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Vor dem Amtsgericht Winsen ging es jetzt fast komödiantisch zu. Der Prozess gegen einen Zahnarzt wurde nach einem Rechtsgespräch gegen eine Geldauflage von 600 Euro eingestellt. (Foto: he)

Zahnarzt versperrt Angestellter im Streit die Tür: Flucht durch die Teeküche

Winsen. Man hat sicher schon von schwierigen Arbeitsverhältnissen gehört oder sie sogar selbst erlebt. Trotzdem muss man sich erst einmal vorstellen, wie eine Angestellte einer Zahnarztpraxis zuerst den Praxisrechner in ihr Auto entführt, weil sie einen Abrechnungsbetrug wittert, dann noch eine Tasche aus dem Spind holen muss, dabei auf den wütenden Zahnarzt trifft, wobei ein heftiger Streit ausbricht, in dessen Verlauf ein Telefon aus der Wand gerissen wird, Angestellte und Zahnarzt sich gegenseitig zumindest leicht verletzen, wo zum Finale der Zahnarzt die Tür nach draußen versperrt, womit die Angestellte zur Flucht durch die Teeküche gezwungen wird und unter vorheriger Demontage des Fliegengitters schließlich durch das Fenster ins Freie gelangt.

Es ist kein Skript für eine Komödie, sondern Inhalt der Prozessakte, die Richter Dr. Meik Lange jetzt in Saal 120 im Amtsgericht in Winsen vor sich auf dem Tisch liegen hatte. Selbstredend waren auch Polizei und Rettungswagen am Ende vor Ort, als sich das Drama im Oktober 2021 in der Samtgemeinde Salzhausen ereignete.

Besonders schwere
Praxis-Übernahme

Auf der Anklagebank saß der Zahnarzt, 50 Jahre alt, und mittlerweile wieder als angestellter Zahnarzt in Ostfriesland tätig. Er hat es also überlebt, musste sich aber wegen Freiheitsberaubung und Abrechnungsbetrug verantworten. Auch diese Kombination ist wahnsinnig selten. Angeklagt war das Blockieren der Praxistür als Freiheitsberaubung. Dies soll der Zahnarzt mit folgenden Worten im Rahmen der Tat kommentiert haben: „Du bleibst schön in dem Käfig, den du dir selbst gebaut hast.“ Die Eingesperrte bestätigt später diesen Wortlaut.

Dazu soll der Mann, der sich mit der Praxisübernahme selbstständig machen wollte, möglicherweise zwei Patienten etwas zu viel berechnet, der Schaden soll sich auf 315 Euro belaufen. „Kleinscheiß“ hätte sein etwas unangenehmer Verteidiger gesagt. Dieser nutzte das Wort dann zwei Mal bei anderer Gelegenheit und wurde auch fürs Fluchen vom Richter ermahnt, nicht aber für die Nachfrage an die Zeugin, ob sie zu doof sei, um mit Ja und Nein zu antworten.

Zahnarzt in Angst
um die Patientendaten

Der Verteidiger sagt, dass die Angestellte sich als Frau des ehemaligen Praxisinhabers zur „Gralshüterin über das Abrechnungswesen“ aufgeschwungen habe. Vor der Eskalation habe der Streit bereits zwei Wochen geschwelt, es sei um die Zahlungsverpflichtungen seines Mandanten hinsichtlich der Praxisübernahme gegangen, aber auch um die Abrechnungen und das Führen der Patientenkartei.

Die Tür habe sein Mandant versperrt, weil er befürchtet hatte, dass seine Angestellte mit den Patientendaten durchbrennen wollte. Er vermutete in der großen Tasche der Angestellten den Praxis-Rechner. Den hatte sie da bereits in ihrem Auto. Im Vorlauf zur eingangs geschilderten Szenerie habe der Zahnarzt der Angestellten die fristlose Kündigung ausgesprochen, sagt der Verteidiger.

Mit der Zeugin
wächst das Verständnis

Danach ist die Angestellte im Zeugenstand, 62 Jahre alt und Zahnarztfrau, wie man früher in der Zahnpasta-Werbung sagte. Nach einer Erkrankung hatte ihr Mann die Praxis verkauft, unter der Bedingung, dass seine Frau dort angestellt bliebe. Ihre Erzählung der Tat ist deutlich ausführlicher, deckt sich aber weitesgehend mit den Erlebnissen ihres Chefs.

Je länger ihre Aussage dauert, desto klarer wird, wie schwierig dieses Arbeitsverhältnis gewesen sein muss. Ihr neuer Chef habe auf sie konfus gewirkt, vor allem was Abrechnungen und die Patientenkartei anbetraf. Mit den Patienten sei er nicht gut umgegangen, mit dem gesamten Personal auch nicht. Und wenn die Zeugin von ihren 40 Jahren Erfahrungen an der Seite ihres Mannes monologisiert, versteht man, warum der Verteidiger sagt, dass sein Mandant gemeint habe, seine Angestellte „tue sich als Angestellte schwer“.

Vor Gericht wird verhandelt, was der unrühmliche Schlusspunkt einer wohl kolossalen Fehlscheinschätzung war. Die Praxis-Übernahme hat in keinem Fall funktioniert, warum, dazu fliegen die nächsten Vorwürfe durch Saal 120. Sie habe nicht richtig gearbeitet, er hätte keine Zahlungen für die Praxis geleistet. Ein Tag vor dem Vorfall habe der Mann der Zeugin seinem Nachfolger die Praxis deswegen wieder entzogen.

Ein Rechtsgespräch beendet das Durcheinander beinah gütlich. Das Verfahren wird eingestellt gegen eine Geldauflage von 600 Euro. Der Verteidiger besteht auf einer Erklärung: Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht, sondern alleine aus verfahrensökonomischen Gründen stimme man der Einstellung zu.
Von Björn Hansen