Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals+ Quelle: dpa, Christian Charisius

Lieben Sie Brahms, Herr Kuhnt?

Lübeck. Der Komponist Johannes Brahms (1833-1897) steht im Mittelpunkt des Schleswig-Holstein Musik Festivals, das am kommenden Wochenende beginnt. Mit ihm endet die Reihe der Komponisten-Retrospektiven, die seit 2014 unter anderem Felix Mendelssohn, Peter Tschaikowsky, Maurice Ravel, Johann Sebastian Bach und Franz Schubert gewidmet waren.

Herr Kuhnt, zum letzten Mal widmen Sie einem Komponisten einen Schwerpunkt. Warum Brahms?

Es waren viele Namen im Spiel, dann schlug ein Kollege Brahms vor. Wir haben sehr lange gezögert, weil er so naheliegt. Man glaubt so viel zu wissen über ihn, deswegen war er für uns als Thema am Anfang gar nicht so attraktiv. Dann habe ich ein paar Nächte lang recherchiert und festgestellt, dass ich eigentlich viel zu wenig über das Leben von Brahms weiß. Er steht eigentlich im Schatten der Musik und ich glaube, dass man sein Werk auch anders hört und spielt, wenn man den Menschen Brahms kennengelernt hat.

Nun ist Lübeck ja Brahms-City mit dem Brahms-Institut und Brahms-Festival. Was können Sie noch Neues präsentieren?

Es geht ja gar nicht darum, dass wir immer was Neues in Bezug auf sein Werk präsentieren. Wir sind sehr froh, dass Lübeck eine so ausgeprägte Brahms-Kompetenz hat. Mit dem Leiter des Brahms-Instituts, Wolfgang Sandberger, haben wir oft zusammengesessen, viel diskutiert und wir waren auch nicht immer einer Meinung. Daraus ist ein ganz großer Reigen von Brahms-Konzerten entstanden.

Geben einen kleinen Überblick?

Wir eröffnen das Festival mit seinem zweiten Klavierkonzert und möchten im Sommer die Vielschichtigkeit seines Schaffens abbilden sowie gleichzeitig einen dazugehörigen Kontext herstellen. Denn die Musik ist ja nicht im luftleeren Raum entstanden. Brahms hat sich anregen lassen und wiederum seine Erfahrungen weitergegeben. Beim Brahmsfestival liegt der Schwerpunkt auf Kammermusik. Wir gehen mehr auf das sinfonische Werk ein. Am Ende des Festivals werden in Lübeck alle vier Sinfonien an einem Wochenende gespielt mit dem famosen Dirigenten Andrew Manze, der auch etwas Neues zu sagen hat über Brahms.

Wie wollen Sie den jungen Brahms erlebbar machen?

Mit „Inside Brahms“ haben wir eine eigene Reihe, in der wir bewusst daran erinnern, wo Brahms in Hamburg aufgewachsen ist. Nicht an der Elbchaussee, sondern in ärmlichsten Verhältnissen im Rotlichtviertel, das man nach dem Krieg dem Erdboden gleichgemacht hat. Wir erinnern an diese Orte, indem wir im Gängeviertel, auf dem Panoramadeck des Emporio Hochhauses und auch in einem Club in der Nähe der Reeperbahn Konzerte veranstalten, sodass wir auch einen anderen Brahms zeigen.

Und wie klingt der andere Brahms?

Wir wollen seine Musik nicht museal behandeln, sondern als Teil unseres Lebens begreifen. Das ist ja leider oft das Schicksal der Klassik, dass wir sie in Watte betten oder einrahmen und nur als schöne Dekoration wahrnehmen. Aber die klassische Musik lebt und man kann sie bearbeiten und neu interpretieren. Das zeigt zum Beispiel die Jazzrausch Bigband Band, die großartig auf unsere Ideen eingegangen ist. Aber auch Wildes Holz, ein verrücktes Trio mit Gitarre, Blockflöte und Kontrabass, wird sich mit Brahms beschäftigen. Es ist toll, wenn wir sehen, dass wir eine Initialzündung auslösen und die Interpretinnen und Interpreten richtig Lust bekommen, sich mit etwas Neuem zu beschäftigen.

„Wir möchten Routine vermeiden“

Wenn es so toll ist, warum beenden Sie dann nach acht Jahren die Reihe der Komponisten-Retrospektiven?

Wenn wir im Planungsteam zusammensitzen und uns fragen: Mit wem beschäftigen wir uns nächstes Jahr – dann gerät das schon zu einer gewissen Routine und es fehlt die Auseinandersetzung mit den vielen neuen Möglichkeiten. Wir haben gemerkt, dass wir die Reihe noch lange fortsetzen könnten. Aber es gibt noch tausend andere Themen, und wir haben Sehnsucht nach mehr Freiheit. Was bleibt, ist das Interpretenporträt und Luustern, die Reihe der nicht klassischen Konzerte. Und es kommt ein neuer Schwerpunkt.

Warum?

Wir wollen unbedingt vermeiden, dass es eine wahllose Aneinanderreihung von Konzerten gibt.

Und was wird das sein?

Das verkünden wir im Februar 2023. Und Sie können alles versuchen – ich werde nicht weich werden und Ihnen dieses Geheimnis verraten.