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Was einfach wirkt, ist höchste Kunst: Stephen King weiß, was gute Texte ausmacht. Seit 1974 liefert der „Meister des Horrors“ der Welt Romane, Novellen und Kurzgeschichten. Am Mittwoch (21. September) wird er 75 Jahre alt. Quelle: Jens Kalaene/dpa

Der König des Schreckens: Stephen King wird 75 Jahre alt

Ein Danke geht heute an Stephen King! Für das Geschenk einer überbordenden, in Bücher gepackten Fantasie an uns Leser. Ein bis zweimal pro Jahr steht man im Buchladen seines Vertrauens, um den neuesten King zu kaufen. Um sich wieder mal richtig in Angst und Schrecken versetzen zu lassen. Ach ja, ein Glückwunsch geht auch noch raus. Happy Birthday!

Zu seinem 75. Geburtstag hat sich King selbst beschenkt. Er wollte einmal etwas schreiben, das ihn selbst richtig glücklich macht. Die Geschichte des vorige Woche (14. September) in deutscher Sprache erschienenen Romans „Fairy Tale“ entwickelt sich dabei aus dem Unglück einer Familie. Die Mutter stirbt bei einem Unfall, der Vater wird zum Alkoholiker, der Sohn zu einem Ekelpaket. Dann kommen ein hilfloser alter Griesgram und seine klapprige Schäferhündin ins Spiel, der Junge schließt Freundschaft mit beiden und mit der Verantwortung und gerät, schließlich ist man bei Stephen King, in eine verzauberte Welt, in der eine Sonnenuhr steht, mit der Radar, so heißt die geliebte Hündin, wieder jung werden kann.

Ohne ein bisschen Horrorschau ist King nicht glücklich

Die Gänsemagd der Gebrüder Grimm spielt in „Fairy Tale“ eine Rolle, aber auch Gogmagog, eine dunkle Kraft, deren verstörendes Wirken an H. P. Lovecrafts Cthulhu-Geschichten erinnert. Ohne ein klein bisschen Horrorschau abliefern zu können, ist Stephen King nicht wirklich glücklich zu machen.

Kings Leben ist wie ein Roman. Es ist die Geschichte, wie aus einem kleinen Englischlehrer im US-Bundesstaat Maine mit dem Erfolg von „Carrie“ (1974) einer der berühmtesten Bestsellerautoren der Welt wurde, der gefühlt im Alleingang die ganzen modernen Klassiker des Horrorgenres schrieb. Der eine Familie gründete, aus der weitere Schriftsteller erwuchsen, und der sich dann viel zu eng mit dem Alkohol befreundete. Und abstürzte.

Im trunksüchtigen Protagonisten von „Shining“ steckt Stephen King

King schreibt sich selbst in seine Bücher – der Schriftsteller in „Shining“ (1977), der seinen „writer’s block“ mit Suff bekämpft und sich mörderisch gegen seine Familie wendet, ist King höchstselbst. Die Geschichte geht schlimm aus für Jack Torrance, King aber kommt davon. Seine Frau Tabitha schickt ihn 1987 in eine Entzugsklinik. Danach lebt er gesund und gut, schreibt immer wieder auch von Schriftstellerängsten (Angst vor der Rache ungeliebter Figuren, vor wütenden, abgelegten Pseudonymen, vor irren Fans) und wurde 1999 beim Joggen fast tödlich überfahren.

Was letztlich zu mehr Disziplin führte. Sogar seinen „Turm“ baute er danach fertig, seine viel zu lange und viel zu lang unvollendete siebenbändige Fantasysaga um den Revolvermann Roland. Das Bangen, ein offenes Werk zu hinterlassen, triumphierte über die Lähmung, die uneingelöste Versprechen bei ihren Urhebern auszulösen pflegen.

