Eine Intensivpflegerin im Krankenhaus Buchholz.
Vorbereitung eines Patientenbettes durch eine Intensivpflegerin im Krankenhaus Buchholz: Noch gibt es in der Einrichtung freie Kapazitäten. (Foto: Franke)

„Alle Szenarien durchgespielt“

 In den Kliniken des Kreises Harburg wächst angesichts explodierender Inzidenzzahlen die Anspannung.

Winsen. Es ist bei den Belegungszahlen wie eine Achterbahnfahrt. Nur dass es hier um Schwerstkranke, um Menschenleben geht und der Ausgang ungewiss ist. Und um Personal, das nach mehr als anderthalb Jahren Pandemie erschöpft und auch ausgebrannt ist. „Wir fahren auf Sicht, von Tag zu Tag und warten, was da auf uns zukommt“, so Dr. Christian Pott, Ärztlicher Direktor der Krankenhäuser in Winsen und Buchholz. Oder genauer: Wie sehr die Intensivstationen wieder an ihre Grenzen gehen müssen angesichts immer neuer Rekordzahlen bei den Corona-Neuinfektionen.

Auch OP-Absagen waren schon ein Thema

Vor einigen Tagen schrillten schon die Alarmglocken, als in beiden Kliniken insgesamt sechs Corona-Erkrankte auf den Intensivstationen lagen. „Da haben wir schon verschiedene Szenarien bis zur Absage planbarer Operationen durchgespielt“, schildert Pott. Eine Situation, in die man eigentlich nicht wieder geraten wollte. Dann aber hat sich die Lage in den vergangenen Tagen wieder beruhigt, derzeit liegen je zwei Corona-Patienten auf den Intensivstationen in Winsen und Buchholz.

Das klingt nicht viel angesichts des Umstandes, dass in beiden Krankenhäusern eigentlich je zwölf Intensivbetten zur Verfügung stehen. „Aber Corona-Erkrankte sind nicht wie die anderen Intensiv-Patienten“, erklärt der Ärztliche Direktor. Sie seien „wirklich schwerstkranke Menschen, bei denen der Arbeitsaufwand noch einmal deutlich höher ist als sonst“. Für die Pflege der beatmeten Patienten seien stets zwei Kräfte nötig, hygienische Maßnahmen und auch das Wechseln von Liegepositionen seien eine große Herausforderung. Dazu kommen die besonderen Infektionsschutzmaßnahmen, das sehr aufwendige An- und Auskleiden der Pflegekräfte.

„Wenn wir hier Corona-Patienten haben, geraten wir deutlich schneller an unsere Kapazitätsgrenze und können längst nicht alle Intensivbetten belegen“, erläutert Christian Pott. Vielmehr sei schon bei vier Covid-19-Patienten die Grenze der Belastbarkeit für das Personal erreicht. Deshalb wurde auch schon darüber nachgedacht, wie man die Pflegekräfte verstärken könnte, etwa durch OP-Personal. Doch die Intensivstation ist ein sehr spezieller Bereich, jeder Handgriff muss da sitzen und geübt sein.

Die Schwerstkranken sind ungeimpft

Bei den Schwersterkrankten handele es vor allem um Menschen um die 50 Jahre sowie deutlich ältere Patienten. „Und sie haben eines gemeinsam: Sie sind ungeimpft“, sagt Pott. Eine Erfahrung, die auch andere Kliniken gemacht haben, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz. Der Ärztliche Direktor war erst in dieser Woche auf Dienstreise in einer Wiesbadener Klinik, „dort lagen zwölf Corona-Erkrankte auf der Intensivstation und auch sie waren alle ungeimpft“.

Angesichts der explodierenden Inzidenzzahlen habe man in den Krankenhäusern des Landkreises Harburg derzeit eine „relativ erträgliche Situation“, fasst Dr. Christian Pott zusammen. Doch er weiß auch, dass die aktuellen Corona-Entwicklungen die Kliniken im Regelfall mit zweiwöchiger Verspätung erreichen. Und so bleibt das ungute Gefühl, dass es die Ruhe vor dem Sturm sein könnte.

Von Thomas Mitzlaff