Kreisweit sind aktuell 118 Klassen und elf ganze Jahrgänge in 38 Schulen von Quarantäne-Maßnahmen betroffen. (Foto: he)
Kreisweit sind aktuell 118 Klassen und elf ganze Jahrgänge in 38 Schulen von Quarantäne-Maßnahmen betroffen. (Foto: he)

Warten auf die Quarantäne

Die Corona-Zahlen in den Schulen explodieren. Das System der Kontaktverfolgung kollabiert.

Winsen. Ihr Kind muss ab 14. Januar in Quarantäne – diese E-Mail bekamen Eltern von Zweitklässlern der Borsteler Grundschule an diesem Mittwoch. Es ist der 19. Januar. Doch wie soll man sein Kind ab 14. Januar in Quarantäne nehmen, wenn man davon erst fünf Tage später erfährt? Vorgänge wie dieser sind kein Einzelfall. Und sie sind beispielhaft dafür, was in Fachkreisen längst ein offenes Geheimnis ist: Das System der Kontaktverfolgung, wie es noch bei der Delta-Variante des Corona-Virus ausgeübt wurde, ist bei der Omikron-Variante längst kollabiert.

58 Mitarbeiter reichen längst nicht mehr aus

Die Zahlen explodieren und die Spitze ist nach Einschätzung von Experten noch lange nicht erreicht. Während vor einem Monat die Inzidenz im Landkreis Harburg noch bei 172,3 lag, ist sie seit Donnerstag über der 1000er Grenze. In der Praxis heißt das: Kreisweit sind aktuell 199 Klassen und sieben ganze Jahrgänge in 41 Schulen von Quarantäne-Maßnahmen betroffen. Und dazu kommen natürlich auch noch die Erwachsenen, die sich am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld infiziert haben.

„Wir haben ein gemeinsames Problem“

Der Kreis hat längst personell reagiert und die 33 festen Mitarbeiter in der Stabsstelle Pandemie um 18 Kräfte aus der Kreisverwaltung sowie acht Bundeswehrsoldaten aufgestockt. Die Unterstützung durch zwei weitere Soldaten ist beantragt. Trotzdem hechelt man im Kreishaus bei den Neuinfektionen nur noch hinterher. Es ist ein Rennen, dass die Behörden nicht gewinnen können.

Die Schulen merken das dann im Alltag. So bekamen die Eltern des vierten Jahrgangs der Winsener Hanseschule ebenfalls am Mittwoch Post vom Schulleiter. Man habe aktuell 15 Corona-Fälle in der Grundschule, davon neun im vierten Jahrgang, informiert Rainer Kudlek. Alle Fälle seien umgehend der Pandemiestelle des Landkreises per Mail gemeldet worden. Denn Quarantäne-Anordnungen für ganze Klassen und Jahrgänge dürfe nur der Landkreis anordnen.

Doch „bedauerlicherweise wurden unsere täglichen E-Mails nicht beantwortet“, schreibt der Schulleiter weiter. Auch telefonisch habe er die Pandemie-Stelle nicht erreichen können, obwohl die Schulleitungen eine Rufnummer kennen, die nicht öffentlich zugänglich ist, so Kudlek: „Sie und ich haben somit ein gemeinsames Problem.“

Eltern sollen über Quarantäne entscheiden

Daher bittet der Leiter die Eltern, eigenverantwortlich zu entscheiden, ob sie ihr Kind in die Schule schicken. Doch damit tut sich das nächste Problem auf: Wie sollen berufstätige Eltern ihrem Arbeitgeber erklären, dass sie wegen ihres Kindes Zuhause bleiben müssen, obwohl es gar keine Quarantäne-Anordnung gibt?
Im Kreishaus ist man sich der Problematik bewusst. „Wir bedauern, dass es nicht möglich war, die betroffenen Schulen und damit auch die Eltern zu informieren, wie mit den gemeldeten Corona-Fällen und den dadurch betroffenen Klassen umzugehen ist“, erklärt Kreissprecher Bernhard Frosdorfer auf WA-Nachfrage. Man tue alles, um die Erreichbarkeit des Teams Schule der Stabsstelle Pandemie zu verbessern.

Doch tatsächlich sind die Mitarbeiter längst an ihrer Belastungsgrenze. So war die Hanseschule am Mittwoch nicht die einzige Bildungseinrichtung, um die man sich kümmern musste: „Allein an diesem Tag waren 16 Schulen mit 17 Klassen und elf Jahrgängen betroffen“, listet Frosdorfer auf. Alle seien schließlich bis zum Abend über die zu treffenden Maßnahmen informiert worden – auch die Hanseschule Winsen.

Schulen planen nur von Tag zu Tag

Die derzeitige Vorgehensweise sieht vor, dass die Stabsstelle die Schulen in Kenntnis setzt und diese dann die Informationen weiter an die Eltern geben. Für die Einrichtungen ist das ein erheblicher Aufwand. Denn selten bleibt es bei der Weiterleitung der E-Mail. „Bei den Eltern haben wir es mit der gesamten Brandbreite zu tun. Manche sind völlig uninformiert, andere reagieren sehr nervös“, schildert Schulleiter Rainer Kudlek.

Die aktuelle Situation sei „sehr herausfordernd“, formuliert es der Rektor diplomatisch. Denn der „Planungshorizont hält angesichts ständig neuer Vorgaben keine Woche“. Man hangele sich vielmehr irgendwie von Tag zu Tag.

Von Thomas Mitzlaff