Andrea Schrag, Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Harburg, präsentiert Info-Material zum Thema „Gewalt gegen Frauen“, das auch nach dem Aktionszeitraum weiter verfügbar ist. (Foto: dre)
Andrea Schrag, Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Harburg, präsentiert Info-Material zum Thema „Gewalt gegen Frauen“, das auch nach dem Aktionszeitraum weiter verfügbar ist. (Foto: dre)

„Femizid ist bitterer Alltag“

Gleichstellungsbeauftragte Andrea Schrag fordert eine Täterberatungsstelle, um Frauen vor Gewalt besser zu schützen.

Winsen. Jeden dritten Tag in Deutschland wird es versucht und jeden dritten Tag gelingt es: Der Mord an einer Frau. „Dann ist die Rede von erweitertem Sui-zid oder einem Familiendrama. Aber es ist Mord“, stellt Andrea Schrag fest. „Femizid ist bitterer Alltag.“ Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises hat im Rahmen der „Orange the World“-Kampagne, die seit 2008 jedes Jahr vom 25. November bist zum 10. Dezember läuft, selbst einige Aktionen gestartet und Forderungen formuliert, die zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen beitragen sollen. Denn auch der Landkreis Harburg ist betroffen: 450 bis 500 Einsätze verzeichnet die Polizei jährlich unter dem Begriff „Gewalt gegen Frauen“. „Und das sind nur die bekannten Fälle. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein“, vermutet Andrea Schrag.

Im Rahmen von „Orange the World“ werden im benannten Zeitraum überall auf der Erde Gebäude in Orange beleuchtet, um auf das Thema „Gewalt gegen Frauen“ aufmerksam zu machen und in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Als Startpunkt wurde der 25. November gewählt, da dieses Datum zum „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ bestimmt wurde. Zurück geht das Datum auf das Jahr 1960, als an jenem Tag in der Dominikanischen Republik die drei Schwestern Mirabal ermordet wurden, weil sie sich gegen den damaligen Diktator Rafael Trujillo eingesetzt hatten. Der 10. Dezember als Endpunkt ist der „Tag der Menschenrechte“.

Institutionen und Vereine als Unterstützung

Um die Kampagne im ganzen Landkreis bekannt zu machen, hat Andrea Schrag – auch wegen der Pandemie – oft zu digitalen Mitteln greifen müssen. So hat die Landkreis-Mitarbeiterin sehr viele Inhalte über die Sozialen Medien wie Instagram verbreitet. Dort war sie nicht nur über ihren eigenen Account „gleichstellung_lkharburg“ aktiv, sondern auch das Netzwerk gegen häusliche Gewalt Landkreis Harburg hat unter anderem mit seinem Account „gemeinsamgegenhaeuslichegewalt“ unterstützt.

„Ganz viele Institutionen und Vereine haben sich bereit erklärt, unsere Sache zu unterstützen und in ihre Strukturen hineinzutragen. Auf Instagram habe ich auch viele vorgestellt“, informiert Schrag. Die Videos, auch „Reels“ genannt, sind weiter einsehbar. Eines behandelt zum Beispiel das Hilfetelefon, das Betroffene unter (0 80 00) 11 60 16 erreichen können. Viele weitere Inhalte zum Thema werden dort vorgestellt und erklärt, so zum Beispiel auch der Inhalt der UN-Frauenrechtskonvention von 1979.

Andrea Schrag war aber auch analog unterwegs. Es sollten Selbstverteidigungskurse mit Frauen durchgeführt werden, von denen zum großen Bedauern aller Beteiligten nur einer stattfinden konnte. Steigende Infektionszahlen beendeten das Projekt vorzeitig. Außerdem wurde ein Linienbus der KVG großflächig beklebt. Dieser wurde abwechselnd in allen Gemeinden des Landkreises eingesetzt, damit alle Bürgerinnen und Bürger ihn zu Gesicht bekommen konnten.

Bei Kindern früh einsetzen

Eine zentrale Forderung von Andrea Schrag ist eine Täterberatungsstelle, wie es sie etwa in Lüneburg und Hamburg schon gibt. „Die Arbeit mit Tätern ist der beste Opferschutz.“ Auch wenn das in vielen Ohren erstmal komisch klinge: Dort erreiche man die Menschen, die man erreichen muss. „Nur wenn wir die Täter ändern, können wir überhaupt etwas ändern.“ Der Austausch mit einer bereits bestehenden Einrichtung habe vielversprechende Eindrücke erzeugt. Zudem müsse bei Kindern früh reagiert werden. „Heute spielt das Internet eine übergeordnete Rolle und vermittelt in frei zugänglichen Videos mit gewaltverherrlichenden oder pornografischen Inhalten völlig falsche Werte und Rollenbilder. Das Kultusministerium muss dafür sorgen, dass die Kinder bereits in der Grundschule für den Umgang mit Medien sensibilisiert werden.“

Mit dem Ergebnis der 16 Tage zeigt Andrea Schrag sich zufrieden: „Die Resonanz im Landkreis war sehr gut.“ Es sei honoriert worden, dass trotz Corona alles versucht wurde, das Thema gebührend zu behandeln. Die Gleichstellungsbeauftragte sagt: „Mein Dank geht an all die vielen Menschen, die mitgemacht haben und ein Zeichen gesetzt haben. Sie wollen in einer Gesellschaft leben, in der Gewalt gegen Frauen nichts verloren hat!“

Von Andreas Urhahn