Apple-Chef Tim Cook stellt das neue iPhone vor. Quelle: -/Apple/dpa

Einheitliche Ladekabel? Die Zukunft des Smartphones ist (wahrscheinlich) eine andere

Hannover. Die EU-Kommission will Smartphone-Hersteller dazu zwingen, künftig ein und denselben Ladeanschluss zu verwenden – den Standard USB-C, um genau zu sein. Hintergrund des 18-seitigen Richtlinienentwurfs, der am Mittwoch bekannt wurde, ist der Umweltschutz. 980 Tonnen Elektromüll jährlich sollen damit vermieden werden.

Insbesondere für ein Unternehmen scheint der Entwurf einen herben Rückschlag zu bedeuten: Der Techkonzern Apple hatte sich über Jahrzehnte hinweg massiv dagegen gewehrt, standardisierte Ladeanschlüsse zu verwenden. Statt Mikro-USB nutzte man jahrelang den sogenannten 30-Pin-Adapter im iPhone, später dann den hauseigenen Lightning-Anschluss. Die Folge: Jede Menge Kabelsalat in der Schublade, weil jedes erdenkliche Gerät einen anderen Stecker benötigte.

Natürlich ließ nach Bekanntwerden der Pläne in den sozialen Netzwerken und in zahlreichen Medienkommentaren eine gewisse Häme nicht lang auf sich warten. Von einer „schweren Schlappe für Apple“ war etwa in einigen Artikeln zu lesen, oder vom „Ende des Lightning-Anschlusses“. Und ja, auf den ersten Blick mag das auch so sein – auf den zweiten allerdings ist der eigenwillige Techkonzern schon längst auf ganz anderen Pfaden unterwegs.

Viele Apple-Geräte haben bereits USB-C

Das zeigt sich mitunter bei einem Blick auf das Produktportfolio des Unternehmens. Nur die wenigsten Apple-Produkte haben überhaupt noch einen Lightning-Anschluss. Fast alle neuen iPad-Modelle und Macbooks sind inzwischen mit einer standardisierten USB-C-Buchse ausgestattet – und das ganz ohne Druck der EU.

Warum das so ist, hat der Techriese nie wirklich kommuniziert – es gibt aber gute Gründe gegen den hauseigenen Lightning-Port. Beispielsweise können USB-C-Anschlüsse bis zu 100 Watt bewältigen, was für Laptops und sogar Bildschirme ausreicht. Bei Lightning macht Apple keine offiziellen Angaben, es ist aber davon auszugehen, dass hier bei schon 12 Watt Schluss ist.

Zudem unterstützt USB-C gleichzeitig Videosignale und Strom – Bildschirme beispielsweise können damit nicht nur an den Computer angeschlossen, sondern auch gleichzeitig mit Strom versorgt werden. Und bei der Datenübertragung hängt der USB-C-Anschluss Apples Lightning-Kabel ebenfalls deutlich ab. Selbst bei mobilen Geräten, wie etwa dem iPad, scheint also der USB-C-Standard für das Unternehmen augenscheinlich viele Vorteile zu bringen.

Die Zukunft des iPhones ist (wahrscheinlich) kabellos

Nur ein Gerät wurde bis heute nicht auf USB-C umgestellt – und das ist ausgerechnet das Flaggschiff des Konzerns. Das iPhone wird auch in seiner 13. Generation, die am Freitag in die Läden kommt, noch immer mit Apples hauseigenem Lightning-Anschluss ausgeliefert.

Warum das so ist, darüber streiten Techexperten und Apple-Fanboys und -girls seit Jahren gleichermaßen – eine Theorie klingt aber mehr als plausibel: Auch wenn die EU-Richtlinie 2024 in Kraft tritt, wird das iPhone wohl kaum mit einem USB-C-Anschluss ausgeliefert werden. Stattdessen hat das Gerät dann vermutlich einen ganz anderen Anschluss, und zwar: gar keinen.

