Das Team der Moderatoren, die durch den Jugendrat-Abend führten (von links): die Schülerinnen Elisa König und Ilka Papic, Ulrike Tschirner aus der Abteilung Bildung und Soziales, Julia Meinel, Leiterin des Familienbüros, Stadtjugendpfleger Ralf Macke und Schüler Timon Appl. (Foto: bjh)
Das Team der Moderatoren, die durch den Jugendrat-Abend führten (von links): die Schülerinnen Elisa König und Ilka Papic, Ulrike Tschirner aus der Abteilung Bildung und Soziales, Julia Meinel, Leiterin des Familienbüros, Stadtjugendpfleger Ralf Macke und Schüler Timon Appl. (Foto: bjh)

Die Jugend geht in den Park

Das Modellprojekt JuRa der Stadt Winsen startet die Phase C. Alle Winsener Jugendlichen können sich einbringen.

Winsen. Die Jugend will gehört werden. Das ist eine Aussage, die mittlerweile nicht nur wieder gilt, sondern auch wieder deutlich hörbar ist. Die Jugend engagiert sich für ihre Zukunft, eindrucksvoll zu sehen bei den vergangenen Klimaprotesten im Sommer in Hamburg. In der Corona-Pandemie jedoch gehören die Jugendlichen eindeutig zu den Verlierern. Freiheit, Übermut und Unsinn haben in den vergangenen Monaten keinen Platz mehr gehabt. Frei nach Ödön von Horváth heißt es seit knapp zwei Jahren nicht „Jugend ohne Gott“, sondern „Jugend ohne Jugend“.

Im vergangenen Sommer hat die Stadt Winsen den Weg freigemacht für ein Modellprojekt, dass den Jugendlichen in Winsen Gehör verschaffen soll. Der rotierende Jugendrat (JuRa) wird installiert, vorgestern gab es einen ersten Zwischenstand, der vor rund 120 Besuchern in der Winsener Stadthalle anschaulich präsentiert wurde. Was ist gut in Winsen, was ist schlecht und welche Themen setzen Schwerpunkte? Ideen und Wünsche sollen dann in Workshops zu konkreten Themen gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Verwaltung ausgearbeitet und letztlich dann dem Stadtrat zur Beschlussfassung vorgelegt werden.

Der Bürgermeister hat die Jugend auf der Agenda

Die Stadt meint es ernst, was nicht nur lobenswert, sondern vor allem notwendig ist. Kern des Jugendrates sind die „100 Weisen“. Momentan sind das 92 Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren aus allen Ortsteilen, die nach dem Zufallsprinzip aus dem Melderegister der Stadt gezogen und angeschrieben wurden. Dafür wurden nach den Sommerferien rund 450 Briefe verschickt, Absender war da Winsens Bürgermeister André Wiese. Ein Amt, dass Jugendlichen noch Respekt einflößt. „Ich dachte, ich hätte etwas angestellt“, berichtete ein Zwölfjähriger, der das Schreiben offensichtlich mit ungutem Gefühl in Empfang nahm.

In der Stadthalle übernahm der Bürgermeister die einleitenden Worte: „Demokratie funktioniert nicht allein durch Zugucken.“ Wiese unterstrich, dass alle Parteien die Einrichtung des Jugendrats begrüßt haben. Es solle um das Leben in der Stadt Winsen gehen, die Ergebnisse der Workshops werden in die politischen Ausschüsse aufgenommen, kündigte er an. Das Modellprojekt ist zunächst auf zwei Jahre angelegt und wird insgesamt sechs Phasen durchlaufen. Im Mittelpunkt stehe dabei ein Themenfahrplan, der jetzt zusammengestellt werde, erklärte Ulrike Tschirner, stellvertretende Leiterin des Geschäftsbereichs Bildung, Soziales und Kultur bei der Stadt. Der Jugendrat geht damit in Phase C über.

