Trockene Halme, liegen gelassenes Laub und Hecken auf Grünstreifen im Randbereich landwirtschaftlicher Flächen bieten Insekten Lebensraum und Nahrung. (Foto: dre)

Das große Insektensterben

Das Bundesamt für Naturschutz schlägt Alarm: Mehr als ein Viertel aller Insekten sind in Deutschland gefährdet. Elisabeth Bischoff vom BUND sieht auch den Bestand im Landkreis Harburg in großer Gefahr.

Landkreis. Aus der vor Kurzem veröffentlichten neuen „Roten Liste“ des Bundesamts für Naturschutz (BfN) gehen besorgniserregende Zahlen hervor. Denn von 6750 untersuchten Insektenarten, darunter mehr als 5600 verschiedene Käfer, sind 26,2 Prozent in ihrem Bestand gefährdet. Ein Bundestrend, der auch den Landkreis Harburg betrifft? „Es könnte hier sogar noch extremer sein“, warnt Elisabeth Bischoff, die Vorsitzende des BUND-Regionalverbands Elbe-Heide, auf Nachfrage des WA.

„Das liegt daran, dass wir uns in einer noch wachsenden Region befinden. Es gibt Prognosen, dass es noch bis 2030 Zuzug in den Landkreis geben soll“, erklärt die politisch aktive Buchholzerin. Es gebe durch die Nähe Hamburgs viel Arbeit und insgesamt eine angenehme Umgebung. „Das bedeutet natürlich, dass immer mehr landwirtschaftliche Flächen in Baugebiete umgewandelt und so versiegelt werden. Da geht der Lebensraum verloren“, so die Grüne weiter.

Doch nicht nur Insekten würden verschwinden, auch Vögel in der Folge, da sie ihre Nahrungsquellen einbüßen. „Das ganze ökologische Netz hängt daran und der klimatische Ausgleich wird gehemmt.“ Humus werde vernichtet und die Neubildung von Grundwasser eingeschränkt.

„Niedersächsischer Weg“ für mehr Artenvielfalt

Doch auch die Landwirtschaft selbst bedrohe die Artenvielfalt durch die intensive Bewirtschaftung der Felder. „Wildlebende Arten sind durch Dünger und Pestizide gefährdet. Auch die Grünstreifen als Nahrungslieferant und Lebensraum gehen immer weiter verloren“, weiß Bischoff und spricht das seit Jahren bekannte Thema der illegalen Ausweitung von Ackergrenzen an.

Auch als Lebensraum wichtige Hecken seien früher entfernt worden, um das Arbeiten auf den Flächen zu vereinfachen. Zumindest das sei jetzt vorbei, da der „Niedersächsische Weg“ ausgehandelt wurde. Eine bundesweit einmalige Vereinbarung zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Politik für mehr Natur-, Arten- und Gewässerschutz.

Die Kreistagsabgeordnete sieht des Weiteren die Kommunen in der Pflicht: „Grünflächen müssen als Lebensraum gestaltet werden, da helfen keine Stereotypen.“ Die seien vielleicht schön für das menschliche Auge, aber wertlos für Insekten. Bei einer Umgestaltung sei zwar viel zu tun und zu erklären, doch da müssten die Einwohner mitgenommen werden. Denn den wirbellosen Arten helfen liegen gelassenes Laub und trockene Halme, was Bürgerinnen und Bürger schnell als Unordnung ausmachen könnten. Doch auch diese Menschen seien gefragt – insbesondere wenn ein eigener Garten vorhanden ist.

Kein Lebensraum in Schottergärten

„Am schlimmsten sind diese Schottergärten! Die sind vielleicht nicht arbeitsintensiv, bieten aber auch null Lebensraum“, führt Bischoff aus. Auch Zäune aus Plastik und gut gedüngte Grünflächen sowie die beliebten Kirschlorbeersträucher würden Insekten nicht viel bieten. „Gärten sollten so gestaltet werden, dass Insekten sich willkommen fühlen und auch Vögel mal ein Nest bauen.“ Ein Sandbeet, das nicht ständig durchgeharkt wird, sei für Bienen beispielsweise sehr nützlich und ein Totholzstapel lade Insekten zur Besiedelung ein, gibt die Naturschützerin Hinweise.

Gleichzeitig gebe es auch Pflanzen, von denen sowohl Menschen als auch Insekten, speziell Bienen, profitieren können. „Kräuter wie Thymian, Majoran und Bohnenkraut sind eine gute Nahrungsquelle und können auch in unseren Küchen gut eingesetzt werden.“

Von Andreas Urhahn