Ein Abstecher in die 1. Bundesliga würde die 30-jährige Yvonne Kaiser durchaus noch einmal reizen. Aber nur im familiären Umfeld des MTV Tostedt. (Foto: rin)
Ein Abstecher in die 1. Bundesliga würde die 30-jährige Yvonne Kaiser durchaus noch einmal reizen. Aber nur im familiären Umfeld des MTV Tostedt. (Foto: rin)

„In Tostedt kann ich gut alt werden“

Yvonne Kaiser ist die beste Tischtennisspielerin im Landkreis, hat die Meisterschaft vor Augen, plant ihre Hochzeit und ist komplett bei sich.

Tostedt/Luhdorf. Sie ist die aktuell beste Tischtennisspielerin im Winsener Kreisgebiet: Yvonne Kaiser. Die in der Jugend für Winsen und Stelle spielende heute 30-Jährige schlägt nach wie vor für den MTV Tostedt in der 2. Bundesliga auf und hat in dieser Saison sogar noch die Meisterschaft im Visier. Warum das so ist und warum sie das Wort Heimspiel gerne mit einem Lächeln wegatmet, erzählte Yvonne Kaiser dem WA in einem Gespräch.

„Tostedt ist ein Verein, in dem ich gut alt werden kann“, sagt die studierte Sozialwissenschaftlerin und Sozialökonomin lächelnd. „Ich verbinde einfach viel mit dem Verein. Hier ist alles sehr familiär.“ Mit ihren Teamkolleginnen Svenja Obst und Irene Ivancan – alle in den 30ern – verbindet sie eine Freundschaft. „Wenn wir zusammen sind, dann sprechen wir auch viel über Privates. Wir sind befreundet, gehen nach dem Spiel mit den Partnern gemeinsam essen. Wir wissen, wie jede von uns tickt.“

Dass das in vielen Klubs anders läuft, weiß Yvonne Kaiser auch. Drei Jahren spielte sie in der 1. Bundesliga – erstaunlicherweise nie für Tostedt, sondern für den TTV Hövelhof und den TV Busenbach. „Es gibt Teams, da sind viele ausländische Spielerinnen verpflichtet“, berichtet sie. Deutsch werde da kaum gesprochen, man treibt gemeinsam Sport, ansonsten geht jeder seiner Wege. „Das war für mich auch eine interessante Erfahrung“, gibt die Analystin in der Marktforschung zu, aber heute sind ihr die persönlichen Beziehungen wichtiger.

Das war vor 15 Jahren anders: Yvonne Kaiser wechselte früh ans Sportinternat nach Hannover. Sportliche Leistungsförderung und schulische Ausbildung gehen dort Hand in Hand. „Das war damals schon ein besonderer Druck. Du tust in dieser Zeit so viel für deinen Sport, willst allen beweisen, dass du den Ansprüchen genügst“, erinnert sich Yvonne Kaiser. „Es war irgendwie ziemlich befreiend für mich, als diese Jugendzeit vorbei war und ich studieren konnte.“ Von daher versteht sie besonders auch die jungen Spielerinnen im Team wie Lotta Rose und Jugendnationalspielerin Mia Griesel.

Irgendwie konnte Yvonne Kaiser ihren Sport jedenfalls danach mehr genießen. Und ihr sportliches Können habe ihr das Studium finanziert, gibt sie zu. „Da konnte ich meinen Eltern, die mich seit der frühen Jugend unterstützt haben und mehrmals die Woche zum Training nach Otter, Tostedt und Hannover und zu Wettkämpfen gefahren, irgendwie ein bisschen was zurückgeben“, sagt die 30-Jährige. Auf finanzielle Unterstützung von Zuhause sei sie damals jedenfalls nicht angewiesen gewesen.

„Ich glaube, aus meinem Möglichkeiten habe ich sportlich das Beste rausgeholt“, findet Yvonne Kaiser, die komplett bei sich ist. „Ich gehörte nie zu den Spielerinnen mit dem größtem Talent, aber ich habe bis heute ziemlich viel Ehrgeiz.“ Als es jüngst gegen Leipzig nicht lief, ergriff sie sofort die Konsequenz: „In dem Spiel war ich wirklich schlecht, stand total neben mir. Da ging’s in der Woche danach gleich zweimal öfter ins Training.“

Das absolviert Yvonne Kaiser übrigens Zuhause – in Nürnberg! „Tja, da bin ich der Liebe wegen hin“, erzählt sie glücklich. Und da will sie auch bleiben. Im Sommer wollen Yvonne und ihr Partner heiraten. „Von daher sind Heimspiele für mich relativ“, gibt sie grinsend zu. Denn bevor sie überhaupt in der Tostedter Sporthalle an der Poststraße zum Schläger greifen kann, hat sie locker fünf Stunden Zugfahrt hinter sich. „Ist okay“, meint die 30-Jährige. „Die Nacht verbringe ich dann immer bei meinen Eltern, die immer noch in Luhdorf wohnen, bevor es sonntags wieder nach Hause geht. Meine Eltern freuen sich, wenn sie mich mal sehen.“

Das Reisen gehört zu den schönen Tischtenniserinnerungen von Yvonne Kaiser. 2017 beendete sie die Stippvisiten auf internationalen Turnieren mit der Universiade in Taiwan. „Das war mein letztes Einzelturnier. Ranglisten und Deutsche Meisterschaften spiele ich nicht mehr. Brauche ich einfach nicht mehr. Ich muss mir nichts mehr beweisen“, sagt sie komplett aufgeräumt und mit sich im Reinen.

Die 1. Bundesliga würde sie natürlich schon noch einmal reizen, gibt sie dann zu – vor allem mit den Freundinnen und ihrem MTV Tostedt in familiärer Atmosphäre. Und den talentierten Nachwuchs gibt es im Team ja auch. „Mia ist so stark, sie könnte bald meine Position im oberen Paarkreuz übernehmen“, orakelt Yvonne, die sich aber auch schon auf die Zeit nach der Hochzeit freut. Familienplanung sei irgendwann angesagt. Und was dann noch sportlich mit einem Kind geht? „Aber nächste Saison stehe ich ganz sicher noch für den MTV Tostedt an der Platte. Das habe ich Michael Bannehr und den Mädels längst versprochen.“

Von Kathrin Röhlke