Entsprechende Gerüchte kursieren bereits seit Jahren. Schon 2016 beispielsweise trennte sich Apple beim iPhone 7 als erster Smartphone-Hersteller überhaupt vom Kopfhöreranschluss und stellte gleichzeitig seine kabellosen Kopfhörer, die Airpods, vor. Der Grundstein für eine kabellose Zukunft war gelegt – wenngleich er von zahlreichen anderen Herstellern mit viel Spott begleitet wurde.

Die Gerüchteküche brodelt

Ein Jahr später war erstmals auch das kabellose Aufladen eines iPhones möglich – das bloße Auflegen auf ein entsprechendes Landegerät genügt. Rein theoretisch braucht ein iPhone also auch heute schon keinen echte Ladebuchse mehr. Eine Ladematte für mehrere Geräte mit dem Namen „Airpower“ wurde seinerzeit ebenfalls vorgestellt, wenngleich sie jedoch nie das Licht der Welt erblickte.

2019 vermeldeten dann erste – und für gewöhnlich gut informierte – Techjournalisten die Entwicklung eines komplett kabellosen iPhones. Der in der Szene bestens bekannte „Bloomberg“-Journalist Mark Gurman beispielsweise schrieb seinerzeit, Apple würde die Abkehr vom Lightnight-Port intern testen und sich künftig auf komplett kabellose Lademöglichkeiten konzentrieren. Wann genau ein solches iPhone eingeführt werde, sei aber noch völlig unklar. Auch der renommierte Apple-Analyst Ming-Chi Kuo behauptete Ähnliches.

Seit 2020 brodelt die Gerüchteküche unaufhörlich. Große Tech-Youtuber wie Marquess Brownlee philosophieren in Videos minutenlang über ein mögliches kabelloses iPhone, Techblogs listen mögliche Vor- und Nachteile auf, und in Fanforen herrscht bisweilen blanke Panik.

Viele Fragen sind noch ungeklärt

Nicht ohne Grund – denn viele Fragen sind noch völlig ungeklärt. Auch wenn die iPhone-Buchse zum Laden nicht mehr nötig erscheint, so dient sie dennoch als wichtige Schnittstelle für andere Dinge. Zum Beispiel, um ein fehlerhaftes Gerät am Computer anzuschließen und zurückzusetzen beziehungsweise wiederherzustellen. Um das zu tun, müsste man ohne eine solche Buchse womöglich künftig womöglich in einen Apple-Store laufen.

Apples hauseigenes System „CarPlay“ in zahlreichen Autoradios läuft ebenfalls kabelgebunden und nur in ganz neuen Modellen kabellos. Zahlreiche Autobesitzer könnten das System dann nicht mehr nutzen, oder sie müssten ein komplett neues Radio einbauen lassen.

Und schließlich wird der Lightning-Port auch als Anschlussmöglichkeit für diverse andere Geräte genutzt. Reporter beispielsweise verwenden die Schnittstelle gerne, um dort hochwertige Mikrofone anzuschließen. Auch das wäre künftig nicht mehr so einfach möglich.

Ein Standard für alle

Klar ist: Das kabellose iPhone ist inzwischen mehr als ein Gerücht – viele Zeichen deuten genau in diese Richtung. Klar ist auch: Seitens der EU wäre dieser Weg ebenfalls frei. Für gänzlich kabellose Geräte soll die neue Richtlinie nämlich nicht gelten. Das Angebot sei hier noch nicht so fragmentiert, heißt es seitens der EU-Kommission.

Ganz generell dürfte Apple mit seiner kabellosen Strategie bei der Politik ohnehin auf Gegenliebe stoßen. Aktuelle iPhone-Modell werden nämlich kabellos mit dem sogenannten Qi-Standard geladen. Dabei handelt es sich – im Gegensatz zum Lightning-Port – um einen anerkannten Standard, der derzeit von mehr als 200 Unternehmen und 1000 verschiedenen Gerätemodellen unterstützt wird. So klappt es auch mit dem Umweltschutz.

Von Matthias Schwarzer/RND