Auch in Lüneburg gab es Razzien und Festnahmen mutmaßlicher Drogendealer in Zusammenhang mit einem Netzwerk.
Auch in Lüneburg gab es Razzien und Festnahmen mutmaßlicher Drogendealer in Zusammenhang mit einem Netzwerk. (Foto: be)

20 Kilo Drogen im Kofferraum

Zwei Männer aus Winsen/Luhe müssen sich vor dem Landgericht Lüneburg verantworten. Sie sollen mit großen Drogen gehandelt, innerhalb von drei Monaten rund 740.000 Euro eingenommen haben.

Lüneburg. Mal schnell im Kofferraum 20 Kilo Marihuana aus Wolfsburg abgeholt, 15 Kilo Amphetamine zum günstigen Preis angeboten, anderswo mal eben 100.000 Euro kassiert – dass es in der Region keine Nachschubprobleme beim Rauschgifthandel gibt, weiß man bei Polizei und Justiz. In welchen Dimensionen aber selbst etwa Lüneburg oder Winsen von Drogen überschwemmt werden, hat auch erfahrene Ermittler überrascht. Aufgeflogen ist das vor mehr als einem Jahr, als die französische und die niederländische Polizei das Encrochat-Netzwerk knackten, in dem die Kriminellen europaweit kommunizierten. Seitdem gibt es Tausende Festnahmen – und auch beim Landgericht Lüneburg reiht sich ein Strafprozess an den nächsten.

Am Donnerstag verhandelte die 1. Große Strafkammer gegen zwei Männer aus Winsen/Luhe, die in drei Monaten insgesamt rund 740.000 Euro eingenommen haben sollen. Ab Mittwoch nächster Woche stehen dann fünf Angeklagte aus Lüneburg vor Gericht. Die Männer im Alter zwischen 25 und 27 Jahren sollen in einem Vierteljahr rund 850.000 Euro kassiert haben.
In den meisten Fällen geht es um Rauschgift im Kilobereich und Einnahmen von vielen Hunderttausend Euro – und das, obwohl sich die Anklage stets auf drei Monate beschränken muss. Denn das ist der Zeitraum, in dem die Daten des Anbieters ­Encrochat gesichert werden konnten.

„Gangboost“ und „GottiHamburg“

Encrochat hatte den Kriminellen für ihre Geschäfte vermeintlich abhörsichere Kryptotelefone zur Verfügung gestellt, über die alle Verhandlungen geführt wurden. Dort soll sich laut Anklage auch Mirco M. aus Winsen unter den Decknamen „Gangboost“ und „GottiHamburg“ getummelt haben. Der 28-Jährige soll Drogengeschäfte im höheren Kilobereich abgewickelt haben, sein Handel konzentrierte sich demnach auf Amphetamine, Kokain und Marihuana. Die Einnahmen soll er für seinen aufwendigen Lebensstil gebraucht haben.

Die Ermittler haben seinen Chat- und Telefonverkehr etwa mit „xxxCorona“ oder anderen Kunden, die durchaus mit Echtnamen registriert waren, ausgewertet. Am 24. Juni klickten die Handschellen, seitdem sitzt der Winsener in Untersuchungshaft. Mit ihm auf der Anklagebank: Ewald W., laut Ermittlungskreisen auch eine lokale Drogengröße. Er soll für Mirco M. Drogenfahrten unternommen haben.

Rauschgiftgeschäfte über Kryptotelefone abgewickelt

Der Prozessauftakt gestern vor dem Landgericht stößt auf großes Zuschauerinteresse, rund ein Dutzend „Freunde und Bekannte“ aus dem einschlägigen Winsener Umfeld haben sich eingefunden. Sie verfolgen, wie zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigern sogenannte Rechtsgespräche vereinbart werden. Im Raum stehen langjährige Haftstrafen, Geständnisse können sich da strafmildernd auswirken.

Doch es sei nicht zu einer Verständigung gekommen, informiert der Vorsitzende Richter Dr. Michael Herrmann anschließend und vertagt den Prozess auf den 16. Dezember. Schon einen Tag vorher muss die 1. Große Strafkammer sich aber mit den fünf Lüneburgern beschäftigen, die ihre Rauschgiftgeschäfte ebenfalls über Kryptotelefone abgewickelt haben und aufgeflogen sein sollen. Vier von ihnen sitzen in Untersuchungshaft.

Von Thomas Mitzlaff