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Die Luchse dürften Levke Kretschmann (im Wurf) aufgrund ihrer Verletzung in den kommenden Wochen schmerzlich vermissen. (Foto: rin)

Luchse bezahlen Niederlage teuer

Buchholz. Dieses Auswärtsspiel hinterlässt tiefe Narben in der Struktur der Luchse: Mental muss der Tabellenvierte der 2. Handball-Bundesliga die 25:26-Pleite bei Kellerkind SG Schozach-Bottwartal verarbeiten. Viel schlimmer dürfte allerdings der Ausfall von Levke Kretschmann für die Mannschaft wiegen.

Die 22-jährige Rückraumspielerin hat sich seit Sommer zum Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Handball-Luchse Buchholz 08 entwickelt. Sie glänzt sowohl mit Treffern wie auch mit überragenden Assists und rangiert nicht umsonst in den Statistiken weit oben: In der Torschützenliste nimmt Levke Kretschmann mit 77 Toren Rang 4 ein, bei den Assists hält sie mit dem Wert von 32 Position 8 in der 2. Liga. Doch auf sie müssen die Luchse nun wohl für mindestens zehn Wochen verzichten.

Nach Abpfiff direkt
ins Krankenhaus

Zwar spielte Levke Kretschmann die Partie bei der SG Schozach-Bottwartal zu Ende und war mit sieben Treffern einmal mehr erfolgreichste Werferin für ihr Team. Aber nach dem Abpfiff führte ihr Weg mit Geschäftsführer Sven Dubau direkt ins Krankenhaus. Erst gegen 3 Uhr nachts kam die Handballerin zurück – mit einer eingegipsten rechten Wurfhand. „Sie hat sich den Ringfinger im Gelenk gebrochen. Die Ärzte haben eine Operation vorhergesagt, die eine mindestens zehnwöchige Pause nach sich ziehen wird“, teilte Trainer Dubravko Prelcec hörbar angeschlagen am nächsten Morgen aus dem Zug auf der Heimfahrt mit. Geschlafen hatte er in dieser Nacht nicht.

Der Coach war unzufrieden mit dem Spiel seiner Luchse. Er hatte vor der Begegnung gewarnt, dass der Aufsteiger extreme kämpferische Qualitäten besitzt, mit denen er es anderen Teams schon schwer gemacht hatte, und jedes Spiel als echtes Ereignis mit den Fans feiert. Genau so kam es: Die 265 Zuschauer feuerten ihr Team frenetisch an. Sie wurden um so lauter, je deutlicher sich die Überraschung abzeichnete.

Zweimal doppelte
Unterzahl für Luchse

Denn nur die ersten Minuten wurden die Luchse ihrer Favoritenrolle gerecht. 3:1 und 5:3 führten sie, ehe sich die Gastgeberinnen eingegroovt hatten. Zwar konnte der Tabellenletzte nur neun Feldspielerinnen aufbieten, darunter zwei erst 16-jährige Talente, aber die gaben alles.

Das Unheil für die Luchse nahm in der 15. Minute seinen Lauf: Linksaußen Cara Reiche erhielt eine Zeitstrafe, die Luchse nahmen die Keeperin heraus und brachten für den Angriff Anna Ansorge; die Luchse fabrizierten dabei einen Wechselfehler, sodass sie eine Minute in doppelter Unterzahl überstehen mussten. Das klappte. Aber beim 10:9 für die SG nicht mal zwei Minuten später folgten die nächsten Zeitstrafen: Erst musste Wiebke Meyer für zwei Minuten auf die Bank, 14 Sekunden später erwischte es Levke Kretschmann. Die Gastgeberinnen zogen auf 13:10 weg und lagen zur Pause mit 18:14 vorne.
Für Prelcec war dieser Fakt erschreckend. „Es ist indiskutabel, 18 Gegentore gegen die SG in einer Halbzeit zu kassieren. Das ist viel zu viel“, sagte der Coach. Aber er musste eingestehen, dass weder die Abwehr noch Keeperin Mareike Vogel an diesem Abend zur Normalform fanden. Besonders ärgerlich: Die Gastgeberinnen konnten viel zu einfach im Eins-gegen-eins durch die Luchse-Defensive brechen.

Luchse 13 Minuten
ohne Treffer

Viele hatten für den zweiten Durchgang auf den zuletzt schon häufiger erlebten Wandel im Luchse-Spiel gehofft. Doch der blieb zunächst aus. Statt dessen mussten die Zuschauer ein Spiel auf ganz schwachem Niveau erleben: Halbzeitübergreifend blieben die Luchse 13 Minuten ohne Tor. Erst nach einer Auszeit besorgte Levke Kretschmann in der 42. Minute den 15:20-Anschlusstreffer.

Die 5:1-Abwehr hatte sich mit einer erneut sehr präsenten Jule Meisner auf der weit vorgezogenen Position nun besser gefunden, und Danique Trooster zeigte im Luchse-Tor mehrfach überragende Paraden. „Das Abwehrspiel ist für die Mädels kraftraubend“, ist sich Prelcec durchaus bewusst. Trotzdem war es verwunderlich, wie einfach die Gastgeberinnen manchmal durch die Abwehr marschieren konnten. Da lief das Spiel im Kopf der Luchse einen Schritt zu spät, auf dem Parkett waren es dann schon zwei. Immerhin: Die Luchse kassierten im zweiten Abschitt nur acht Gegentore. Gravierender: Was die Luchse aufs gegnerische Tor brachten, war schlicht nicht zweitligawürdig.

Erst in der 52. Minute waren die Luchse durch drei Treffer in Folge von Wiebke Meyer, Levke Kretschmann und Antonia Pieszkalla beim 21:23 in Schlagdistanz. Antonia Pieszkalla feuerte wenig später eine fantastischen langen Pass auf Rechtsaußen Luisa Hinrichs ab, die das 23:25 besorgte. Schozach-Bottwartal kämpfte mit den letzten Körner und lieferte lange Angriffe. Zweieinhalb Minuten vorm Abpfiff gelang den Gastgeberinnen tatsächlich das 26:23. Vorne ging der Ball für die Luchse im Bemühen, ein schnelles Tor zu erzielen, allerdings gleich wieder verloren. 37 Sekunden vorm Ende gelang den Luchsen ein Steal, den Linksaußen Cara Reiche versenkte. Die Luchse wechselten auf offene Manndeckung und konnten Cara Reiche noch für den Anschlusstreffer 13 Sekunden vorm Ende schicken. Dann war Schluss.

„Diese Niederlage ist kein Drama“, wiegelte Dubravko Prelcec ab – noch nicht, denn das Mittelfeld schließt langsam, aber sicher in der Tabelle der 2. Bundesliga auf. Trotzdem, so offen muss man sein. Die Pleite offenbarte Schwächen im jungen Luchse-Team. Die Mannschaft hat Probleme, mit der Favoritenrolle umzugehen. Und wenn es hart auf hart kommt, dann fehlt die Leaderin. Eine, die im Moment dafür am ehesten in Frage kommen würde, ist Levke Kretschmann. Aber die wird in den kommenden Wochen fehlen. Keine guten Voraussetzungen für das nächste schwere Auswärtsspiel beim Dritten, HSV Solingen-Gräfrath, der unerwartet bei Werden Bremen sein Auswärtsspiel verlor, und das Pokal-Viertelfinale am Mittwoch, 25. Januar, daheim gegen den VfL Oldenburg.
Von Kathrin Röhlke