Anzeige
Klimaaktivisten der Protestgruppe Letzte Generation bewarfen vergangene Woche das Gemälde „Les Meules“ (1890) von Claude Monet im Potsdamer Museum Barberini mit Kartoffelbrei.

Ist das Protest – oder kann das weg?

Man würde in diesen Tagen gern einmal in die Marketingabteilung der Firma Pattex reinhorchen. Nicht mal, um zu erfahren, wie viel Sekundenkleber sie aktuell absetzen. Interessant wäre, wie häufig ihre Ratgeberseite „Festgeklebt? Wie Sie Sekundenkleber nicht nur von der Haut entfernen“ im Internet derzeit aufgerufen wird.

Denn das fragen sich Sicherheitskräfte im ganzen Land. Polizistinnen an Autobahnen, Securitys in Bundesministerien, vor allem aber die Aufseher in Kunstmuseen. Orte also, an denen in letzter Zeit häufig Aktivisten der Letzten Generation auftauchen – noch bevor sie ihre Appelle loswerden, holen sie die Klebetuben raus und haften sich an Asphalt, Kunstrahmen oder Wände.

Letzten Sonntag zündeten sie jedoch eine neue Eskalationsstufe: Monets Gemälde „Les Meules“, eine Reihe Heuberge in der Abendsonne, impressionistisch interpretiert, bekam eine Ladung Kartoffelbrei ab. Danach klebten sich die beiden Protestierenden im Potsdamer Museum Barberini an die Wand. Ein junger Mann und eine junge Frau in Warnwesten, sie rief: „Menschen hungern, Menschen frieren, Menschen sterben. Wir sind in einer Klimakatastrophe. Und alles wovor ihr Angst habt, sind Kartoffelbrei oder Tomatensuppe an einem Gemälde.“ Im Hintergrund tropfte der sehr flüssige Brei vom Rahmen aufs Parkett.

Der Justizminister nennt die Aktion „kriminell“

Seitdem ist eine Debatte in Gang, wie sie die Letzte Generation nach ihren Autobahnblockaden oder Hörsaalbesetzungen noch nicht bewirkt hat. Die feindliche Stimmung, die schon die vielen Straßensperren begleitet – was soll das bitte schön bringen? –, erreicht aktuell einen Höhepunkt. Der Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) sprach von einer „Dummheit“ und nannte Aktionen, die fremdes Eigentum beschädigen, „kriminell“. „Wenn sie sich gegen unersetzliche Kulturgüter richten, machen sie besonders fassungslos.“

Es scheint, wo die abendländische Kultur in ihrem Mark getroffen wird, ist der Aufschrei größer, als wenn erzwungene Staus den Verkehr lahmlegen. Doch wie geht es jetzt weiter – was kommt auf das Land zu? Wird die Klimabewegung immer radikaler? Und mehr denn je stellt sich die Sinnfrage: Ist dieser Protest überhaupt effektiv?

Verändert sich der Museumsbesuch?

Zuallererst jene, die sich aktuell auf der Zielscheibe wähnen. Die rund 730 Kunstmuseen in Deutschland.

Bisher kreuzten Aktivisten in Kunsthallen in München, Dresden und Frankfurt auf. Sie pappten sich dort an goldene Bilderahmen; nur in Potsdam holten sie bislang zum Breiwurf aus. Vorbild dafür ist die Tomatensuppe, die jüngst auf einem Van-Gogh-Gemälde in London landete. Geschmissen von Anti-Öl-Aktivistinnen. Am Donnerstag traf es Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ in Den Haag.