Teilhabe und Fortbildung für die „100 Weisen“

Entscheidend auch im jetzt anstehenden Prozess ist, dass über die „100 Weisen“ hinaus alle Winsener Jugendlichen die Möglichkeit zur Mitarbeit in den Themen-Workshops haben. In Phase C wird es auch Fortbildungsangebote für die Jugendlichen geben, etwa zu Themen wie Kommunikation und Projektmanagement. Zudem beginnt jetzt auch die Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung. Nach den Sommerferien 2022 soll die abschließende Bewertung vorgenommen werden. Danach folgt dann die entscheidende Frage: Hat sich der rotierende Jugendrat bewährt? Wird das Modellprojekt als Erfolg gewertet, dürfte die Stadt Winsen ab Herbst 2023 ein neues politisches Gremium haben, in dem Jugendliche das Sagen haben.

Lob und Forderungen werden klar formuliert

Phase A, die Themensammlung, sorgte zuletzt für die Rückkehr der bunten Karten, die noch aus den Bürgerbeteiligungen der Stadt zu „Winsen2030“ und Eckermann-Park in Erinnerung sind. Aus rund 3000 Beiträgen wurden Schwerpunkte gebildet, die vorgestern unter anderem in den beiden Rubriken „Lieblingsorte“ und „Gruselorte“ vorgestellt wurden. Unangefochten gruselig ist und bleibt der Winsener Bahnhof mit seinem unübersichtlichen Umfeld. Gerne dagegen geht die Jugend in den Park, namentlich der Eckermann-Park, der Luhe-Park und der Skaterpark sind beliebte Treffpunkte.

Gelobt wurde auch die Natur rund um Winsen, aber natürlich gibt es auch Forderungen: Beleuchtung, Einkaufsmöglichkeiten, Internet und Radwege müssten verbessert werden. Gelobt wurde das Jugendzentrum Egon‘s, trotzdem brauche es noch mehr Freizeitaktivitäten für Jugendliche. Gewünscht wurde mehr politische Bildung und bessere Technik in den Schulen, und um auch einmal aus den Parks herauszukommen, brauche es sichere und legale Treffpunkte für die Jugend. „Es gibt mehr Plus als Minus“, fasste Stadtjugendpfleger Ralf Macke die Ergebnisse zusammen.

Unmissverständlich äußerte sich Schüler Jonas, der die Veranstaltung mit einem spontanen Klavierspiel eingeleitet hatte, in der Diskussion. Er machte klar, dass für ihn ein Naturbad im Eckermann-Park ohne Sprungturm keinen Sinn ergebe. Ohne Sprungturm könne man auch weiter in „Die Insel“ oder im Sommer ins Freibad Stelle gehen. Und die Bäume sind der Jugend wichtig. Davon sollten keine mehr gefällt werden, sondern vor allem mehr gepflanzt werden. Weitere Informationen zum Winsener Jugendrat gibt es im Internet unter www.jura-winsen.de.

Am Rande: Die meisten bekannten Gesichter aus der Verwaltungsspitze der Stadt waren in der Stadthalle dabei. Bürgermeister André Wiese hatten den Jugendrat zum Pflichttermin erhoben. Und zum Thema „Jugend ohne Jugend“ in Corona-Zeiten wurde ein Imagefilm des Discounters Penny gezeigt, der aktuell im Internet viral geht. Ein Jugendlicher fragt darin seine Mutter nach ihrem Weihnachstwunsch. Sie überlegt und wünscht ihm alle Höhenflüge und Abstürze einer unbeschwerten Jugendzeit zurück. Ein guter Spot, dessen Intention nicht nur Eltern spüren können. Macke wollte damit auf die Bedingungen aufmerksam machen, unter denen der Jugendrat gestartet ist. Und er merkte an, dass der Spot leider auch bei Impfgegnern beliebt sei. Von deren Positionen distanziere man sich. Ärgerlicherweise ist auch das in der Pandemie wohl nötig.

Von Björn Hansen