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Z6JUBQJHVJDQLNC2B3A6KLAW5Y Quelle: Lucky Comics 2022/ Story House Egmont

Die spinnen, die Cowboys: Das neue „Lucky Luke“-Heft schreibt den Wilden Westen um

Der Wilde Westen? Das sind Cowboys, Schießereien auf staubiger Straße und die ungleichen Kämpfe von Siedlern mit Gewehren gegen Ureinwohner mit Pfeil und Bogen. Irgendwas vergessen? Ach ja, das abendliche Steak in der Pfanne, im Saloon traditionell serviert mit dicken Bohnen und Kartoffelpampe.

Es gibt sogar einen Western, der eine ikonische Steakszene vorzuweisen hat, die in keinem Filmseminar fehlen darf. Und das ist John Fords Spätwestern „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ von 1962. Da kommt der genauso junge wie idealistische Anwalt Stoddard, gespielt von James Stewart, aus dem Osten in das Nest Shinbone und gerät an ebenjenen Banditen namens Valance (Lee Marvin), der mit der Peitsche herrscht und über die rechtsstaatlichen Vorstellungen des Greenhorns nur grinsen kann.

Der von John Wayne verkörperte Haudegen Doniphon hilft Stoddard immer wieder aus der Klemme. Zum ersten Showdown zwischen Valance und Doniphon kommt es im Saloon, und dabei landet ein Steak auf dem Boden – eine von jenen bratpfannengroßen Fleischlappen, wie sie der Anwalt Stoddard als einstweilige Küchenhilfe serviert. Es handelt sich offenbar um das einzige Gericht auf der (gar nicht vorhandenen) Speisekarte.

Die Geburt des neuen Amerika

John Fords Film erzählt vom Sterben des alten Wilden Westens und der Geburt eines neuen Amerika. Der von Altersweisheit angehauchte Regisseur stellt den Mythos des Westens infrage. Eines aber ist gewiss: Ohne seine Steaks wäre der Wilde Westen nicht gewesen, was er nie war. Damals war es egal, wie viel klimaschädliches Methangas Rinder pupsen und rülpsen.

Das alles ist hilfreich zu wissen, wenn man sich den neuen „Lucky Luke“-Comic zur Hand nimmt. Das Heft erzählt eine wahrhaft wundersame Geschichte: Der 101. Band über den Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten, heißt „Rantanplans Arche“ (Egmont-Verlag, ab 4. November im Handel, www.egmont.de) und stellt einen begeisterten Tierschützer namens Ovide Byrde irgendwo in Texas ins Zentrum. Byrde will Cowboys und Komantschen gleichermaßen zu fleischloser Kost erziehen.

Wenn ein alter Trapper in der damals gängigen Lederkluft in Veggie Town aufkreuzt, muss er sich zur Strafe nackt ausziehen. Wer ein Steak bestellt, muss fürchten, sogleich aufgeknüpft zu werden. Der naive Tierschützer Byrde, reich geworden durch ein paar vom dämlichen Hund Rantanplan apportierte Goldnuggets, setzt solche Maßnahmen mit der Unterstützung einiger zweifelhafter Revolverhelden durch. Dabei sind diese Ganoven bloß gierig aufs Edelmetall. Vegetarier sind sie aber auch und erfüllen damit die wichtigste Jobqualifikation.

Kontroverse um Veggietag

Vermutlich haben die französischen Comickünstler Achdé (Zeichnungen) und Jul (Text) nie von der absurden Kontroverse um den Veggietag in deutschen Kantinen im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 gehört. Damals titelten die Redakteurinnen und Redakteure einer deutschen Boulevardzeitung mit unstillbarer Lust auf Currywurst: „Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!“ Im Wilden Westen des Lucky Luke ist es jetzt so weit.

Dass nicht einmal der harmoniebedachte Lucky Luke auf Steak verzichten mag, ist klar. Er verdient sein Geld damit, auf seinem eifersüchtigen Pferd Jolly Jumper Kühe über die Prärie zu treiben, die früher oder später in menschlichen Mägen landen. Berufliche Neuerungen kann der Cowboy-Routinier nicht brauchen.

Die Umschreibung der Historie im Westen Amerikas hätte tatsächlich immense Konsequenzen. Man denke nur an Leonardo DiCaprio: Der Hollywoodstar mag zwar der veganen Ernährung zugeneigt sein, den bislang einzigen Oscar aber gewann er, als er in „The Revenant – Der Rückkehrer“ (2015) als Pelzjäger in tödlicher Kälte in einen noch blutigwarmen Büffelkadaver kletterte. Die amerikanischen Ureinwohner hätten ihr Leib- und Magentier gar nicht jagen dürfen, an dessen Ausrottung sich der Weiße Mann dann machte.

Parodistische Aktualisierung

Ob dem amerikabegeisterten „Lucky Luke“-Schöpfer Morris und seinem kongenialen Zeichner René Goscinny (der spätere „Asterix“-Vater) diese Wendung der Dinge gefallen hätte? Andererseits: Die parodistische Aktualisierung des Wilden Westens hat auch dieses Duo über Jahrzehnte betrieben.

Zudem berufen sich die heutigen Comickünstler Achdé und Jul mit einiger Chuzpe auf historische Fakten. Sie nennen den Amerikaner Henry Bergh als ihre Inspirationsquelle. Der Mann mit dem mächtigen Schnauzbart gründete 1866 die American Society for the Prevention of Cruelty to Animals (ASPCA), die erste Gesellschaft für Tierschutz in den USA. Bergh wurde in New York zum unerschrockenen Aktivisten und trotzte dort jahrzehntelang Spott und Anfeindungen schlimmster Art. Und das erinnert dann doch wieder an Comic-Byrde im fernen Texas.

Seine Tierliebe entdeckte Bergh als Diplomat in Russland. Er musste miterleben, wie Kutscher ihre Pferde beinahe zu Tode prügelten. In New York sah es nach seiner Rückkehr keinen Deut besser aus. Streunende Hunde wurden in Drahtkäfigen im East River ertränkt. Ausgemergelte Pferde fielen beim Ziehen der Straßenbahn tot um. Und unten am Hafen wurden an ihren Flossen aufgefädelte Schildkröten stapelweise angelandet, damals eine Delikatesse.

Tieren wurde kein Schmerzempfinden zugebilligt. Bergh bezeichnete sie als „unsere sprachlosen Sklaven“ und warf sich auch schon mal vor eine Kutsche mit einem misshandelten Pferd davor. Er erfand sogar einen Krankenwagen, in dem Pferde transportiert werden sollten. Plötzlich dachten Amerikaner darüber nach, ob Tieren Rechte zugestanden werden müssten.

Belehrungsabsichten lassen sich Lucky Luke nicht unterstellen. Vegetarier wie auch Fleischfreunde bekommen hier ihr (Pflanzen-)Fett weg. Tierschützer Byrde muss schließlich erkennen, dass er den Wilden Westen nicht im Alleingang umerziehen kann: „Alle machen fröhlich weiter mit dem Stacheldraht und den Rodeos.“

In John Fords Western „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ sieht das nicht so viel anders aus. Da fällt am Ende einer der berühmtesten Sätze der Filmgeschichte, als der Schurke Valance schließlich zur Strecke gebracht wird. Fälschlicherweise wird der idealistische junge Anwalt für diese Tat gefeiert und baut darauf seine politische Karriere in Washington auf. Als er viel später einem Zeitungsmann verrät, was sich wirklich zugetragen hatte, entscheidet dieser: „When the legend becomes fact, print the legend!“ Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende.

Von Stefan Stosch/RND