Viele Museen rüsten nun auf: Taschenkontrollen oder -verbote, Mantelabgabe, mehr Personal. Das kostet Geld – und womöglich Besucher. Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museums in Hannover, war „betroffen, verärgert und besorgt“, als er von dem Potsdamer Vorfall hörte. Warum ausgerechnet wir, die Museen?, fragt er sich. „Wir engagieren uns doch gerade für die Zukunft: Wir bewahren Relikte aus der Vergangenheit für die Nachwelt auf.“ Was die Letzte Generation mache, sei deshalb „zynisch“ und „unsinnig“. „Wir sind die völlig falsche Adresse.“

Nach den ersten Klebeattacken bat er seine Restauratoren, Lösemittel vorrätig zu halten. „Wir versuchen uns darauf vorzubereiten und müssen damit rechnen.“

Dabei betont Spieler wie auch die anderen Museen, dass man die Klimasorgen der Aktivisten natürlich teile. Nur sei ihr Vorgehen absolut kontraproduktiv – „niemand solidarisiert sich aus der breiten Bevölkerungsschicht.“

Zu den wenigen Kollegen von Spieler, die öffentlich nicht schimpfen, gehört der Leiter der Hamburger Kunsthalle, Alexander Klar. Schon im August sagte er: „Meine Sympathie ist mit den Aktivisten.“ Ihr Protest sei „hinnehmbar“.

Daran habe auch der jüngste Vorfall nichts geändert, betont er im RND-Gespräch. Von den anderen Direktoren, das weiß Klar, hob so mancher die Augenbrauen, als er seine Aussagen las. Doch auch jetzt sagt er: „Der Aufschrei deckt sich nicht mit den tatsächlich entstandenen Schäden.“

Tatsächlich geht in der Debatte teilweise unter, dass ein Sicherheitsglas das Monet-Gemälde vor direktem Kartoffelbreikontakt schützte. Wie alle bisherigen Bilder blieb es heil. „Tomatensuppe kriegt man runter ohne Schäden. Die Vergoldung eines Rahmens kann man reparieren“, sagt Klar. Doch das kann teuer werden: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) bezifferten die Kosten, um den Rahmen ihrer „Sixtinischen Madonna“ zu restaurieren, auf 3000 bis 5000 Euro. Der Verband der Restauratoren berichtet, viele Kolleginnen seien nun angehalten, „Notfallkoffer“ griffbereit zu haben.

Klar sieht jedoch keinen Vandalismus – er spricht von einem „sehr zivilen Protest.“ Er begrüße es, wenn das Museum als Plattform für gesellschaftliche Diskurse wahrgenommen werde. Trotzdem fragt auch er sich: Was ist, wenn durch die Vorfälle eine Spirale entsteht – „und Kartoffelbrei vielleicht nicht mehr reicht?“

Die Reaktionen beflügeln die Aktivisten

Denn schon bald wird auch der Effekt des Kunsteklats abstumpfen. Das sieht man bei den Straßenblockaden der Letzten Generation, die vor allem Berlin treffen und an die sich Medien wie Autofahrerinnen zu ihrem Leidwesen gewöhnt haben. Genauso weckten Sturm und Blockade des Finanz- und Verkehrsministeriums vergleichsweise wenig Emotionen. Und auch der Hungerstreik am Bundestag, mit dem die Bewegung 2021 bekannt wurde, würde heute wahrscheinlich nicht mehr so viele Politspitzen zum Dialog bewegen. Um in Zeiten der multiplen Krisen gehört zu werden, müssen immer neue, kreativere Aktionen her. So wie nun der Kartoffelbreicoup.

In den sozialen Netzwerken und in den großen Medien ist die Letzte Generation präsent wie lange nicht. Carla Rochel, eine Sprecherin der Bewegung, erzählt entsprechend begeistert von den vielen Presseanfragen. Der ersehnte Aufschwung ist da.

Aber warum brauchte es dafür Museen? „Wir wollen den Protest in alle Bereiche tragen, in denen die Klimakrise ankommen wird. Wenn alle sich bei zukünftigen Versorgungskrisen ums Essen streiten, hat keiner mehr Zeit für den Museumsbesuch“, sagt Rochel. Deshalb auch Monet, die Getreideschober – „die Ernte, die wir nicht mehr haben werden“.

