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Die Bahn spaltet mit ihren Neubauplänen die Politik in den Kreisen Lüneburg und Harburg. (Foto: jj)

Beim neuen Gleis rollen die Landkreise Lüneburg und Harburg auf Konfrontationskurs

Harburg/Lüneburg. Der Konflikt um die neue Bahntrasse zwischen Hamburg und Hannover spitzt sich zu. Die Landkreise Harburg und Lüneburg rollen auf Konfrontationskurs. Während Harburg klar die Alpha-E-Trasse, also den Ausbau der Bestandsstrecke favorisiert, sind die Spitzen der Verwaltung im Landkreis Lüneburg mehr für die Neubaustrecke entlang der A7. Jetzt haben sich Bürgermeister und Landräte positioniert.

„Statt Alpha E: Vieles spricht für den Neubau einer Bahnstrecke entlang der A 7“. So lautet eine aktuelle konzertierte Aktion von Kommunen aus dem Landkreis Lüneburg.

Wichtigste Entscheidung
der Bahn 
im Norden

In der Mitteilung der Pressestelle des Landkreises heißt es: „Eine der wichtigsten Entscheidungen für den Bahnverkehr in Norddeutschland steht bevor: Im Sommer 2023 soll der Bundestag über die Bahnstrecke Hamburg – Hannover, also die Umsetzung von Alpha E und Alternativen dazu, abstimmen. Die Deutsche Bahn nimmt dafür planerisch vier Lösungswege genau unter die Lupe und vergleicht sie miteinander.“

Zwei dieser Trassen verliefen mitten durch den Landkreis Lüneburg: Die Bestandsstrecke zwischen Hamburg und Hannover sowie eine Umfahrung, die bei Radbruch von der Hauptstrecke abzweige, bei Reppenstedt und Melbeck verlaufe und bei Suderburg im Landkreis Uelzen zurückgeführt werde.

Um genau diese Umfahrung ging es bei der Kommunalen Werkstatt der DB Netz am Dienstag (15. November 2022), an der neben Landrat Jens Böther auch die Hansestadt Lüneburg sowie die Samtgemeinden Bardowick, Gellersen und Ilmenau für den Landkreis Lüneburg vertreten waren.

Harburg klar
für Alpha E

Harburgs Landrat Rainer Rempe hat dagegen klar gesagt, was im Dialog-Forum Schiene als Konsens verabschiedet wurde, das ist die Variante Alpha E. Dem allerdings widerspricht Landrat Jens Böther aus dem Landkreis Lüneburg. Schon im Juli forderte Rempe deswegen gemeinsam mit dem damaligen niedersächsischen Verkehrsminister Bernd Althusmann: Die Bahn möge endlich ein transparentes und faires Verfahren auflegen.  Zudem würden sich sowohl das Land Niedersachsen als auch der Landkreis Harburg für ein Festhalten am 2015 zwischen DB, Kommunen und Bürgerinitiativen geschlossenen Kompromiss „Alpha E“ einsetzen.

Bürgermeisterin Emily Weede, die schon mehrere Info-Veranstaltungen abgehalten hat, erklärt heute:  „Ich fordere die Deutsche Bahn auf, jetzt mit der Bürgerinformation zu starten. Die Bahn soll endlich ihrer Verpflichtung nachkommen, unsere Bürger aus erster Hand zu informieren. Hier nehme ich die Bahn beim Wort. Erst wenn diese Information hinreichend erfolgt ist, wird sich die Gemeinde auch aktiv wieder in Gespräche mit der Deutschen Bahn einbringen. Dies sind wir unseren Bürgerinnen und Bürgern schuldig.“

Landrat Böther wirbt
für Neubaustrecke

Jetzt heißt es aus der Pressestelle des Landkreises Lüneburg:“ Während andernorts die Emotionen gegen eine Neubaustrecke entlang der Autobahn 7 hochkochen, legten die Kommunen aus dem Landkreis Lüneburg die Probleme entlang der Umfahrung sachlich dar: „Die Planung ist schon sehr detailreich“, sagt Landrat Jens Böther. „Es ging um aktualisierte Pläne der Kommunen, Brückenbauwerke, Schallschutz und die Einfädelung.“ Sehr deutlich sei bereits jetzt, dass ein Neubau entlang der A 7 wirtschaftlicher und auch für die Zukunft tragfähiger sei: „Über diese Schienen muss der Bahnverkehr zwischen Hamburg und Hannover für die kommenden hundert Jahre rollen – das funktioniert weder auf der Bestandsstrecke mitten durch Lüneburg noch durch eine Umfahrung im dicht besiedelten Speckgürtel“, betont der Landrat.

