BU: Im Juni 2021 ereignete sich in der Eckermannstraße dieser schwere Unfall. Eine 81 Jahre alte Seniorin war unter einen Müll-Laster geraten. Zwei Wochen später erlag sie ihren Verletzungen. (Foto: bjh)
BU: Im Juni 2021 ereignete sich in der Eckermannstraße dieser schwere Unfall. Eine 81 Jahre alte Seniorin war unter einen Müll-Laster geraten. Zwei Wochen später erlag sie ihren Verletzungen. (Foto: bjh)

Acht Sekunden, keine Spuren

Im Juni 2021 geriet eine 81-Jährige unter einen Müll-Laster. Sie starb, der Fahrer ist angeklagt.

Winsen. Dieser Unfall ist im Gedächtnis geblieben: Am 12. Juni 2021 berichtete der WA von einem dramatischen Verkehrsunfall in der Eckermannstraße in Winsen vom Vortag. Ein Müll-Laster hatte beim Abbiegen eine 81 Jahre alte Frau erfasst. Sie geriet unter den Lkw und wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Dort verstarb sie zwei Wochen später an den Unfallfolgen. Jetzt wird dem Müllwerker, der den Müll-Laster fuhr, der Prozess gemacht.

Vor dem Winsener Amtsgericht steht jetzt ein 37 Jahre alter Mann aus Buchholz wegen fahrlässiger Tötung unter Anklage. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dass er den Unfall durch Fahrlässigkeit herbeigeführt haben soll. Als Nebenkläger tritt der Sohn der Verstorbenen auf. Mit einem Urteil in der Strafsache könnte er in einem Zivilprozess Schmerzensgeld einklagen.

Vor allem dürfte es ihm aber um die Aufklärung dieses tragischen Unfalls gehen, doch die Aufklärung erweist sich als schwer. Vier Zeugen sagten jetzt aus, aber erst eine Beamtin der Autobahnpolizei brachte Daten mit, die das Unfallgeschehen etwas erhellen. Ansonsten gibt es viele Fragezeichen.

Zeugenaussagen bieten kein einheitliches Bild

Die erste Zeugin kann viel berichten, muss aber zugeben, dass es oft Schlussfolgerungen sind, die sie aus ihrer Erinnerung zieht. Sie hatte die 81-Jährige vor dem Unfall gesehen, wie sie mit ihren Rollator am abgesenkten Bordstein an der Eckermannstraße stand und dann, vermutlich, quer über die Straße ging und vom Müll-Lkw erfasst wurde. Eine Nachbarin, die zweite Zeugin, hatte die 81-Jährige vom Balkon aus gesehen, wie sie an der Einmündung Eckermannstraße/Große Gänseweide mit ihrem Rollator die Straße in Richtung Stadtmitte queren wollte. Kurz darauf habe sie ein Krachen und Hilfeschreie gehört. Welche Richtung das Unfallopfer eingeschlagen hatte, habe sie nicht gesehen.

Polizistin verweist auf Fehlen jeglicher Spuren

Dritte Zeugin ist eine Polizeibeamtin, die am Unfallort die Zeugenaussagen aufgenommen hatte. Dabei hätten die Zeugen wiederum gesagt, dass die 81-Jährige an der Bordsteinabsenkung sich auf die Straße begeben hatte. Nach dem Unfall habe die Seniorin mittig zwischen den Vorderreifen unter dem Müll-Lkw gelegen, einen offenen Bruch am Bein habe man erkennen können. Zwei Wochen danach erlag die Frau ihren Verletzungen. Der Obuktionsbericht wurde in der öffentlichen Verhandlung nicht verlesen. Die Polizistin berichtete zudem, dass es keinerlei Spuren zum Unfall gegeben habe: keine zum Hergang, keine von einem Anprall am Lkw, keine Schleifspuren, nichts.

Die Auswertung der Lkw-Fahrdaten lieferte Ansätze. So seien insgesamt acht Sekunden vergangen, in denen der Müll-Laster an der Großen Gänseweide 1 seine Fahrt fortgesetzt hatte, dann habe es nach vier Sekunden eine Bremsung gegeben, weitere vier Sekunden später habe der Müll-Laster gestanden, berichtete die Beamtin der Autobahnpolizei. Der Lkw sei zwischen zwei und neun Stundenkilometer schnell gefahren, also im Bereich, den man Schrittgeschwindigkeit nennt.

Bei den Lenk- und Ruhezeiten habe es beim Fahrer keine Verstöße gegeben. Die Reaktion des 37-Jährigen beim Unfall stufte die Beamtin so ein: „Situation erkannt, gute Bremsung.“ Dass der Lkw nach dem Unfall noch vier Sekunden und noch etwa 3,20 Meter weit gefahren war, sei nicht ungewöhnlich. Bei einem solchen Lkw sei dies in dem Tempo lediglich eine Radumdrehung, so die Beamtin.

Angeklagter äußert sein Bedauern und ist ratlos

Eine Zeugin musste wegen einer Corona-Erkrankung kurzfristig passen, sie soll beim Fortsetzungstermin gehört werden. Die Einsetzung eines Gutachters könnte dann auch ein Thema sein. „Möglich ist alles Mögliche“, fasste Verteidigerin Doris Dierbach die Bandbreite der geäußerten Theorien zum Unfallhergang zusammen.
Bleibt der Blick auf den Angeklagten. Der ließ erklären, dass er den Tod der alten Dame bedauere, sich aber nichts vorzuwerfen habe. Er sei langsam und vorsichtig gefahren. Er habe die 81-Jährige nicht gesehen. Das bleibt das Rätsel: Wo kam die Seniorin mit ihrem Rollator her, wie geriet sie offenbar ungesehen unter den Lkw?

Der Angeklagte erklärte seine Routine beim Anfahren und Abbiegen mit dem Müll-Laster. Da gehe der Blick in alle Spiegel und in die 360-Grad-Kamera des Fahrzeugs, da sei nichts ersichtlich gewesen. Auf der Anklagebank wirkte der Buchholzer mitgenommen. Richter Dr. Meik Lange äußerte zum Abschluss der jetzigen Verhandlung Zweifel an einer Fahrlässigkeit des Angeklagten.

Von Björn Hansen