Die Luhe wird bislang förmlich in einem unattraktiven Betonkanal versteckt. Dabei bietet der Fluss die Chance, Winsen als Wasserstadt ein Profil zu geben. (Foto: rin)
Die Luhe wird bislang förmlich in einem unattraktiven Betonkanal versteckt. Dabei bietet der Fluss die Chance, Winsen als Wasserstadt ein Profil zu geben. (Foto: rin)

„Die Innenstadt neu denken“

Winsen bewirbt sich um EU-Fördermittel von fast vier Millionen Euro. Homeoffice eröffnet Chancen. Begegnungsräume sind gefragt.

Winsen. Das Wort Schwarmintelligenz traf es bei der Bürgerbeteiligung zur Innenstadtentwicklung in Winsen jetzt haargenau. Über 60 Teilnehmer verfolgten die Diskussion im YouTube-Livestream und sprudelten im Chat nur so vor Ideen. Dass das nächste Förderprogramm, um das sich die Stadt Winsen bewerben möchte, den komplizierten Namen resiliente Innenstadt trägt, tat der Sache keinen Abbruch.

Teike Scheepmaker vom begleitenden Institut Raum & Energie moderierte die Veranstaltung und hatte als Gesprächspartner nicht nur Bürgermeister André Wiese, sondern auch Markus Johannsen aus der Winsener Kaufmannschaft und Sonja Bausch von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg sowie den externen Berater Klaus Mensing vom Hamburger Unternehmen Convent Mensing als Gesprächspartner an den Bildschirmen. Über 90 Minuten diskutieren die Fachleute, die Bürger konnten alles live verfolgen und im Online-Chat Fragen stellen und Anregungen äußern.

Handlungsbedarf in der Innenstadt

Die Stadt Winsen beschäftigen derzeit vier Programme: Neben dem Zukunftskonzept Winsen 2030 und dem Masterplan Bahnhofsumfeld/Bahnhofsstraße sind das das Sofortprogramm Perspektive Innenstadt und neu nun auch das EU-Programm Resiliente Innenstadt, das eine Stärkung der City gegen Krisensituationen meint. Handlungsbedarfe hatte Klaus Mensing mitsamt einer kleinen Arbeitsgruppe für Winsen längst ausgemacht: Stichworte wie zu wenig Gastronomie in der Innenstadt, der ungenutzte Schlossplatz, kein Leitsystem für Touristen oder zu wenig Fachhandel klangen auch bei den Bürgern im Chat immer wieder an.

Die Mehrzahl der Zuhörer stammte aus der Innenstadt oder dem stadtnahen Bereich, aber auch aus den Ortsteilen beteiligten sich Bürger. Die große Mehrzahl der zeitweise 66 Teilnehmer ist ein- bis zweimal wöchentlich oder öfter in der Innenstadt, die meisten kommen per Rad, zu Fuß oder mit dem Auto. Öffentliche Verkehrsmittel spielen so gut wie keine Rolle. Das ergab eine kurze Live-Abstimmung unter den Bürgern.

Mensing machte klar: „Wir müssen Innenstadt neu denken und neu machen. Wofür soll Winsen stehen?“ Und exakt nach diesen Handlungsstrategien sucht man für die Bewerbung Resiliente Innenstadt. „Es nutzt nichts, die City, wie sie 2010 war, wieder herstellen oder die City aus dem Jahr 2020 retten zu wollen. Es geht vielmehr darum, die Winsener Innenstadt 2025/2030 attraktiv zu gestalten“, erläuterte der Berater.

Ein Stichwort auf das Sonja Bausch von der IHK gerne reagierte. Sie wohne zwar in direkt in der Innenstadt, gestand aber: „Meine Einkäufe habe ich in Lüneburg erledigt, wo ich arbeite.“ Allerdings habe sich ihre Situation mit Corona grundlegend geändert: „Durch das Homeoffice habe ich Winsen neu entdeckt. Gerade diese Form der Arbeit, die meiner Ansicht nach auch zukünftig erhalten bleiben wird, bietet Städten wie Winsen eine neue Chance.“ Dem konnte sich Markus Johannsen vom Modehaus Düsenberg & Harms nur anschließe: „Sobald wir Einzelhändler wieder aufmachen durften, waren die Menschen auch wieder auf der Straße.“

Winsens Schätze besser einbinden

Allerdings ging es auch Johannsen um die Funktion der Innenstadt. Und die besteht nicht nur aus Einzelhandel, sondern eben auch aus Gastronomie und mehr: „Winsens Freizeitwert muss neu aufgeladen werden.“ Im Klartext: Die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt muss gesteigert werden. Über allem, das förderte auch der Live-Chat zutage, steht der Wunsch nach schönen Plätzen, an denen man sich austauschen kann. Sonja Bausch hatte nicht unrecht mit ihrer Aussage: „Winsen hat viele Schätze, wir müssen sie nur besser nutzen und einbinden.“

