Der deutsche ESC-Teilnehmer Malik Harris. Quelle: Jens Büttner/dpa

Deutscher ESC-Kandidat Malik Harris: „Ich wünsche der Ukraine den Sieg“

Malik Harris, wie erleben Sie die Eurovisionswelt? Gibt es etwas, das Sie sich vorher ganz anders vorgestellt haben?

Ja, das gab’s. Vor ein paar Tagen sollte ich im „Euro Village“ hier in Turin auftreten. Ich dachte, das wäre vielleicht ein kleiner Club oder so. Aber dann bin ich auf die Bühne gegangen und stand plötzlich vor 20.000 Menschen. Das war der Wahnsinn – gerade nach der Corona-Zeit, in der Auftreten fast gar nicht möglich war. Ich habe es unglaublich genossen.

Als Lena 2010 den ESC gewann, waren Sie zwölf Jahre alt. Was sind Ihre frühesten Eurovisionserinnerungen?

Das kam schon mit Lena. Ich hatte den ESC zwar schon vorher als supercoolen Event abgespeichert, weil er die einzige Veranstaltung ist, die wirklich einen ganzen Kontinent für einen Abend vereint und all diese verschiedenen Länder und ihre Musik feiert. Das fand ich schon immer toll. Aber ich habe nicht in jedem Jahr zugeguckt.

Sie singen in Ihrem Lied „Rockstars“ vom Ende der Sorglosigkeit, vom Einbrechen des wahren Lebens in das Glück der Kindheit. Sie sind 24 Jahre alt. Können Sie sich an den Moment erinnern, an dem Sie spürten: Es ist vorbei? Ich bin jetzt groß?

Ich erinnere mich nicht mehr an einen genauen Moment. Aber ich weiß noch ganz genau, wann ich realisiert habe, dass ich kein Kind mehr bin. Das war im vergangenen Jahr, als ich eine Folge von „The Office“ gesehen habe.

Der britischen Bürocomedy?

Genau. Da sagte eine Figur den Satz: „I wished there was a way to know that you‘re in the ‚gold old days‘ before you‘ve actually left them.“ Also: Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, zu bemerken, dass man sich in den „guten alten Zeiten“ befindet, bevor sie vorbei sind. Dieser Satz hat sehr viel in mir ausgelöst. Ich habe ihn fast wortgleich in meinen Song übernommen.

Noch einmal jung sein dürfen – aber mit der Erfahrung des Erwachsenen. Das wäre gut?

Das wäre sehr geil.

Im Rapteil Ihres Songs wirken Sie sehr zornig. Gegen wen richtet sich dieser Zorn?

Gegen die Erkenntnis, dass ich zu einem hadernden Erwachsenen geworden bin, zu einem Menschen, der viel mit Ängsten und Zweifeln zu kämpfen hat. Und dass ich eben leider kein Kind mehr bin, das sorglos und leichtfüßig durchs Leben wandert.

Sie singen von Zweifeln und Fehlern, in denen Sie sich gefangen fühlen („So exhausted, always caught up inside my doubts and flaws“) – Jetzt wirken Sie aber eher nicht so sehr wie der grüblerische Typ.

Das ist ja oft so bei Zweiflern. Aber wenn ich alleine bin, habe ich schon viel mit eher düsteren Gedanken zu tun. So bin ich. Umso froher bin ich, mit der Musik einen Weg gefunden zu haben, mich auszudrücken.

Wie war denn Ihre Kindheit?

Die war großartig und sehr behütet. Darauf blicke ich sehr gerne zurück.

Aber es gab nicht nur schöne Begebenheiten. Stichwort: Rassismus. Welche Rolle spielte das früher?

Na ja. Ich habe als Kind zwar bemerkt, dass wir eine andere Hautfarbe haben, also anders aussehen. Aber ich habe dem keine große Bedeutung beigemessen, das schien mir einfach nicht wichtig. Aber natürlich gab es dann später immer wieder Gespräche am Küchentisch, wenn wieder irgendwo ein Video aus den USA aufgetaucht war, in dem ein Schwarzer erschossen wurde. Da begann ich mich natürlich schon zu fragen: Krass – der sieht ja genauso aus wie mein Bruder?! Warum ist das denn passiert?