Wenn man mit Rochel spricht, bekommt man eine Idee davon, warum es einigen schwerfällt, mit den Aktivistinnen in den Dialog zu treten. Die Letzte Generation verteidigt all ihr Vorgehen mit der ultimativen Katastrophe – was wissenschaftliche Fakten hergeben, aber auch jede Gegenrede nutzlos und klein erscheinen lässt.

„Wenn wir jetzt nichts tun, werden wir alles verlieren, was wir aufgebaut haben. Deshalb müssen wir Dinge machen, die wachrütteln – weil wir so tief in der Klimakrise stecken. Mit ihrem Nichthandeln stößt uns die Regierung in den Abgrund.“

Die Frage nach der Gewalt

Rochel ist 20, sie lebt in Berlin, ihr Heidelberger Politikstudium pausiert derzeit. Wenn sie sagt, ihre Gruppe bedauere natürlich, dass einige Menschen sich in ihrem Alltag gestört fühlten, klingt das eine Spur zu abgeklärt. Zumal sie doch gerade vermitteln, dass für sie der Zweck alle Mittel heiligt, um den Klimakollaps zu verhindern. Alle Mittel – dazu könnte bald auch Gewalt zählen, fürchten nun einige. Oder es kommen Trittbrettfahrer, die den Protest kapern und Monets ohne Glaspanzer schänden.

„Wir wollen schützen, nicht zu Gewalt greifen“, sagt Rochel zu der Angst vor einem immer schärferen Aufstand. Das sei die rote Linie der Bewegung. „Wir bereiten die Aktionen so gut wie möglich vor: Sind die Straßen sicher? Ist eine Glasscheibe vor dem Gemälde?“

Doch ist die Letzte Generation damit erfolgreich genug? Zu ihren politischen Forderungen gehören das Tempolimit, ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket, ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung. Nichts davon ist gekommen. Dafür laufen allein in Berlin 666 Strafverfahren gegen die Aktivisten. Doch Rochel nennt als Erfolgsquotienten vor allem Aufmerksamkeit und politischen Druck. Dass sich der Justizminister nun zur Causa Monet geäußert hat, adelt den Protest aus ihrer Sicht umso mehr.

Sie berichtet, dass nun immer mehr in den „zivilen Widerstand“ treten wollten – um die Proteste in den nächsten Wochen auszuweiten. In Berlin mobilisierten sie regelmäßig 300 bis 400 Leute, bundesweit vielleicht noch einmal so viel, schätzt sie.

Doch was ist mit den vielen, die sie beschimpfen, die wütend aus dem Auto steigen und sie von der Straße zerren? Es sei überwältigend die Kommentare in den sozialen Medien zu lesen, sagt Rochel. „So viel Hass. Dabei machen wir das für die Zukunft von uns allen.“

Vergleich mit der Anti-Atomkraft-Bewegung

Aber kann eine Bewegung dauerhaft bestehen, wenn große Teile der Gesellschaft – vom Fliesenleger auf der blockierten A100 bis zu Starpianist Igor Levit –, ihre Methoden ablehnen?

„Die breite gesellschaftliche Zustimmung ist wichtig für Protestbewegungen, da so eine gute Chance besteht, dass ihre Forderungen auch an der Wahlurne Berücksichtigung finden“, sagt Michael Neuber von der TU Berlin. Deshalb sei es durchaus bedeutsam, wie die Aktionen der Letzten Generation bewertet würden.

Neuber forscht speziell zu Umweltbewegungen. Aufmerksamkeit sei das „höchstes Gut“ für Protestgruppen, sagt er. „Ohne öffentliche Wahrnehmung kann man der kritischen Stimme kein politisches Gewicht verleihen.“

Großdemonstrationen wie von Fridays-for-Future seien in dieser Hinsicht auch erfolgreich, aber in der Regel vergleichsweise aufwendig. Bei der Museumsaktion der Letzten Generation sei der Kosten-Nutzen-Effekt besser. „Symbolisch, kraftvoll – wenig Personal und Vorlaufzeit“, bilanziert Neuber. Er meint es nicht so, aber es klingt fast anerkennend.

