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Landrat Rainer Rempe (r.) und sein Kollege Jens Böther (l.) im Kreis Lüneburg liegen bei den Überlegungen der Bahn über Kreuz. Verkehrsminister Lies bezieht jetzt Stellung. (Fotos: jj/wa/phs)

Erleichterung im Kreis Harburg +++ Auch Land positioniert sich klar gegen Neubaustrecke der Bahn +++ Lüneburg hält dagegen

Winsen/Lüneburg/Hannover. Niedersachsens Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) sorgt für etwas Erleichterung im Landkreis Harburg. Er bekräftigt, das Land lehne einen Neubaustrecke der Bahn im Dreieck Bremen-Hamburg-Hannover ab und poche auf bereits getroffene Vereinbarungen, heißt es in einem Artikel des WA. Denn die Neubaustrecke würde den Landkreis Harburg massiv durchschneiden. Zu den Info-Veranstaltungen im Kreis waren deswegen jeweils Hunderte verängstigte Bürger und Bürgerinnen gepilgert.

Alpha E trifft
den Landkreis Lüneburg

Die Variante Alpha E sieht einen bedarfsgerechten Ausbau von Bestandsstrecken im Dreieck Bremen– Hamburg–Hannover vor. Bund, Land, Deutsche Bahn, Kommunen, Bürgerinitiativen und Verbände hatten sich im Jahr 2015 im Dialogforum Schiene-Nord für den Bau von Alpha E ausgesprochen und diese im Abschlussdokument als Vorzugsvariante empfohlen. Die Neubauvarianten der Deutschen Bahn wurden verworfen. Bei dieser Variante wären das Oberzentrum Lüneburg und Orte im Kreis wie Reppenstedt oder Melbeck betroffen.

In einem Artikel des Winsener Anzeigers sagt Lies weiter: „Alpha E hatte eine breite Akzeptanz, ist aber leider nicht vorangekommen. Dass die Deutsche Bahn jetzt wieder die Y-Trasse will, erstaunt mich sehr“, sagte Lies. Die Idee habe schließlich 30 Jahre lang nicht funktioniert, und es sei nicht ein Meter Strecke gebaut worden. „In Niedersachsen haben wir dazu eine klare Haltung: Ausbau statt Neubau“, sagte Lies.

Landrat Rainer Rempe: „Ich begrüße die Unterstützung des Landes Niedersachsens für unsere Position ausdrücklich. Ein Bahnstrecken-Neubau durch den Landkreis Harburg ist nicht akzeptabel. Wir fordern den sofortigen Stopp der Planungen für eine Neubaustrecke entlang der A7 und die Umsetzung der Ausbauplanung Alpha E.“

Dem widerspricht der Lüneburger Landrat Jens Böther:Die Aussagen von Herrn Weil und Herrn Lies treffen in der Sache nicht zu: Die erforderliche Leistungsfähigkeit eines Bestandsausbaus mit Alpha E reicht nicht aus. Ebenso sagt die Bahn, dass ein Bestandsausbau eben nicht schneller geht als ein Streckenneubau, denn: Zunächst muss die Strecke Rothenburg – Verden gebaut sein. Baubeginn für die Bestandsstrecke bei uns wäre dann in den 2040er Jahren. Daran würde sich eine jahrelange Bauphase mit Störbetrieb anschließen. Vom Deutschlandtakt wäre über Jahrzehnte nicht zu reden. Dies alles konterkariert den Klimaschutz und die Verkehrswende.“

On top: Einen regionalen Konsens, wie von vielen behauptet wird, hat es nie gegeben. Es saßen nie alle Beteiligten an einem Tisch, zum Beispiel Deutsch Evern.

Wir wollen den Verkehr auf die Schiene bringen. Deshalb fordern wir weiterhin eine rechtssichere Planung mit einem professionellen Raumordnungsverfahren, wie schon seit Jahren. Wir werden jede Streckenführung akzeptieren, die in einem faktenbasierten, fachlich fundierten Verfahren zustande kommt.“

Grüner Fraktionschef
für Ausbau

Detlev Schulz-Hendel, Fraktionschef der Grünen im Landtag. (Foto: jj)

Detlev Schulz-Hendel, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag:
„Bisher hat die Bahn es nicht geschafft eine rechtssichere Vorplanung der Trassenvarianten unter Berücksichtigung der Verkehrsprognosezahlen abzuschließen und entsprechend transparent vorzulegen. Dieses ist aber unabdingbar für den weiteren Beratungsprozess.

SPD und Grüne sind sich auf der Landesebene einig darüber, dass wir einen Ausbau im Bestand benötigen, um schon alleine die prekäre Situation für die Pendler*innen auf der Strecke zwischen Hamburg und Hannover deutlich zu verbessern. Die Bestandsstrecke muss ausgebaut werden, um die Verlässlichkeit im Nahverkehr zu steigern sowie eine höhere Taktung zu ermöglichen.