Multifunktionale Gebäude wie ein Rathaus, das auch ein Café oder eine Galerie beherbergt, könnten Schlüssel sein. Außengastronomie, spezielle Angebote für einzelne Zielgruppen wie für Jugendliche, Menschen mit Handicap, Touristen oder Senioren, sogenannte Begegnungsräume, mehr Grün, ein besseres Lichtkonzept für die Abendstunden in der Stadt und kulturelle Angebote – alles das wünschen sich Menschen in Winsen.

Vieles davon gibt es schon, blieb aber wegen der Pandemie auf der Strecke wie die kulturellen Angebote in der Kirche oder dem Marstall. Vieles andere aber zeigt die kreative Vielfalt, die sich mit der Schwarmintelligenz entwickelte: Wie wäre es mit Winsen als Wasserstadt, die die Luhe und die Luheinsel aktiv einbindet? Was ist mit einem Kleinkunstfestival, Spielräumen für Kinder, einem Tauschladen, der Marienkirche als Ort mit zentraler Bedeutung oder Rikscha-Verkehr für Touristen? Und passable öffentliche Toiletten und Wickelmöglichkeiten müssen her.

Macher und Unterstützer, die was wagen, sind gefragt

Pauschallösungen für alle Zielgruppen wird es sicher nicht geben. Und auch wenn Mensing forderte, dass die Stadtverwaltung wohl auch Geld in die Hand nehmen müsse, um Existenzgründern unter die Arme zu greifen, kann das nicht die eigentliche Aufgabe einer Stadtverwaltung sein. Ein starkes Citymarketing, das alle Akteure vom Gründer über Inhaber und Gewerbetreibende sowie die Verwaltung an einen Tisch holt und so moderiert, dass alle bereit sind, Neues zu wagen, liegt dagegen schon in den Händen der Stadt.

„Ich wünsche mir, dass wir keine Lust am Scheitern entwickeln, sondern Ideen mittragen. Wir brauchen Macher und Unterstützer“, fasste André Wiese abschließend zusammen. „Heute können alle mitgestalten.“

Von Kathrin Röhlke

EU-Förderprogramm Resiliente Innenstadt

Soziales, Ökonomie und Ökologie im Fokus

Bis zum 21. April muss die Bewerbung der Stadt Winsen für das EU-Förderprogramm Resiliente Innenstadt beim Land Niedersachsen eingegangen sein. Dabei geht es um nicht weniger als 3,95 Millionen Euro, mit denen Innenstadtprojekte in Winsen bis 2027 zu 60 Prozent gefördert werden können. Gefordert sind dafür Handlungsstrategien, die die Innenstadt gegen Krisen stärken. Dabei stehen drei Nachhaltigkeitsbereiche im Fokus: Soziales, Ökonomie und Ökologie. Im Rahmen der Bürgerbeteiligung wurden mögliche Aspekte für Winsen vorgestellt.

  • Im Bereich Soziales geht es darum, quasi ein öffentliches Wohnzimmer einzurichten. Pop-up-Treffs für Jugendliche, ein digitaler Stadtrundgang, die Luhepromenade sind Gedanken. Das Spiel mit dem historischen Ensemble Schloss, Marstall, Kirche mit dem Schlossplatz muss besser genutzt werden.
  • Für die Ökonomie gilt es, Winsen über einen resilienten Nutzungsmix zu stärken. Dafür werden innovative Ladenkonzepte gebraucht. Anreize für Akteure wie ein Gastro-Wettbewerb und die Ergänzung des ewig kränkelnden Wochenmarktes um den Themenbereich Essen und Kultur gehören dazu. Auch das Schlagwort Coworking fiel.
  • Für den ökologischen Aspekt gilt, die Versiegelung in der Innenstadt zu reduzieren. Patenschaften könnten für Begrünung vergeben werden. Das Busnetz muss ausgebaut, das gerade angeschobene Projekt Stadtrad intensiviert werden. Und Anreize müssen auch hier her: Warum nicht die Busfahrkarte mit einem Einkaufsgutschein verbinden? Nicht zuletzt sind Klimabeiträge wie Gebäudebegrünung, Regenwassermanagement und auch öffentliche Wasserspender interessant.

Die Bewerbung muss auf 35 Seiten Handlungsstrategien präsentieren, wie Winsens City attraktiver und stärker wird. Eine Jury entscheidet letztlich über die Vergabe der Gelder.