In dem zivilen Ungehorsam der Letzten Generation macht Neuber eine Komponente aus, die der Klimabewegung bisher fehlte. „Großdemos sind wichtig, da sie für den Rückhalt der Bewegung in der Bevölkerung stehen. Die Kombination aus Massenmobilisierung und zivilem Ungehorsam kann aber die Wirkkraft des Protests noch verstärken.“

Er zieht eine Parallele zur deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung. Auch hier gab es zivilen Ungehorsam, etwa in Form von Straßen- und Schienenblockaden, aber auch zahlreiche Großproteste. Die Vielfalt der Aktionen habe die Aufmerksamkeit hochgehalten – bis zum beschlossenen Atomausstieg.

Ein Eskalationspotenzial sieht Neuber bei der Letzten Generation nicht. „Es geht nicht darum, Schäden zu erzeugen oder Personen zu verletzen. Beim zivilen Ungehorsam werden Gesetze übertreten und ein klarer Grund dafür genannt, der dies legitimieren soll. Im Gegensatz zu Sabotageakten, wollen sich die Aktivisten und Aktivistinnen beim zivilen Ungehorsam auch nicht möglichen Bestrafungen entziehen.“ Ihr Tun gleiche eher einem symbolischen Akt.

Ist die Zeit auf Seite der Aktivisten?

Bei allem Missmut, der derzeit darüber herrscht, wähnt er die Zeit auf Seiten der Aktivisten. „Die Naturwissenschaft ist sich einig, dass der Klimawandel voranschreitet, wenn es keine effektiven politischen Gegenmaßnahmen gibt. Die Umweltveränderungen machen Ressourcen knapper und damit eine Zunahme von Verteilungskonflikten sehr wahrscheinlich.“ Daraus erwachse ein Mobilisierungspotenzial, von dem die Klimabewegung mittelfristig profitieren könnte.

Neuber meint damit die Klimabewegung als solches: Fridays-for-Future, genauso wie „Extinction Rebellion“ oder „Ende Gelände“. Er nennt sie „Bewegungsfamilie“. In diesem Konglomerat ist die Letzte Generation gerade der aufstrebende Stern. Aktuell macht jeder Kommentar, jeder Tweet sie bekannter. Sie wollen das Momentum nun nutzen.

Vielleicht steckt gerade hier der Trost für die deutschen Kunstmuseen. Die Bewegung muss immer neue Aufreger produzieren um aufzufallen. Sie beschmierten das Bundeskanzleramt, klebten sich an Bundesligapfosten, bewarfen Monet. Jetzt braucht es ein neues Spielfeld, um im Gespräch zu bleiben. Und nicht den nächsten Rubens.

Entscheidend für ihren Erfolg dürfte aber sein, ob die Letzte Generation im Mainstream der Klimaproteste ankommen wird. Ob etwa der Schulterschluss mit dem bürgerlichen Fridays-for-Future-Lager gelingt – oder ob sie eine radikale Splittermutation bleibt. Der Platzhirsch müsste dabei jedoch fürchten, dass das negative Image der Letzten Generation auf sie abfärbt.

Zum Londoner Van-Gogh-Protest twitterte die Fridays-for-Future-Ikone Luisa Neubauer noch unterstützend: „Wenn ihr zu den Leuten gehört, die ‚eigentlich immer für Klimaschutz‘ waren, und jetzt von einer Tomatensuppe auf Van Gogh ‚total abgeschreckt‘ seid, naja, dann frage ich mich ehrlicherweise ob ihr wirklich für Klimaschutz wart – und was das für euch bedeutet.“

Zu der Aktion in Deutschland aber, dem Kartoffelbreiwurf auf Monet, kam von ihr kein Wort.

Von Maximilian König/RND