Kings feine, gewitzte Sprache schimmert auch durch glanzloses Deutsch: Oft, vor allem in der Frühzeit, schienen seine Geschichten hastig ins Deutsche gekippt worden zu sein. Und dennoch: Kaum einer vermag wie King seinem Romanpersonal Fleisch und Blut zu verpassen und damit zugleich magische und surreale Ereignisse und Settings plausibel zu machen. Nicht nur ist er der Meister des Grauens, weil er uns das Clownmonster Pennywise ausmalt, wie es mit Luftballons auf einem zugefrorenen Kanal steht (und die Ballons wehen entgegen der Windrichtung), sondern weil er auch eine Arthritis – in „In einer kleinen Stadt“ (1991) – so beschreiben kann, dass der Leser den Schmerz in den eigenen Händen heraufziehen spürt.

King schrieb auch Geschichten ohne Wesen aus der Twilight Zone

Vom klassischen Horror eingeengt, erprobte King sich nicht nur in anderen fantastischen Genres, sondern versuchte sich auch an realistischen Geschichten, zuletzt in der Geschichte des sympathischen Auftragskillers „Billy Summers“ (2021). In „Das Mädchen“ (1999) verläuft sich die neunjährige Heldin in der Wildnis Neuenglands und fühlt sich vom „Gott der Verirrten“ verfolgt. Es knistert und knackt in den Büschen, Blut trieft von gebrochenen Zweigen. Irgendetwas lebt im Unterholz, lauert, knurrt, zum Sprung bereit. Lauf, kleine Trisha, lauf, schnell! Aber es ist diesmal kein Wesen aus der Twilight Zone. Oder doch?

In „Die Leiche“ (1982, verfilmt als „Stand By Me“) verarbeitet der Autor ein Trauma – King sah als Kind, wie ein Freund von einem Zug überfahren wurde. In solchen Geschichten ist das Übersinnliche nur Ahnung und Hauch. Realität liefert unschlagbaren Horror – nichts und niemand ist erschreckender als Kings „Musterschüler“ (1982), der in der Nachbarschaft einen versteckten Nazi entdeckt, diesen erpresst und bald selbst „braune“ Terrormethoden anwendet.

King weiß genau: Jenseitiges, das sich mordsmäßig aufspielt, das alle naselang das Mobiliar schüttelt, auf dem Dachboden bowlt, rot glühende Augen zeigt und mit Klauen aus Wänden greift, wirkt irgendwann eitel und langweilig. Wenn aber vom Erzähler eine Normalität ausgebreitet wird, an deren Rändern irgendetwas nicht stimmt, dann nimmt dieser kleine blinde Fleck im bunten Ganzen dem Leser alle Sicherheit.

In seinem Roman „Joyland“ (2013) etwa ist der Haarreif in einer Geisterbahngondel die einzige Connection zur Schattenwelt. Mehr braucht es auch nicht, denn das Böse ist nicht der Geist der im Jahrmarktspektakel „Horror House“ ermordeten Linda Gray, sondern ihr sehr lebendiger Mörder. Der dann spät zum Showdown mit dem Helden aus dem Schatten tritt.

„Geben wir Amerikas Nuklearwaffen in die Hände eines schlecht gelaunten Arschlochs“

Der 75-Jährige ist seit der 2017 spektakulär erfolgreichen Neuverfilmung seines Horrorromans „Es“ (1986) angesagt wie lange nicht mehr, das Horrorgenre, das immer da war, stieg mit den beiden Filmen endgültig in den Blockbuster-Mainstream auf. Und King nutzt diese Popularität auch, seinen politischen Ansichten Geltung zu verleihen. Er freute sich zuletzt öffentlich über die ukrainische Gegenoffensive („Ukrainians kick ass!“) und sagt zu Corona: „In Amerika ist der Krieg gegen Covid vorbei. Covid hat ihn gewonnen.“

