BU: Missstimmungen gehören dazu in der Beziehungen von Eltern mit ihren Kindern. Doch wenn der Nachwuchs jeglichen Kontakt abbricht, fragen sich Mutter und Vater, was so grundlegend schief gelaufen sein könnte. (Foto: AdobeStock)
BU: Missstimmungen gehören dazu in der Beziehungen von Eltern mit ihren Kindern. Doch wenn der Nachwuchs jeglichen Kontakt abbricht, fragen sich Mutter und Vater, was so grundlegend schief gelaufen sein könnte. (Foto: AdobeStock)

Kein Kontakt mehr zu den Eltern

In einer neuen Selbsthilfegruppe organisieren sich Mütter und Väter, deren Kinder die Beziehung abbrechen.

Winsen. Die Meyers (Name geändert) aus dem Landkreis Harburg haben ein Kind verloren. Von jetzt auf gleich, ohne jede Vorwarnung. Doch das Kind lebt. Es hat seine Eltern verlassen. Es gibt keine Nachricht, keinen Grund, keinen Kontakt. Mittlerweile weiß Familie Meyer zumindest, wo das Kind sich aufhält. Es geht ihm gut, körperlich jedenfalls. Alles darüber hinaus bleibt vorerst, möglicherweise aber auch für immer, ein Geheimnis.

Die Meyers haben sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen, die sich noch im Aufbau befindet und den Austausch Betroffener untereinander zum Ziel hat. „Wir haben mit allen darüber gesprochen: Nachbarn, Freunde, mit der Oma. Es sind wirklich alle ehrlich betroffen, doch niemand, der das nicht selbst erfahren hat, kann das wirklich mitfühlen“, ist Herr Meyer sich sicher. Der Vater verspürt das Bedürfnis – vielleicht sogar den Drang – sich mit anderen auszutauschen, denen Ähnliches widerfahren ist. „Jeder kennt so eine Geschichte: Da bei denen, da ist das Kind weggelaufen“, sagt Frau Meyer und fügt an: „Aber dass uns das passiert! Da glaubt niemand dran.“

Die Frage nach der Schuld

Wenn das Kind über 18 Jahre alt ist, also volljährig, können Eltern rechtlich nichts mehr tun, um das Kind zurückzuholen. Es trifft seine Entscheidungen eigenverantwortlich. Für die einstmaligen Erziehungsberechtigten stellt sich nicht selten die Frage nach der Schuld. „Natürlich geben wir uns die Schuld. Doch wir wissen absolut nicht, was wir falsch gemacht haben könnten“, beschreibt die Mutter den Zwiespalt in den elterlichen Gefühlen. „Vielleicht gab es im Vorfeld Signale der Unzufriedenheit“, sagt Frau Meyer. Sie will nicht Corona die ganze Schuld geben, glaubt aber schon, dass diese Zeit sehr schwer war und letztlich die Entscheidung des Kindes zur „Flucht“ begünstigte. Herr Meyer sagt: „Wir hätten mehr auf alles achten müssen.“

Was im Gespräch mit den Meyers deutlich wird, ist der Zweifel. Der Zweifel an einem gelebten Leben, den Erziehungsmethoden, der Art der selbst gewählten Familienorganisation. Dann ist da die Hilflosigkeit, fast schon Ohnmacht. Das Kind lehnt den Kontakt ab, nicht mal telefonieren will es. Auf den sozialen Medien sind die Eltern blockiert.

Eltern wollen sich unterstützen

Fakt ist, die Meyers sind kein Einzelfall. Fast jedes Medium hat in der jüngeren Vergangenheit über dieses Phänomen berichtet. Es kommt häufig vor. In der Selbsthilfegruppe wird niemand sein, der das Rezept parat hat, wie man das eigene Kind zurück bekommt. Das liegt im Übrigen auch bei keinem Therapeuten oder Psychologen in der Schublade. Doch im Austausch wollen die Eltern sich gegenseitig unterstützen und helfen, mit der fordernden Situation umzugehen. Die Herausforderung liegt dabei in der Akzeptanz des Zustandes und darin, das eigene Leben trotzdem lebenswert zu gestalten.

Die Selbsthilfegruppe wird seit der Gründung durch die Zentrale Informationsstelle Selbsthilfe (ZISS) des Landkreises in Winsen unterstützt, die Michael Rittmeister von der Caritas leitet. Betroffene Eltern oder Großeltern können unter der Telefonnummer (0151) 61 45 63 65 Kontakt zu der Gruppe aufnehmen.

Von Andreas Urhahn