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Foto: jj

Vom Winde verdreht – AfD scheitert im Kreistag

Hittfeld. Pippi Langstrumpf als Kind wäre wohl nicht so beliebt bei Eltern aus AfD-Kreisen. Zu rebellisch und widerspenstig lässt sich die schwedische Kinderbuch- und Filmfigur von Erwachsenen überhaupt nichts sagen und macht sich laut Titelsong der deutschen Synchronisation ihre Welt, wie sie ihr gefällt. Und da sind dann doch die Gemeinsamkeiten zur rechtspopulistischen Partei, die mit einem sonderbaren Antrag die Mitglieder des Kreistags zu einem Stopp der Windenergie auf dem Kreisgebiet bewegen wollte.

Der Kreistag war am Punkt 14 der Tagesordnung seiner letzten Sitzung des Jahres in der Burg Seevetal angekommen, als Henning Schwieger als einziger Anwesender der AfD-Fraktion das Wort ergriff und begann, mit einer recht eigenwilligen Geschichte einen Antrag seiner Partei vorzustellen, der unter dem Schlagwort „Sichere und stabile Energieversorgung“ eher das Gegenteilige zum Inhalt hatte. Denn es ging um nichts anderes, als die Verhinderung weiterer Windkraftanlagen im Landkreis Harburg.

Und dann hörte
keiner mehr zu

Schwieger berichtete von einem Ingenieur, der am Bau des Space Shuttles Challenger, dass 1986 kurz nach dem Start explodierte, beteiligt gewesen sein soll und am Vorabend von der Katastrophe gewusst haben will. Daraus schloss der Fraktionsvorsitzende, dass Politiker nicht auf technischen Sachverstand hören würden, sondern aus ideologischen Gründen handelten. Es gab diese Warnungen vor dem Start der Raumfähre tatsächlich, das ist erwiesen. Aber eben auch, dass der Verwaltungsapparat der NASA versagte und nicht etwa irgendwelche Politiker. Trotzdem ist der Vorwurf der Ideologie im politischen Tagesgeschehen von links wie rechts allgegenwärtig.

Schwieger ging in der Folge auf angebliche windstille Tage im Herbst 2022 ein, die bei Abschaltung von Kern- und Kohlekraft zum Blackout führten.  Es würde außerdem trotz hoher Gaspreise mehr Erdgas zur Stromerzeugung eingesetzt, die Speicher würden sich rasant leeren. Weiter erklärte der AfD-Mann, dass es keine Stromspeicher gäbe, die einen Blackout ausgleichen könnten. Auch  deshalb sei Windkraft schlecht, weil Strom aus Überproduktion nicht verwendet werden könnte und verschwendet sei. Und auch ein Hinweis auf brennende Tesla-Autos durfte nicht fehlen. Doch da hatten sich in den anderen Fraktionen schon zahlreiche Gesprächsrunden gebildet, sodass Henning Schwiegers Vortrag in großen Teilen unterging.

Faktenverdrehung
und haltlose Behauptungen

Der AfD-Antrag an sich enthielt noch klassische Lobhudelei auf „unsere“ Vorfahren und die deutsche Ingenieurskunst. Darüber hinaus wurden Zitate aus einem Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags verkürzt genutzt, um zu behaupten, dass Windparks die Erde erhitzen würden. Unbestritten ist mittlerweile, das berichtet der Deutschlandfunk in dieser Woche, dass große Windparks das lokale Wetter beeinflussen können. Aber eben nicht das weltweite Klima.

Obwohl kaum jemand der Anwesenden überhaupt noch zugehört hatte, ging es in die Abstimmung. Henning Schwieger stimmte dafür, dass der Landkreis nur noch Windkraftanlagen genehmige, deren Strom ganz sicher zu jedem Zeitpunkt abgenommen werden kann. Außerdem solle die Verwaltung sich für den Weiterbetrieb von Kohle- und Atomkraft einsetzen. Alle anderen stimmten dagegen.

Von Andreas Urhahn