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Erst mussten die Angeklagten abbremsen, dann bremsten sie selbst den Geschädigten aus, um ihn anschließend auf der Autobahn zu bedrohen und zu beleidigen. (Symbolfoto: AdobeStock)

Wenn die Autobahn zur Arena für gefährliche Spielchen wird

Winsen. Manchmal geht es im Winsener Amtsgericht auch ein wenig wie auf dem Basar zu: Der Verteidiger regt eine Einstellung des Verfahrens an, der Richter möchte eigentlich nicht mitgehen, hört sich den Vorschlag aber mal an. Dann wird hin- und herverhandelt, bis ein gemeinsamer Nenner gefunden wird. So geschehen jetzt im Prozess gegen einen  Iraker (26) und einen Deutschen (25), die wegen Beleidigung, Nötigung und Bedrohung angeklagt waren. Sie sollen auf der Autobahn einen 22-Jährigen ausgebremst, auf dem Standstreifen zum Anhalten gezwungen und ihm Schläge angedroht haben.

Die beiden Angeklagten waren der Anklage zufolge Ende November 2021 gegen 19.25 Uhr auf der A7 in Richtung Hamburg mit hoher Geschwindigkeit unterwegs, als in Höhe Ramelsloh der 22-jährige Student zum Überholen von der mittleren auf die linke Spur wechselte.

Die Angeklagten seien daraufhin mit „Dauer-Lichthupe“ so dicht aufgefahren, dass der Geschädigte im Rückspiegel nicht mal mehr den Kühlergrill oder das Kennzeichen des Autos hinter ihm erkennen konnte. Als der 22-Jährige anschließend wieder zurück auf die Mittelspur zog, setzten sich der Iraker und sein deutscher Beifahrer vor ihn und bremsten ihn aus.

Das gleiche Spiel wiederholte sich anschließend auch auf der rechten Spur, bis der Student schließlich auf dem Standstreifen zum Stehen kam. Die Angeklagten seien daraufhin aus ihrem Auto ausgestiegen und hätten den Geschädigten beschimpft, gegen seine Scheibe geschlagen und ihm Prügel angedroht. Erst als der 22-Jährige zum Handy griff, stiegen sie zurück in ihr Auto und fuhren weiter.

Im Großen und Ganzen erzählten die Angeklagten und der Geschädigte vor dem Winsener Amtsgericht den gleichen Hergang, Unterschiede gab es aber in den wichtigen Details. Besonders der Mittelfinger des 22-Jährigen spielte da eine entscheidende Rolle. Den soll er den Angeklagten sowohl beim Ausbremsen als auch bei dessen Überholvorgang gezeigt haben. „Das ist unfassbar. Er bremst uns bewusst aus, zeigt uns zweimal den Mittelfinger und ich bin jetzt hier angeklagt“, ärgerte sich der irakische Fahrer, der in Harmstorf gemeldet ist. Er habe ebenfalls Anzeige erstattet, das Verfahren sei aber eingestellt worden. Der Student selbst wollte zu dieser Anschuldigung nichts sagen und machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

„Ich wollte nur
mit ihm reden“

Die Angeklagten gaben zu, den 22-Jährigen anschließend bewusst ausgebremst und zum Anhalten gezwungen zu haben und auch auf dem Standstreifen ausgestiegen zu sein – eigenen Angaben zufolge allerdings nur, um ihn zur Rede zu stellen.

„Wie er uns ausgebremst hat, war extrem gefährlich. Ich habe mich schon in dem Auto vor uns gesehen“, so der 25-jährige Beifahrer. Als er dann auch noch die Mittelfinger-Geste des Geschädigten gesehen habe, sei er sauer und wütend geworden. „Dann hab ich meinen Freund angeschrien, dass er ihn ausbremsen soll. Ich wollte wissen, warum jemand so etwas tut.“ Der 25-Jährige gab zu, den 22-Jährigen anschließend beleidigt zu haben, Prügel angedroht habe er allerdings keine. „Ich wollte nur mit ihm reden“, so der Angeklagte.

Richter Dr. Meik Lange schenkte dem Geschädigten aber mehr Glauben, also begannen im Amtsgericht die Verhandlungen um die Strafen. Zunächst ließ der Richter den Beleidigungsvorwurf von der Anklage streichen, da nicht auszuschließen sei, dass der Geschädigte zuerst den Mittelfinger gezeigt hat. Daraufhin regte der Verteidiger an, gleich das ganze Verfahren gegen eine Geldauflage einzustellen. Nach harten Verhandlungen stimmte der Richter dem Vorschlag schließlich zu, auch die Staatsanwaltschaft ging mit.

Die Auflagen haben es aber in sich: Die Angeklagten müssen innerhalb von sechs Monaten jeweils 3600 Euro zahlen, etwa zwei Netto-Monatsgehälter, und an einem Anti-Aggressions-Training teilnehmen. „Die Summe muss empfindlich sein, denn auf der Autobahn war das schon eine sehr gefährliche Situation“, erklärte Dr. Lange. Sollten die Angeklagten das Geld in der Zeit nicht aufbringen können, werde das Verfahren wieder neu aufgenommen.

Von Dominik Heuer