Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber ist am Mittwoch Abend auf Gut Hasselburg mit Akkordeon und am Cembalo zu erleben.

Wie verzaubern Sie die Besucher des SHMF, Herr Wellber?

Lübeck. Im Rahmen seines Künstlerporträts, das er unter das Motto „Freundschaft“ stellt, hat er ein sehr lebhaftes und abwechslungsreiches Programm mit insgesamt 14 Konzerten zusammengestellt. Andreas Guballa hat mit dem Tausendsassa gesprochen.

Sie dirigieren Opern und Konzerte auf der ganzen Welt, Sie haben Leitungsfunktionen, schreiben Bücher, sind bei verschiedenen sozialen Projekten engagiert. Nun haben Sie im Rahmen des Künstlerporträts des Schleswig Holstein Musikfestivals acht verschiedene Konzertprogramme vorbereitet. Wie schaffen Sie das alles? Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?

Die pragmatische Antwort heißt: Man muss nur früh genug aufstehen (lacht). Nein, ernsthaft. Ich liebe diese Art des Lebens und des Arbeitens, das Eintauchen in eine multidisziplinäre Welt. Sonst wäre mir, ehrlich gesagt, ein bisschen langweilig. Wenn man etwas wirklich will, kann man es auch schaffen. Mir fällt das alles nicht wirklich schwer, weil es in die gleiche Richtung geht. So verschieden sind die Dinge, die ich mache, im Prinzip auch gar nicht. Ob ich nun ein Buch schreibe oder dirigiere – in allem kann ich meine musikalischen Ideen ausdrücken und weiter entwickeln.

„Dieses Festival ist wie ein musikalischer Kibbuz“

Was reizt Sie daran, SHMF-Porträtkünstler zu sein und mussten Sie lange darüber nachdenken, als Christian Kuhnt Sie gefragt hat?

Die Idee des Festivals geht Hand in Hand mit meiner Philosophie des Musikmachens. Dieser Gemeinschaftsgedanke ist sehr wichtig in unserer Welt – heute mehr denn je. Wenn man mich fragt ‚Warum sind Sie Musiker geworden?’ lautet meine Antwort: wegen des Kontaktes zum Publikum und zu den Musikern. Und dieses Festival ist wie ein musikalischer Kibbuz – das ist wie ein Traum für mich und eine ideale Realisation meiner musikalischen Ideen. Daher musste ich nicht lange darüber nachdenken zuzusagen. Die Umsetzung der verschiedenen Konzertprogramme hat dann natürlich etwas länger gedauert.

Hatten Sie dabei freie Hand bei der Programmgestaltung und der Einladung Ihrer Konzertpartner?

Absolut! Ich konnte am Ende wirklich alles umsetzen, was ich geplant hatte. Der Dialog mit dem Festival war sehr offen und inspirierend. Das ist ja auch die Idee für ein Künstlerporträt: die persönlichen, individuellen Facetten eines Musikers auszuleuchten und so den Künstler dem Publikum näher zu bringen.

Auf welche Projekt darf das Publikum sich besonders freuen?

Wir haben wirklich viele spannende Sachen entwickelt. Über allem steht das Motto „Freundschaft“. Es gibt keine Musikerin oder Musiker in meinen 14 Konzerten, mit der oder dem ich nicht befreundet bin. Das ist schon im ersten Vivaldi-Piazzolla-Projekt zu spüren. Hier kombinieren wir „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi mit den „Las cuatro estaciones porteñas“ von Astor Piazzolla, verschränken also den argentinischen Komponisten aus dem 20. Jahrhundert mit dem Meister des Barock. Dabei geht es um Improvisation, um gemeinsames Suchen und das Zueinanderfinden. Wir wagen es, Rollen zu tauschen, so dass interessante Klänge entstehen können: Vivaldi beginnt ein wenig nach Piazzolla zu klingen, der wiederum eine barocke Farbe erhält. Das Ganze gestalte ich mit meinem langjährigen, musikalischen Freund Jacob Reuven und dem Streicherensemble der Volksoper Wien. Und dieses Projekt ist wirklich aus unserer über 30jährigen Freundschaft entstanden; das wird das Publikum auf der Bühne auch spüren.

Dann geht es weiter mit großen Orchester-Projekten mit dem BBC und dem Festivalorchester. Leonard Bernstein hatte das Orchester ja im Geist von „Let’s make music as friends“ gegründet. Das Thema musikalische Freundschaft wird hier in den Doppelkonzerten von Johannes Brahms und Joe Schittino zu hören sein. Außerdem gibt es in den fünf Wochen dann noch Chansons, ein Melodram, einen vierhändigen Klavierabend und musikalische Lesungen. Ich möchte diese vielen musikalischen Experimente nutzen, um während meiner Zeit in Schleswig-Holstein meinen künstlerischen Traum zu leben, im besten Sinne zu musizieren.

Spät am Abend noch ein Spaziergang

Werden Sie denn überhaupt Zeit haben, Schleswig Holstein kennenzulernen oder geht es von Probe zu Probe und Aufführung zu Aufführung?

Ich habe mehr als zwei Wochen im Juli und zehn Tage im August. Ich denke, das ist viel Zeit, um das Land kennenzulernen. Natürlich arbeiten wir viel, aber ich liebe es, spazieren zu gehen und die Umgebung zu erkunden, vor allem spät am Abend nach den Konzerten, um den Kopf frei zu bekommen. Ich bin schon sehr gespannt auf die kleinen Städte und die wunderschöne Landschaft in Schleswig-Holstein.

Sie haben Ihr Studium in Israel nicht nur mit Akkordeon spielen finanziert, sondern auch als Zauberer. Heute würde ich Sie als Klang-Magier bezeichnen. Wie viel hat denn die Zauberei mit dem Beruf eines Dirigenten zu tun?

Sehr viel. Ich liebe die kleinen Tricks vor den Augen der Zuschauer, die Kartentricks oder Tricks mit Münzen. Tricks, bei denen es sehr aufs Timing ankommt. Genau wie in der Musik. Das habe ich schon als kleiner Junge verstanden. Und am Ende sind wir alle Entertainer im besten Sinne des Wortes.

Von Andreas Guballa