeschlagener Gesundheit meisterten Ivar und Dagmar Buterfas-Frankenthal an einem für sie schwierigen Jahrestag den Auftritt in der Buchholzer Empore. (Foto: rin)
Trotz angeschlagener Gesundheit meisterten Ivar und Dagmar Buterfas-Frankenthal an einem für sie schwierigen Jahrestag den Auftritt in der Buchholzer Empore. (Foto: rin)

Vergessen verboten

Ivar Buterfas-Frankenthal berichtete in der Empore über sein Leben nach dem Holocaust.

Buchholz. „Wehren Sie sich, wenn Politiker heute fordern, dass wir einen Schlussstrich ziehen müssen! Das müssen Sie mir versprechen!“ Ivar Buterfas-Frankenthal kann vehement werden, wenn ihm etwas am Herzen liegt – trotz einer merklich angeschlagenen Gesundheit und seiner 89 Jahre. Das erlebten jetzt die Besucher eines Gesprächs mit dem Holocaust-Überlebenden in der Buchholzer Empore.

Der Bendestorfer und seine Ehefrau Dagmar waren der Einladung von Empore-Chef Onne Hennecke und dem Kulturförderkreis der Empore gefolgt. Es war die Premierenveranstaltung des Förderkreises – an einem Tag, der sich Ivar Buterfas-Frankenthal für ewig ins Gedächtnis eingeprägt hat. Am 9. November 1938 brannten in Deutschland Synagogen in der Programnacht, der Auftakt für die gnadenlose Verfolgung von Juden durch die Nationalsozialisten. „Ich habe mit meinem Bruder Rolf die Synagoge damals brennen sehen, gesehen wie Juden verprügelt wurden“, erinnerte sich Ivar Buterfas-Frankenthal in der Empore.
„Der Antisemitismus ist heute unverschämter denn je“, sagt der 89-jährige Bendestorfer Ehrenbürger und Träger des Bundesverdienstordens erster Klasse. Sein Neffe wurde jüngst Opfer eines brutalen antisemitschen Angriffs in Hamburg. „Ich bin nicht hier um Schuldzuweisungen vorzunehmen.“ Aber mahnen wolle er, dass die heutige Demokratie fragil wie nie sei und sie doch viel zu wertvoll für unsere Kinder sei, als dass man sie nicht schütze.

„Wir haben doch alle gedacht, dass sich so etwas Grausames nie wiederholen darf“, verdeutlichte Buterfas-Frankenthal. Aber was sei denn mit dem brutalen Anschlag auf die Synagoge in Halle und dessen Opfern oder dem Mord an Walter Lübcke ebenfalls 2019? Oder noch weiter zurück: 1992 der Brandanschlag in Mölln auf zwei türkische Familien oder die Ausschreitungen von Neonazis 1991 in Hoyerswerder? „Wer hat damals eingegriffen?“

„Wir müsse mit dem Verdrängen aufhören, sonst wird sich in affenartiger Geschwindigkeit das wiederholen, was wir verhindern wollten. Wir sind schon nahe dran zu wiederholen. Das macht mich unruhig. Deswegen bitte ich den lieben Gott, dass ich noch lange unterwegs sein kann, um aufzuklären!“ Buterfas-Frankenthal spricht in freier Rede, ohne vorgefertigtes Manuskript. Dabei springt er von der Gegenwart in die Vergangenheit, erzählt aus seiner Kindheit und Jugend, die sicherlich gar keine waren. Ehefrau Dagmar assistiert ihm quasi auf der Bühne, reicht ihm den Fremdenpass und den Judenstern. Die beiden sind ein eingespieltes Team.

Den Judenstern haben sie nie getragen, erzählt Ivar Buterfas-Frankenthal. Den habe ihnen ihre Mutter, eine Christin, nie angesteckt. Sein Vater wurde ins Börgermoor bei Papenburg deportiert. Die Mutter brachte Ivar und seine Geschwister allein durch, floh achte Monate mit ihnen über Danzig bis nach Polen – und genauso lange wieder zurück nach Hamburg, wo die Familie im Keller eines komplett zerbombten Hauses unterkam. „Mit meinem Bruder bin ich durch die zerbombten Wandsbeker Villen gestromert und habe nach Kleidung und Essbarem in den Trümmern gesucht.“

Selbst nach Kriegsende sei das Martyrium für ihn lange noch nicht vorbei gewesen: „Ich hatte meine Identität verloren“, schildert Buterfas-Frankenthal die Zeit als Staatenloser. Erst Mitte der 1960er-Jahre erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft zurück – vom selben Beamten, der sie ihm einst im Nationalsozialismus aberkannt hatte.

Ivar Buterfas-Frankenthal bleibt der große Mahner, ohne zu verurteilen: „Ich habe auch mit Neonazis gesprochen und werde es weiter tun. Ich bin sprechbereit.“ Doch der 89-Jährige weiß: „Die Zeit von uns Holocaust-Überlebenden ist endlich. Deswegen müssen wir der Nachwelt etwas hinterlassen.“ Ivar Buterfas-Frankenthal und seine Frau Dagmar haben deshalb Filme gedreht, an Lernorten wie dem Nazi-Lager und der heutigen Gedenkstätte Sandborstel bei Bremervörde oder bei Vortragsveranstaltungen. Diese Filme stellt das Paar Universitäten und Schulen zur Verfügung. Denn für Buterfas-Frankenthal ist eines klar: „Unseren jungen Menschen stehen heute Tür und Tor offen. Das muss so bleiben. Versprechen Sie mir, dass Sie alles dafür tun.“ So lautete sein Appell ans Publikum nach über zwei Stunden.

Die NDR-Radiomoderatorin Sabine Rein hatte den Abend eingeleitet– gemeinsam mit dem Buchholzer Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse und Empore-Chef Onne Henecke. Dessen einleitende Worte spiegelten Buterfas-Frankenthals Anliegen perfekt wider: „Wir Spätgeborenen sind nicht schuld am Holocaust. Aber wir machen uns schuldig, wenn wir das vergessen!“

Von Kathrin Röhlke

 

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