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Die Bahnstrecke Hamburg-Hannover - wie geht es weiter mit dem Bahnbauprojekt auf der Strecke? (/Foto: t&w)

Bahn-Bau: Schlechte Noten für Alpha E

Lüneburg/Harburg. Der Streit über den Ausbau des Schienennetzes in Norddeutschland spitzt sich zu. Es geht um einen Neubau oder einen Ausbau im Dreieck Hamburg-Hannover-Bremen. Ende des Jahres will die Bahn einen Variantenvergleich vorlegen. Im nächsten Jahr entscheidet dann der Bund.

„Den Ausbau der Bestandsstrecke Hamburg-Hannover haben wir von Anfang an kritisch gesehen“, sagt Matthias Bölckow vom Pro-Bahn-Regionalverband Hamburg und Umgebung. „Die Ausbauvariante Alpha E hat nie eine ernstzunehmende Perspektive für die langfristig zu lösenden Probleme geboten.“ Deshalb haben die Vertreter von Pro Bahn das entsprechende Abschlussdokument des „Dialogforums Schiene Nord“ 2015 in Celle auch nicht unterzeichnet.

Gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Landesverbandes Niedersachsen, Malte Diehl aus Oldenburg, war Bölckow am Montagabend auf Einladung des Vereins Freunde der Eisenbahn nach Lüneburg gekommen. Knapp 50 Zuhörer folgten ihrem Vortrag „Hochgeschwindigkeitsverkehr für die Region und die Auswirkungen auf den Güterverkehr“ in der evangelisch-reformierten Kirche am Schierbrunnen.

Liste mit Vor- und Nachteilen
von neuer Trasse oder Bestandausbau

Klar arbeiteten Diehl und Bölckow die Pro-Bahn-Positionen heraus. Das Ergebnis ist eine Auflistung von Vorteilen des Trassenneubaus entlang der Autobahn 7 und Nachteilen des Bestandsstrecken-Ausbaus nach Alpha E.

Kapazitäten: Mit der Neubaustrecke werden die Kapazitäten im norddeutschen Schienennetz deutlich erhöht. Dies ist erforderlich, damit der Güterverkehr auf der Schiene von aktuell 18 auf 25 Prozent erhöht werden kann. „Anders sind Deutschlands Klimaziele bis 2050 nicht zu erreichen“, sagt Bölckow. Die Perspektive einer ausreichenden E-Mobilität im Schwerlastgüterverkehr sei „nicht existent“. Damit sei der Güterverkehr auf der Schiene die einzige Option.
Deutschlandtakt: Die Neubaustrecke braucht es aus Pro-Bahn-Sicht auch, um die Ziele des Deutschlandtakts zu erreichen: kürzere Fahrzeiten, weniger Treibhausgase und Verdopplung der Fahrgastzahlen bis 2030. „Allein im Hamburger Stadtgebiet müsste das Angebot im Öffentlichen Personennahverkehr um 50 Prozent ausgebaut werden, um die Nutzung von Pkw um 25 Prozent zu reduzieren“, nennt Bölckow Zahlen.

Personenfern-/Regionalverkehr: Die Neubaustrecke lässt deutlich höhere Geschwindigkeiten im Schnellen Personenfernverkehr und damit deutlich kürzere Fahrzeiten zu. Gleichzeitig wird die Bestandsstrecke Hamburg-Hannover entlastet, wenn die ICE auf einer anderen Strecke fahren. „Damit kann die Taktung im Regionalverkehr auf der alten Trasse erhöht werden“, sagen die Pro-Bahn-Mitglieder. Auch würden verspätete ICE, die aktuell noch Vorrang hätten, die Fahrpläne nicht mehr durcheinanderwirbeln.

Güterverkehr: Auf Neubaustrecken der Bahn fahren ICE nur tagsüber. Nachts werden die Gleise vor allem von Güterzügen genutzt. „Das lässt sich sehr gut an den Zahlen für Strecke Würzburg-Hannover ablesen“, erklärt Bölckow. Damit würde die Bestandsstrecke Hamburg-Hannover in der Nacht deutlich vom Güterverkehr entlastet.

Ausweichstrecke: Mit der Neubaustrecke an der Autobahn 7 würde aus Pro-Bahn-Sicht auch die lange geforderte Redundanz im norddeutschen Bahnverkehr hergestellt. Das heißt: Muss eine Strecke gesperrt werden, können die Züge auf die parallel verlaufende, zweite Trasse ausweichen. Große Umwege mit stundenlangen Verspätungen können durch die Ausweichstrecke vermieden werden.

Bauzeit: Die Neubaustrecke ist zudem deutlich schneller zu realisieren als der Ausbau der Bestandsstrecke, der „unter dem laufenden Rad mit diversen Einschränkungen erfolgen müsste“. An einem Neubau könne theoretisch 24 Stunden am Tag gearbeitet werden, „an der Bestandsstrecke ist das nicht mal ansatzweise möglich“, erklärt Bölkow.

Betroffenheit: Der Neubau der Trasse entlang der Autobahn 7 wird aus Sicht der Pro-Bahn-Mitglieder letztlich deutlich weniger Menschen direkt betreffen als der Ausbau der Bestandsstrecke.
Klar ist für Bölckow und Diehl aber auch: „Die Belastungen durch den Trassenneubau müssen erträglich gestaltet und kompensiert werden.“ Dies sei durch bauliche Maßnahmen wie Tunnel ebenso möglich wie durch alternative Ausgleichmaßnahmen im Bereich der Infrastruktur der betroffenen Kommunen. „Andere Länder in Europa wie die Niederlande oder die Schweiz haben vorgemacht, wie das funktioniert“, sagt Bölkow.

Was sagen Landräte und Sprecher?

Lüneburgs Landrat Jens Böther: „Über diese Schienen muss der Bahnverkehr zwischen Hamburg und Hannover für die kommenden 100 Jahre rollen. Das funktioniert weder auf der Bestandsstrecke mitten durch Lüneburg noch durch eine Umfahrung im dicht besiedelten Speckgürtel. Ein Bestandsausbau mit Alpha E erreicht die erforderliche Leistungsfähigkeit nicht. Damit treffen die Aussagen von Ministerpräsident Stephan Weil und Wirtschaftsminister Olaf Lies in der Sache nicht zu.“

Harburgs Landrat Rainer Rempe: „Ich begrüße die Unterstützung des Landes Niedersachsens für unsere Position ausdrücklich. Ein Bahnstrecken-Neubau durch den Landkreis Harburg ist nicht akzeptabel. Wir fordern den sofortigen Stopp der Planungen für eine Neubaustrecke entlang der A7 und die Umsetzung der Ausbauplanung Alpha E.“

Dr. Peter Dörsam, Sprecher des Projektbeirates Alpha E: „Wir haben immer betont, dass Alpha E nichts mit einem Streckenneubau zu tun hat. Die Bahn hat den Bestandsausbau nicht weiter untersucht, was eigentlich ihr Auftrag gewesen wäre. Zudem rechnet die Bahn beim Ausbau im Bestand die Erneuerung der bestehenden Gleise, die ohnehin irgendwann ausgetauscht werden müssen, in die Projektkosten ein. Das ist teuer, und dadurch wird der Bestandsstreckenausbau unwirtschaftlich.“