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Verfolgt auch mit 90 Jahren die Tischtennis-Szene im Landkreis als eifriger WA-Leser intensiv: Ernst-August Meyer. (Foto: po)

Tischtennis-Urgestein Ernst-August Meyer: Vom Strippenzieher und Organisator

Winsen. Wenn Ernst-August Meyer von der Anfangszeit des Tischtennis-Sports nach dem Ende des 2. Weltkrieges erzählt, mit welchen aus heutiger Sicht abenteuerlichen beschränkten Mitteln sich die Sportler einst „organisierten“, denken viele jungen Menschen sicher im gleichen Zuge an die Zeit der Dinosaurier. Die Weggefährten allerdings erinnern sich an Jahre voller Entbehrungen und an einen Neuanfang, der Tischtennis-Stunde null.

Jetzt gab es sicher einen Rückblick auf diese Zeit geben. Denn der „Junge aus der Luhdorfer Straße“ in Winsen wurde 90 Jahre alt. Er ist ein Denker und Lenker, während seiner aktiven Zeit ein Strippenzieher, Organisator und vor allem einer der Gründungsväter der Tischtennisabteilung des TSC Winsen-Borstel.

Begonnen hatte alles mit einer Tischtennisplatte, die im damals britisch besetzten Landkreis Major Seddon den Winsener Jungs organisierte. Der erste Spielort war die Jugendherberge an der sogenannten „Gurkenallee“, neben dem heutigen Finanzamt. Später wurden an der Marktstraße in Beckmanns Hotel, dem heutigen Haus des Handwerks, gespielt, ab 1952 flogen in der TSC-Halle am Neulander Weg die Bälle übers Netz. Dann kam die Blütezeit der Tischtennissports – mit Pferdewurst und Einbecker an sechs Tagen die Woche und anschließendem Kartenspiel mit Laterne bei Thilo Meyer – trotz Sperrstunde.

Gardinenbrett statt Netz und
Bälle aus Gummiringen

In einer Festschrift zum 50-jährigen Bestehens des Tischtennis Kreisverbandes Harburg-Land im Jahr 1999 erinnerte sich das Tischtennis-Urgestein Ernst-August Meyer an die Anfänge des Tischtennissports. Zu den jeweiligen Punktspielen fuhr man sommers wie winters mit dem Fahrrad, häufig zu zweit darauf, nicht jeder hatte einen eigenen Drahtesel: Einer trat in die Pedalen, ein zweiter klemmte auf der Stange zwischen Lenker und Sattel. Auch beim Spiel-Material wurde improvisiert: Gardinenbretter dienten als Netze, Gummis von Einweckgläsern wurden zu Bällen geformt, Küchenbretter zu Schlägern erklärt.

1953 begann Meyers Ära als Abteilungsleiter im TSC Winsen. Sie dauerte bis 1990. Meyer träumte davon, eine richtig schlagkräftige Abteilung mit starken sportlichen Mannschaftsleistungen zu formen. Eine Vereinigung des TSC, der aus der Tradition des Arbeitersports kam, mit dem MTV Winsen aus dem bürgerlichen Turnerlager war zu der Zeit noch nicht denkbar. Er betrieb deshalb die Gründung einer Spielgemeinschaft mit dem TuS Eichenlaub Schwinde. Nicht gerade unglücklich war er darüber, dass der TuS mit Hartmut Harms und Fritz Galle zwei Spieler der Kreis-Spitze mitbrachte. 1965 brach die SG TSC Winsen-Schwinde zu ihren großen Erfolgen auf.

Ideen und Einsatz gepaart
mit sozialer Kompetenz

Ernst-August Meyer vereinigte eine Mischung aus Ideen, Einsatz, Durchsetzungsvermögen und Begeisterungsfähigkeit mit sozialer Kompetenz. So war es kein Wunder, dass die SG leistungsstarke Spieler von anderen Vereinen anzog. In Meyers Amtszeit fallen auch die größten sportlichen Erfolge der 1. Herrenmannschaft, an der sein Herz besonders hing. 1979 stieg das Team als Meister der 2. Verbandsliga mit 34:2 Punkten als erstes Team des Kreises Harburg in die Landesliga auf – damals die höchste Spielklasse Niedersachsens. Auch der Sprung in die neu gegründete Oberliga glückte dem Team noch. Aber alles hat seine Zeit. Als Ernst-August Meyer alle Ämter aufgegeben hatte, litt die SG sehr darunter. Nicht jeder Funktionär ist eben leicht zu ersetzen, Ernst-August Meyer war es jedenfalls nicht.

Der Tischtenniskreisverband Harburg-Land, in dem Meyer nie eine leitende Funktion, aber immer großen Einfluss hatte, ehrte ihn 1995. Vom Landesverband erhielt er ebenso die goldene Ehrennadel wie von seinem Stammverein, dem heutigen TSV Winsen. Im Jahre 2000 zeichnete ihn die Stadt Winsen zudem mit dem Luhekiesel aus.
Den Schläger legte Ernst-August Meyer schon vor einiger Zeit bei Seite. Das Kreis-Tischtennisgeschehen verfolgt er aber weiter intensiv im Winsener Anzeiger. Auch auf dem Kreisverbandstag 2022, der im Juni in Winsen stattfand, fehlte er nicht. Ein bisschen Tischtennis ist eben immer. Er bleibt ein ewiger Ratgeber – und ein großes Stück des Winsener Tischtennis-Sports sähe ohne ihn ganz anders aus.
Von Ralf Koenecke