Im Salzhäuser Jugendzentrum haben Schülerinnen und Schüler über den Krieg in der Ukraine diskutiert und ihre Ängste und Sorgen diesbezüglich geteilt. (Foto: dre)
Im Salzhäuser Jugendzentrum haben Schülerinnen und Schüler über den Krieg in der Ukraine diskutiert und ihre Ängste und Sorgen diesbezüglich geteilt. (Foto: dre)

„Ich habe totale Angst davor!“

Jugendliche in Salzhausen sprechen über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine.

Salzhausen. Seit gut zwei Wochen tobt der russische Angriffskrieg in der Ukraine – keine drei Flugstunden von Hamburg entfernt. Die Menschen entdecken alte Ängste aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wieder, als der Kalte Krieg zwischen NATO und Warschauer Pakt seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die nukleare Bedrohung war real und Deutschland noch geteilt. Die folgende Generation ist in Frieden und wirtschaftlichem Wohlstand aufgewachsen. Aktuelle Konflikte wie in Afghanistan und Syrien waren weit weg, und auch die dazwischen liegenden Bürgerkriege der 90er-Jahre in den jugoslawischen Nachfolgestaaten haben sie nicht mitbekommen. Was macht also ein Krieg in der Nachbarschaft der Bundesrepublik mit der Jugend? Der WA ist dieser Frage im Jugendzentrum Salzhausen nachgegangen.

Angst vor dem Krieg

„Ich habe das erst am zweiten Tag mitbekommen“, sagt die 15-jährige Caja und meint damit noch die Zeit bevor wirklich geschossen wurde. „Ich finde es sehr gefährlich, glaube aber nicht wirklich, dass der Krieg auch nach Deutschland kommt. Aber es ist beängstigend!“ Diese Einschätzung teilt auch Arne. Der 14-Jährige findet trotzdem: „Es ist erschreckend, dass so nah an uns Krieg ist.“

Die Jugendlichen sitzen auf Sofas im Kreis. Die Wände sind mit flapsigen Sprüchen beschriftet und mit Herzen bemalt. Nach anfänglicher Zurückhaltung entwickelt sich ein reger Meinungsaustausch. Auch zwei Mädchen, die „nur hier sitzen“ wollten, äußern sich letztendlich. So auch Leonie, die gesteht: „Ich habe total Angst davor! Ich habe von klein auf Angst vor Gewitter und Sirenen, und wenn jetzt ein Alarm losgeht, dann ruft meine Mutter mich an, um mich zu beruhigen.“ Anna findet das Geschehen ebenfalls erschreckend, habe aber nicht wirklich Angst. „Das ist ja ein Konflikt zwischen der Ukraine und Russland.“ Das möchte Caja nicht so stehen lassen: „Erstmal ist dort Krieg, aber Polen liegt genau daneben und ist in der NATO. Wenn Polen mit reingezogen wird, dann müssen wir mitmachen!“

Geschichtlicher Hintergrund fehlt

Kuba, der neben Anna sitzt, stammt selbst aus Polen. Doch eines Angriffs auf sein Geburtsland bedarf es nicht, um seine Familie ins Kriegsgeschehen zu ziehen: „Meine Großeltern wohnen in Kiew“, erklärt der 16-Jährige. Er selbst sei schon einige Male dort gewesen und erinnert sich an eine „ganz normale Stadt“. Die Großeltern haben nun vor, in Richtung Polen zu fliehen. „Wir sind hin und wieder in Kontakt und wissen, dass es ihnen gut geht.“

Den Jugendlichen fehlt in den Gesprächen viel Hintergrund. DDR, Sowjetunion, Atombomben – das alles scheint weit weg und nur noch eine Erinnerung der vorangegangenen Generation zu sein. Caja meint etwa, dass es bis zum Nuklearschlag noch dauern würde, die langfristigen Folgen einer atomaren Detonation – wie Strahlung und nuklearer Winter – scheinen im Gespräch über die Massenvernichtungswaffen keine Rolle zu spielen. Leonie fragt: „Was bringt ihm das?“ Und spricht damit über Putin. „Er muss wissen, dass dann eine Antwort kommt.“

Der viel wahrscheinlichere, gleichzeitige massive Einsatz atomarer Sprengköpfe auf beiden Seiten ist ebenfalls nicht im Blick der Jugendlichen. Weiter ist in der Runde unklar, warum es überhaupt zu diesem Krieg gekommen ist, was die Ziele sein könnten.

Anna macht den Wunsch der Russen nach dem Schwarzen Meer als Motiv aus und sagt, es habe schon immer den Konflikt zwischen den Ländern gegeben. Das ist aus dem Blickwinkel einer 15-Jährigen sehr dicht an der Wahrheit.

Fake News sind Thema

Das Gegenteil der Wahrheit ist dafür ein sehr großes Thema, allgegenwärtig in der digitalisierten Jugend. Es geht um Fake News. „Eine meiner Freundinnen ist Russin, und die sieht das alles etwas anders“, informiert Leonie. So habe die Freundin von ihren ukrainischen Großeltern erzählt, die von russischen Soldaten sehr gut behandelt würden. Unklar bleibt dabei, ob besagte Großeltern möglicherweise zur russischen Minderheit gehören.

Caja hat von einem russischen Vater gehört, der angeblich von seinem deutschen Chef gekündigt werden sollte aufgrund der Invasion, weiß aber auch von der staatlichen Zensur im Land der Angreifer: „Die bekommen dort gar keine richtigen Nachrichten, nur Fake News vom Staat.“ „Die meisten Russen wissen selbst gar nicht, worum es geht“, glaubt Leonie und findet, dass es sehr schlecht für Putin sei, wenn so viele Russen das selbst nicht wollten, was nun passiert.

Während Caja ausführt, dass der Krieg in der Schule früh angesprochen wurde, räumt Leonie ein, dass es ein paar Tage gedauert habe, bis die Lehrer das aktuelle Geschehen behandelt hätten. Caja schätzt deshalb den weiteren Verlauf des Konflikts für die Gruppe ein: „In zwei bis drei Monaten wird Russland die Ukraine eingenommen haben. Dann stellt sich die Frage, ob Putin noch mehr will.“

Von Andreas Urhahn