Der Landkreis Lüneburg werde gleichwohl jede Streckenführung akzeptieren, die in einem faktenbasierten, fachlich fundierten Verfahren zustande kommt – auch wenn er selbst betroffen sei. „Dazu ist ein Raumordnungsverfahren unverzichtbar, wie es der Landkreis seit mehreren Jahren fordert“, so der Landrat. „Die Planungen der Bahn dazu gehen in die richtige Richtung.“ Zwischen Hannover und Hamburg seien durchgängig vier Gleise notwendig – und die sind wohl nur mit einem Neubau zu realisieren.

 

Zum Termin mit der DB Netz nehmen die beteiligten Kommunen aus dem Landkreis Lüneburg Stellung:

Claudia Kalisch, Oberbürgermeisterin der Hansestadt Lüneburg: „Die DB hat uns ausschließlich die bestandsstreckennahe Variante im Detail dargestellt. Auch wenn noch Angaben fehlten, so zum Beispiel zu den Höhenplanungen, haben wir erhebliche Bedenken gegen die bestandsnahe Trassenvariante. Das Stadtgebiet wäre deutlich betroffen, und wir sollten sehr gut abwägen, welche Vor- und welche Nachteile die vorgestellte Lösung gegenüber möglicherweise anderen Alternativen bringt. Bezüglich des Ausbaus der Bestandsstrecke hat die DB auf die Erkenntnisse im Rahmen der Gläsernen Werkstatt verwiesen. Hieraus folgten erhebliche Eingriffe in Lüneburger Bausubstanz und die verkehrliche Perspektive ist aus Lüneburger Sicht fraglich. Die DB hat angekündigt, in der ersten Jahreshälfte 2023 in das parlamentarische Verfahren dazu einzusteigen. Wir werden die Zeit nutzen, um alle bisher vorgelegten Informationen ausführlich zu bewerten und voraussichtlich im Januar 2023 eine aktuelle Positionierung des Rates der Stadt dazu herbeizuführen.“

Arndt Conrad, Erster Samtgemeinderat, Samtgemeinde Bardowick: „Die vorgestellten Planungen der Deutschen Bahn sind erkennbar nicht realisierbar. Sie zerschneiden die Samtgemeinde Bardowick und beeinträchtigen die Menschen in Bardowick, Vögelsen und Radbruch massiv und werden abgelehnt.“

Steffen Gärtner, Bürgermeister der Samtgemeinde Gellersen: „Die Deutsche Bahn baut im Auftrage des Bundesverkehrsministeriums weiter Luftschlösser, statt den Schienenausbau in der Region ernsthaft voranzutreiben. Eine neue Bahntrasse, die zwischen Lüneburg und Reppenstedt verläuft, ist auch durch das neue Baugebiet Schnellenberger Weg unsinnig. Dort werden bereits im kommenden Jahr viele Menschen in ihren eigenen vier Wänden leben. Auch der geplante Standort der kommunalen Kindertagesstätte wäre betroffen. Der Bundestag muss diesem unsäglichen und realitätsfremden Planungsprozedere endlich den Stecker ziehen.“

Peter Rowohlt, Bürgermeister der Samtgemeinde Ilmenau: „Der Termin zur kommunalen Planungswerkstatt hat aus meiner Sicht nur noch einmal unterstrichen, dass eine enge Westumfahrung Lüneburgs u.a. durch die Samtgemeinde Ilmenau inzwischen unmöglich geworden ist. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, hat diese Signale auch bei den Vertretern der DB vernehmen können.“