„Wir sind zu einem Sprachrohr der Ukraine geworden“: Rapper Oleg Psiuk vom Kalush Orchestra aus der Ukraine beim Eurovision Song Contest (ESC) in Turin. Quelle: Jens Büttner/dpa

Ukrainischer ESC-Kandidat: „Wollen zeigen, dass ganz Europa zu uns hält“

Das Kalush Orchestra vertritt die Ukraine in extrem schweren Zeiten beim Eurovision Song Contest. Was wollen Sie Europa in diesen Tagen zeigen?

Wir sind zu einem weiteren Sprachrohr der Ukraine geworden. Obwohl dies ja eigentlich ein Musikwettbewerb ist, wollen wir auch unsere Ästhetik, unsere Kultur zeigen. Unser Auftritt ist also auch eine kleine Informationsgeschichte über die Ukraine. Damit sich jeder dessen bewusst wird, wer wir sind, was uns ausmacht – und dass es uns gibt.

Dem Kalush Orchestra schlägt hier in Turin Liebe entgegen, wo immer es auftaucht. Was bedeuten Ihnen diese Reaktionen?

Wir spüren große Unterstützung von Menschen aus ganz Europa, vor allem von den Eurovisionsfans. Manchmal kommen Zuschauer, Journalisten oder Veranstalter einfach auf uns zu, um uns mitzuteilen, was sie über den Krieg in der Ukraine denken. Sie erzählen uns, wie beeindruckt sie vom Mut und der Tapferkeit unseres Volkes sind. Und wie schmerzhaft es ist zu sehen, was gerade passiert. Viele fragen, wie sie helfen können. Diese Unterstützung ist für die Ukraine jetzt sehr wichtig. Außerdem hören wir von überall positive Reaktionen auf unser Lied. Andere ESC-Teilnehmer singen es mit uns, und unser Lied ist auch in den sozialen Netzwerken sehr populär geworden. Das sind die schönsten Reaktionen für uns als Künstler.

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Es ist eine ganz besondere Mission, in diesem Jahr für die Ukraine zu singen. Was ist Ihnen am Samstag wichtig?

Wir wollen vor allem den Ukrainern am Eurovisionsabend zeigen, dass sie nicht allein sind – dass ganz Europa unseren harten Kampf in diesem brutalen Krieg verfolgt und uns unterstützt. Und wir werden diesen Kampf am Ende gewinnen – es gibt gar keine andere Möglichkeit. In dieser Zeit ein Repräsentant der Ukraine zu sein, bringt viel Verantwortung mit sich. Unsere „Stefania“-Inszenierung auf der ESC-Bühne zeigt die Tapferkeit und die Stärke des ukrainischen Geistes und unsere einzigartige und reiche Kultur, die jetzt angegriffen wird. Die Bühnenkostüme verstärken diese Botschaft und zollen den ukrainischen Wurzeln Tribut.

Ich traf in diesen Tagen eine junge ukrainische Frau, die ganz allein nach Turin gereist ist, um die Ukraine im Publikum zu unterstützen. Sie sagte: „Es gibt keinen besseren Ort als diesen, um zu zeigen, dass die Ukraine ein Teil Europas ist.“ Was sagen Sie zu dieser Frau?

Genau so ist es. Die Teilnahme am Eurovision Song Contest ist eine wichtige Gelegenheit, unsere Kultur auf internationaler Ebene zu präsentieren. Und die Stärke des ukrainischen Geistes und Mutes eben auch in der Musikarena unter Beweis zu stellen.

Ihr Lied „Stefania“ entstand vor dem Krieg, es geht darin um Ihre Mutter. Haben Sie darüber nachgedacht, den Text zu ändern, um auf aktuelle Ereignisse einzugehen?

Nach dem Einmarsch der Russen haben viele Menschen ganz von selbst begonnen, nach einer zusätzlichen Bedeutung in unserem Lied zu suchen. Zum Beispiel diejenigen, die traurig sind, weil sie ihre Mutter gerade nicht sehen können. Deshalb hat das Lied schon jetzt einen festen Platz in den Herzen und Ohren der Ukrainer. Und es geht auch um alle Mütter, die sich um ihre Kinder kümmern und sie vor der Geißel des Krieges schützen. Aus einem Lied über eine Mutter ist auf diese Weise ein Lied über ein Mutterland geworden: die Ukraine.

Sie tragen auffällige Kostüme. Was hat es damit auf sich?

Wir tragen echte ukrainische, historische Kostüme aus dem frühen 20. Jahrhundert: Ich trage einen authentischen festlichen Keptar, eine Weste vom Volk der Hutsul, einer in den Karpaten lebenden ethnischen Gruppe. Und mein Kollege Tymofiy trägt eine vollständige Tracht aus dem gleichen traditionellen Ursprung.

Wie werden Sie Ihr Lied inszenieren?

Die Bilder auf der Videowand konzentrieren sich auf das grenzenlose Universum mit seiner enormen Kälte und Leere. Und im Licht des Mutterlandes des Kalush Orchestra – der Ukraine – wird dieses Universum dann lebendig. Die visuellen Kernelemente auf der Bühne sind mütterliche Augen, die mit Tränen gefüllt sind, und ihre Hände, die das gelb-blaue Universum beschützen.

Sie stehen sehr stark im Mittelpunkt bei diesem ESC. Wie erleben Sie die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Für uns ist jeder Teilnehmer ein würdiger Repräsentant seines Landes – und hätte den Sieg verdient! Wir haben zu allen ein ziemlich gutes Verhältnis. Es war schön, Lauri Ylönen, den Frontmann von The Rasmus, persönlich kennenzulernen. Jeder hat wahrscheinlich ihre Songs gehört – und jetzt treten wir tatsächlich auf der gleichen Bühne auf. Außerdem ist es sehr schön, dass die Jungs von The Rasmus die Ukraine so sehr unterstützen. Außerdem haben wir „Stefania“ zusammen mit dem Teilnehmer aus Polen – Ochman –, den französischen Künstlern Alvan & Ahez und dem deutschen Kandidaten Malik Harris gesungen.

Falls die Ukraine wirklich gewinnt: Wo soll der ESC 2023 stattfinden?

Wenn sich herausstellt, dass wir tatsächlich gewinnen, wird der Eurovision Song Contest 2023 in der Ukraine stattfinden. Davon bin ich fest überzeugt. In einer neuen, geeinten Ukraine – einem wiederaufgebauten, wohlhabenden, glücklichen Land.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Von Imre Grimm/RND