Im Ton vergriffen: Das Zugpersonal eines Metronom nahm einen minderjährigen ukrainischen Flüchtling verbal in die Mangel – mittlerweile sprach das Unternehmen sein Bedauern aus.
Im Ton vergriffen: Das Zugpersonal eines Metronom nahm einen minderjährigen ukrainischen Flüchtling verbal in die Mangel – mittlerweile sprach das Unternehmen sein Bedauern aus. (Foto: he)

Strafzettel ins Kriegsgebiet

Ein minderjähriger Ukrainer ohne Ticket bekommt es im Metronom mit einer gnadenlosen Zugbegleiterin zu tun. Am ersten Tag des Neun-Euro-Tickets soll der Kriegsflüchtling 60 Euro Strafe zahlen.

Winsen. Es ist der Metronom von Winsen in Richtung Uelzen – am frühen Abend des 1. Juni. Das Neun-Euro-Ticket ist gerade geboren und der so genannte „Rechtskreiswechsel“ bezüglich ukrainischer Kriegsflüchtlinge in Kraft getreten. Was das bedeutet, muss ein minderjähriger Ukrainer in ganzer Härte erfahren, als er während der Fahrt von zwei Zugbegleiterinnen in die Mangel genommen wird. Zehn Tage später, nach wiederholter Nachfrage bei der Metronom Eisenbahngesellschaft, erscheint die Geschichte eines unrühmlichen Vorfalls.

Der Autor dieser Zeilen wird Zeuge eines Vorgangs, der wohl nur als übertriebenes, unüberlegtes Durchsetzen geltender Regeln beschrieben werden kann. Zwei Zugbegleiterinnen in Metronom-Uniformen führen einen Jugendlichen aus dem Sitzabteil in den Ein- und Ausstiegsbereich des Waggons. Eine der Frauen übernimmt die Initiative, zückt ihr mobiles Terminal und fängt an Fragen zu stellen. Schnell ist klar, der Junge spricht kein Deutsch und ist nicht im Besitz eines gültigen Tickets. Die Frau wird rüde im Ton und versucht es auf Englisch. Sie erfährt, dass der Minderjährige aus der Ukraine stammt, in der sich seine Eltern noch aufhalten. Er ist also unbegleitet in Deutschland. Das alles scheint die Metronom-Angestellte nicht zu interessieren. Sie stellt ihm einen Strafbescheid über 60 Euro aus und notiert dazu die Adresse der Eltern – in der Ukraine.

Schnippische Antwort der Zugbegleiterin

Der Autor des Artikels fragt die Zugbegleiterin, ob das wirklich nötig sei. „Muss ein minderjähriger Flüchtling, der kein Deutsch kann, am ersten Tag des Neun-Euro-Tickets derart hart bestraft werden?“ Die schnippische Antwort: „Wenn Ihnen das nicht passt, können Sie den Zug am nächsten Bahnhof verlassen!“

Der Ukrainer, so stellt sich heraus, hatte bis zum 31. Mai noch eine gültige Fahrkarte. Hintergrund ist der von der Bundesregierung beschlossene Rechtskreiswechsel, der die Ukrainer aus dem Asylrecht in die Verantwortlichkeit der Kommunen nach dem Sozialgesetzbuch überführt – zum 1. Juni. Nun kann fast ausgeschlossen werden, dass alle Ukrainer diese Änderung in Anbetracht der Kurzfristigkeit, die auch bei Kommunalpolitikern auf Unverständnis stößt (WA berichtete), zur Kenntnis genommen haben.

Ukrainer fahren nicht mehr kostenlos

Metronom-Sprecherin Miriam Fehsenfeld erklärt auf Nachfrage, dass die Regelung der kostenlosen Zugfahrten für ukrainische Geflüchtete gleichzeitig zum 1. Juni aufgehoben worden sei.
„Lediglich im grenzüberschreitenden Fernverkehr erhalten Menschen, die sich unmittelbar auf der Flucht aus der Ukraine befinden, weiterhin Tickets zum Preis von Null Euro, damit sie ohne Probleme ihren ersten Zielort in Deutschland erreichen. Eine entgeltfreie Mitfahrt nur aufgrund der Vorlage eines Personalausweises, Reisepasses oder einer Aufenthaltsgenehmigung aber ist im Fern- und Regionalverkehr, auch auf politischen Wunsch hin, nicht mehr vorgesehen.“

Metronom bedauert das Ereignis

Dass es sich tatsächlich um einen minderjährigen ukrainischen Flüchtling handelt, bestätigte die Pressesprecherin des Metronom ebenfalls und bedauert das Ereignis: „Der geschilderte Vorgang entspricht so keineswegs unseren Vorstellungen eines angemessenen Umgangs mit der Situation.“ Die Mitarbeiter seien vorab über die geänderte Regelung informiert worden. „Wir haben aber unsere Fahrgastbetreuer aufgefordert, gerade in der ersten Woche kulant mit den geänderten Mitfahrtbedingungen umzugehen und ukrainische oder aus der Ukraine geflohene Reisende zunächst nur auf die geänderte Regelung aufmerksam zu machen“, erklärt Fehsenfeld. Dies sei absolut nötig, da die Informationen aufgrund der Sprachbarriere länger brauchten, um bei allen Betroffenen anzukommen.

„Die Reaktion unserer Mitarbeiterin entspricht nicht unseren Vorstellungen und wir bedauern den geschilderten Vorfall ausdrücklich“, sagt Miriam Fehsenfeld für das Bahnunternehmen. Der Vorgang sei aktuell noch in Bearbeitung, aber: „Ich gehe sicher davon aus, dass das storniert wird.“

Von Andreas Urhahn