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Sie suchen Trost beieinander: Claude Heinrich als Johann und Adina Vetter als seine Mutter Ann Kathrin Scheerer in einer Szene des Films „Wir sind dann wohl die Angehörigen“. Quelle: -/Pandora Film/dpa

Wie sich Angst anfühlt: das Drama „Wir sind dann wohl die Angehörigen“

Jan-Philipp Reemtsma verschwindet einfach in die Nacht. Die Dunkelheit auf der Treppe seines Hamburger Grundstücks verschluckt ihn auf dem Weg zu seinem Arbeitszimmer, da ist der Film erst wenige Minuten alt. Von dem Drama der Entführung, die der Tabakkonzernerbe, Mäzen und Sozialforscher wenig später in der Nacht des 25. März 1996 erleiden wird, sehen wir nichts im Kinofilm „Wir sind dann wohl die Angehörigen“.

Erst in den letzten Filmminuten ist ein gezeichneter Reemtsma (Philipp Hauß) wieder da. Welche Tortur er hinter sich hat, können wir aufgrund seiner Erschöpfung nur ahnen. Dass 33 Tage vergangen sind und er in einem Kellerverlies bei Bremen gefangen gehalten worden war, erfahren wir nicht explizit.

In den knapp zwei Kinostunden zuvor gab es ein Polaroidfoto, auf das seine Frau Ann Kathrin (Adina Vetter) erschrocken starrte, das wir aber nicht zu Gesicht bekommen. Und Sohn Johann (Claude Heinrich) lässt sich aus handschriftlichen Briefen Reemtsmas vorlesen, die Ann Kathrin und den 13-Jährigen aus der Gefangenschaft erreichen.

Regisseur Hans-Christian Schmid konzentriert sich mit seinem erprobten Drehbuchautoren Michael Gutmann – die beiden arbeiteten schon bei „Nach Fünf im Urwald“ (1996) und „23“ (1998) zusammen – auf die Sicht von Mutter und Sohn in dem herrschaftlichen Anwesen an der Elbe. Schmid hat das gleichnamige Buch verfilmt, das Johann als Erwachsener über die Entführungszeit schrieb.

Die Tat bleibt folglich bis auf die missglückten Geldübergabeversuche ausgespart. Von den Entführern hören wir nur verzerrte, kaum verständliche Stimmen am Telefon.

„Ich dachte, ihr passt auf mich auf“

Das ist eine ungewöhnliche Perspektive für eine Entführungsgeschichte, aber eine fesselnde. Hier geht es um das Leid der Familie. Der Schrecken sitzt tief: „Ich habe vorher nicht gewusst, was Angst ist und was sie mit einem macht. Ich dachte, ihr seid sowieso da und passt auf mich auf“, sagt Johann aus dem Off. Da ist das Schlimmste schon überstanden. Doch sein Vertrauen in die Welt ist erschüttert.

Direkt nach der Entführungsnacht hat Ann Kathrin noch versucht, Johann das Kommende als „gemeinsames Abenteuer“ zu verkaufen. Es könnte bei einem flüchtigen Blick auch beinahe als solches erscheinen.

Nach und nach füllt sich das Haus, so als sei das ein ungewöhnliches Wohnprojekt. Erst ziehen die beiden Polizeiermittler unter ihren Decknamen Nickel (Enno Trebs) und Vera (Yorck Dippe) ein, die zunächst so kompetent erscheinen, dann der überhebliche Rechtsanwalt Schwenn (Justus von Dohnányi), der den Kontakt zu den Entführern managen will, und schließlich ein guter Freund der Familie, Christian (Hans Löw), der sich um Johann kümmern soll. Sie alle werden an ihren Aufgaben scheitern.

Tischtennis in der Zwangs-WG

Gemeinsam schaut die Zwangs-WG die „Harald Schmidt Show“, spielt Tischtennis und frühstückt am großen Wohnzimmertisch. Die vertraulichen Gesten nehmen zu: Hände werden auf Schultern gelegt, Ausflüge mit Johann organisiert, der erst einmal nicht zur Schule darf. Später sucht Johann im Garten Ostereier, und die anderen schauen von der Terrasse zu. Doch wann immer das Telefon klingelt, bricht Hektik aus.

Allmählich überlagert die Anspannung alle anderen Aktivitäten. Eben noch kamen sich die Verbündeten näher, bald gewinnen Misstrauen und Zweifel die Oberhand. Schuld daran ist zuallererst das Versagen der Polizei.

Haben sich die Ermittler damals wirklich so stümperhaft angestellt? Kam der Polizist, getarnt als Taxifahrer, tatsächlich zu spät? Filmten Beamte aus Hotelfenstern und wurden von den Entführern erkannt? Fuhren die Polizisten in Kolonne zur Geldübergabe? Und ging dem Faxgerät das Papier aus?

Die Nachrichten vom Entführungsopfer werden immer dringlicher. Reemtsma hat Angst, dass ihm ein Finger abgeschnitten wird. Seine Kräfte verlassen ihn. Er schreibt an seine Frau, dass die Entführer professioneller zu Werk gingen als die Polizei. Dann beginnt er, die Übergabe des Millionenlösegelds selbst zu organisieren.

Dazwischen bewegt sich Johann still und leise. Er trägt Schuldgefühle mit sich herum, weil er seinen Vater beim Lateinlernen am Abend vor der Entführung so brüsk abgelehnt hat. Und nun wird er von allen behütet und vor so vielem abgeschirmt. Dabei will er doch die Wahrheit wissen. Nicht einmal seiner geliebten Band darf er sagen, was wirklich vorgefallen ist. Manchmal tröstet seine Mutter ihn, manchmal er sie.

Werden sie den Entführten jemals wiedersehen? Unter Ann Kathrins Verzweiflung wächst eine unerbittliche Entschlossenheit. Johann kann nun nicht einfach mehr Kind sein.

Ein feines psychologisches Drama hat Schmid entwickelt. Er schildert, wie in die Selbstsicherheit einer bildungsbürgerlichen Familie der Schrecken einbricht. Und wie ein Teenager plötzlich viel Schlimmeres erleidet als nur die Pubertät.

„Wir sind dann wohl die Angehörigen“, Regie: Hans-Christian Schmid, mit Claude Heinrich, Adina Vetter, Justus von Dohnányi, 118 Minuten, FSK 12

Von Stefan Stosch/RND