Via Twitter wurde er in den vergangenen Jahren zu einem der namhaftesten Widersacher von Donald Trump, dem Unpräsidenten, der einem nicht selten vorkam wie eine irrlichternde, weltbedrohende Gestalt aus Kings Kosmos. „Geben wir Amerikas Nuklearwaffen in die Hände eines schlecht gelaunten Arschlochs, das keine Ahnung von Außenpolitik hat. Was soll schon schiefgehen?“, twitterte King vor der Wahl Klartext. Und hat seitdem nicht mehr aufgehört, Trump, den Evangelikalen und den Maga-Republikanern heimzuleuchten. Eine zweite Amtszeit Trumps wäre der pure Horror für King, dessen Humor rabenschwarz ist – gern verbunden mit Mahnung und Warnung: „Wenn es keine Choco Tacos mehr gibt, was kommt dann als Nächstes? Hershey Pies? Salt-and-Vinegar-Kartoffelchips? Baseball? AMERIKANISCHE DEMOKRATIE? Ich sage euch: So fängt es an“, twitterte er Ende Juli.

Auch in seinen Büchern findet sich (das bedrohte) Amerika: In „Der Outsider“ erschuf King bereits 2018 einen Lynchmob, der sofort an die hysterischen Umstürzler des 6. Januars 2021 denken lässt. Einen vermeintlichen Mörder zu töten, findet das wutgeladene Amerika Trumps hier sein Abbild im Kleinen. „Atlantis“ (1999) war eine Erinnerung an das großartige Land von einst. Dem alten Mythos aber, dass, wäre John F. Kennedy nur am Leben geblieben, aus Amerika die bessere Welt, das Camelot des 20. Jahrhunderts, geworden wäre, erteilt King in „Der Anschlag“ (2012) eine Abfuhr. Der Held Jake Epping, der aus unseren Tagen ins Jahr 1960 tritt, um Lee Harvey Oswalds Attentat auf den Präsidenten zu verhindern, erlebt nach seinem Eingreifen eine wirklich rabenschwarze Zukunft.

Und die Menschen im verwunschenen Land von „Fairy Tale“ mit ihren verwischten Gesichtern sind unzweifelhaft Kings Landsleute, die unter der Knute einer Gewaltherrschaft stehen. Ein märchenhafter Blick in die amerikanische Zukunft?

Horror geht immer, nicht erst seit King, der Meister, ihn schreibt. In Krisenzeiten zieht es dabei verlässlich mehr Leser in die greulichten Winkel der Fantastika, so als sei der Glauben an das Wirken unseliger Mächte größer. Forscher der Uni Pittsburgh fanden heraus, dass Gruseln das Gehirn entspannt und man sich danach besser fühlt. Immer noch – nach fast 50 Jahren – wartet jedenfalls eine weltweite Fangemeinde auf Entspannung durch Kings nächste dunkle Fantasie.

Wobei diese freilich manchmal zu sehr mäandern. Spätestens seit seinem Science-Fiction-Versuch „Das Monstrum“ (1987) über ein vergrabenes Raumschiff gab es immer wieder Wälzer, aus denen ein Lektor mit Traute locker 150 Seiten gestrichen hätte. Im selben Genre misslang 14 Jahre später „Dreamcatcher“ (2001) über Aliens, die Friedfertigkeit beteuern und Verderben bringen. Gänsehaut? Nicht ein einziges Mal. Ein dickes Buch ging King da aus dem Leim – und die zähe Lektüre war ein echter Horror für Horrorfans.

Happy Ends – In unseren Krisentagen sind sie bitter nötig

Die gern auch mal – Ausnahmen bestätigen die Regel – Kings Neigung zu Happy Ends kritisieren. Zum Finale hat King es mit den Märchen, besser, den polierten Versionen der Märchen, die verlässlich gut ausgingen. Und in Zeiten wie diesen, wo Trump neuerlich ketzt und Diktator Putin für seine Großmachtträume keine Bluttat zu grausam ist, ist ein „Und wenn sie nicht gestorben sind …“ zum Kehraus des Schreckens halt auch ein Trost. Pennywise, der Outsider und die Monster im Schrank werden besiegt, Gogmagog in die Schranken verwiesen, Geisterautos landen in der Schrottpresse. Alles wird gut.

Danke auch dafür, Stephen King!

Von Matthias Halbig/RND