Zudem muss unabhängig von einer Trassenentscheidung auf der Bundesebene sichergestellt werden, dass Lüneburg, Uelzen und Celle künftig stündlich an den Fernverkehr angebunden werden und die von uns geforderte Reaktivierung von Bahnstrecken intelligent mit der künftigen Infrastruktur verbunden werden. Darüber hinaus sind sich SPD und Grüne auf der Landesebene sehr einig darüber, dass kurzfristige Infrastrukturverbesserungen für die Bestandsstrecke von Bedeutung sind. Dazu gehören die Optimierung des 3. Gleises zwischen Lüneburg und Stelle mit zusätzlichen Weichen und Signalen ebenso wie die Optimierung der Knotenpunkte Harburg, Lüneburg, Uelzen und Celle.“

Bahn plant
seit vielen Jahren

Der Bund plant seit vielen Jahren den Ausbau des Schienennetzes im Norden. Hintergrund dafür ist die steigende und prognostiziert weiter wachsende Nachfrage im Personen- und Güterverkehr. Das Ziel ist, mehr Züge auf die Gleise zu bringen und den Personenverkehr durch eine schnellere Taktung attraktiver zu machen. Dafür reichen die vorhandenen Gleiskapazitäten nicht aus.

Die Bahn hat inzwischen auch Linienführungen für Neubaustrecken entwickelt. Sie favorisiert offenbar den Bau einer Hochgeschwindigkeitstrasse, um halbstündige Abfahrten aus Metropolen (Deutschlandtakt) zu ermöglichen.

Auch Weil für 
Aus- statt Neubau

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatte sich in jüngster Zeit wiederholt für den Ausbau der bestehenden Strecke ausgesprochen und den Widerstand gegen einen Neubau vor Ort unterstützt. Ein Neubau widerspreche dem von Bürgern und Politik getroffenen Beschluss zu Alpha E. Zudem würden die Kapazitäten auf der Strecke Hamburg–Hannover dringend gebraucht – auch das spreche für den Ausbau, da ein Neubau viel länger dauern würde, sagte Weil. Die Bahn selbst geht davon aus, dass es bei allen Planungsvarianten Widerstand und Gerichtsverfahren geben wird. Ziel sei es, eine Trasse zu finden, die auf der Gesamtstrecke am wenigsten Betroffenheit schaffe, heißt es. Für die gesamte Strecke sei die Neubautrasse der optimale Verlauf. Voraussichtlich im Sommer 2023 wird der Bundestag entscheiden, welche Trasse gebaut werden soll. Mit einer Fertigstellung rechnet die Bahn, je nach Variante, zwischen 2040 und 2050.

VCD Niedersachsen fordert sachliche Prüfung

Das Land Niedersachsen muss eine sachliche und faire Prüfung aller Bahnvarianten zwischen Hamburg und Hannover zulassen. Das sagt der VCD in einer Stellungnahme. Die Bahn hatte angekündigt, in den nächsten Monaten alle Varianten, inklusive Neubau und Bestandsstreckenausbau, auf einer vergleichbaren Datenbasis vorzulegen.

Diese Daten sollte man abwarten und fair prüfen. Es ist mittlerweile klar, dass das „Alpha-E“ in der vom „Dialogforum Schiene Nord“ mehrheitlich empfohlenen Form unter anderem weder ausreichend Kapazität noch attraktive Fahrzeiten bieten kann.

Zwischen den Großräumen Hamburg und Hannover sind durchgängig zwei zusätzliche Gleise erforderlich. Nur auf einem Teilabschnitt ein drittes Gleis zu legen, reiche „vorne und hinten nicht“. Diese neuen Gleise müssen nach VCD-Ansicht dorthin, wo sie die wenigsten Menschen belasten. Eine kürzere Strecke, wie sie an der A 7 möglich wäre, bedeute automatisch weniger verlärmte Fläche. Zudem ist der Raum an der A 7 dünner besiedelt. Bei einem Ausbau der Bestandsstrecke würde der zusätzliche Verkehr durch Winsen, Lüneburg, Bad Bevensen und Uelzen geleitet werden.

Martin Mützel, VCD-Landesvorsitzender: „Selbst wenn man keine Sekunde schneller werden wollte, müssten dafür Häuser abgerissen werden.“ Im „Dialogforum Schiene Nord“ ist sehr viel Wert darauf gelegt worden, möglichst wenig Bürger mit Baumaßnahmen zu belasten. Fahrgäste, Güterkunden, aber auch Anwohner der Bestandsstrecken waren unterrepräsentiert. Dadurch wurde eine Variante mit zu geringer Leistung entwickelt.

VCD kritisiert
Verkehrsminister

Mützel: „Leider ist Physik nun einmal keine demokratische Veranstaltung. Wenn etwas nicht klappen kann, dann klappt es nicht – auch dann nicht, wenn ein Gremium mehrheitlich beschlossen hat, dass es zu klappen hat.“ So ist die Betriebsqualität bereits beim heutigen Verkehrsaufkommen auch zwischen Lüneburg und Hamburg sowie zwischen Hannover und Uelzen „völlig unzureichend“.

Das „Alpha-E“ in der DSN-Fassung sieht auf diesen Abschnitten überhaupt keinen Ausbau vor. Der VCD fordert den Verkehrsminister auf, bei Neubauten für Schiene und Straße nicht mit zweierlei Maß zu messen. „Eigentlich bräuchten wir auch je ein Dialogforum A 39 und A 20“, so Mützel. Eine neue Autobahn ist breiter und lauter als eine Eisenbahn gleicher Leistungsfähigkeit. Bis heute ist nicht absehbar, ob und wie Langstrecken-Lkw mit Ökostrom fahren können, auch dann wäre der Energieverbrauch relativ zur Last deutlich höher.