Und haben Sie selbst Rassismus im Alltag erlebt?

Keinen extremen. Aber ich habe – wie jeder Schwarze in Deutschland – des Öfteren das N-Wort gehört, zum Beispiel auf dem Fußballplatz von gegnerischen Spielern in der Hitze des Gefechts. Das kennt jeder mit dunkler Hautfarbe.

Nervt es Sie, auf das Thema angesprochen zu werden, bloß weil Sie eine dunkle Hautfarbe haben?

Nein. Ich fühle mich als Musiker, der eine öffentliche Plattform hat, in gewisser Weise verpflichtet, ein Licht auf dieses Problem zu werfen. Privat nervt es aber schon manchmal, wenn man automatisch quasi in die Rolle des „Sprechers aller Schwarzen“ gerückt wird. Und das will ich nicht immer sein.

Sie haben dazu mal gesagt: „Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt in einer Zeit leben, in der wir Dinge verändern müssen.“ Welche Dinge müssen wir verändern?

Da gibt es so viel! Ich glaube, ich gehöre einer Generation an, die an vielen wichtigen Punkten Veränderungen erreichen will: soziale Gerechtigkeit, Rassismus, Feminismus, Klimawandel.

Das ist eine ziemlich lange Liste.

Traurigerweise ja! Wir haben viel zu tun. Und ich vertraue sehr auf meine Generation. Ich glaube fest daran, dass wir ein bisschen Schwung in die Dinge bringen können. Ich sehe da ein gewisses Feuer in den Augen meiner Leute.

Ihr Vater Ricky Harris begleitet Sie hier in Turin. Sind Sie ein Familienmensch?

Ja, sehr. Nicht nur mein Vater ist hier, sondern auch meine Mutter, mein Bruder, meine Freundin und ein Kumpel. Meine Schwester wollte auch dabei sein, konnte aber leider nicht. Familie ist mir wahnsinnig wichtig. Auch die Musik begann ja im Kreis meiner Familie. Mein Großvater war Opernsänger, meine Großmutter Pianistin, mein Vater spielt viele Instrumente. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da habe ich in einer Bar vor vier Leuten gespielt. Und diese vier Leute waren: mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester (lacht).

Der Krieg in der Ukraine schwebt in diesem Jahr über allem, auch über dem ESC. Glauben Sie an einen ukrainischen Sieg?

Ich hoffe es sehr! Ich wäre sehr froh und stolz, wenn das Kalush Orchestra in diesem Jahr gewinnen würde. Ich wünsche der Ukraine den Sieg. Ich sehe den ESC sowieso nicht so sehr als Wettbewerb. Gerade in diesem Jahr geht es eher darum, gemeinsam mit so vielen verschiedenen Ländern ein Fest zu feiern und Musik zu zelebrieren. Im Licht der Politik rückt alles andere in den Hintergrund. Es geht darum, ein Zeichen zu setzen. Und es wäre doch ein sehr starkes Zeichen, wenn Europa die Ukraine zum Sieger erklären würde. Und darüber hinaus finde ich den Titel „Stefania“ auch echt mega.

Trotzdem: Deutschland hat beim ESC eine ziemlich hartnäckige Durststrecke hinter sich. Die Prognosen sind nicht allzu optimistisch.

Das ist für mich wirklich vollkommen irrelevant. Ich habe hier zwei Ziele: Ich will mein Bestes geben, und ich will es genießen. Und wenn mir diese beiden Dinge gelingen, bin ich glücklich.

Malik Harris, vielen Dank für dieses Gespräch.

ZUR PERSON

Malik Harris, geboren 1997 in Landberg am Lech, ist Musiker und Songwriter. Er ist Enkel eines Opernsängers und einer Pianistin und Sohn des früheren Sat.1-Talkmasters Ricky Harris. Mit seinem Song „Rockstars“ vertritt er Deutschland beim Eurovision Song Contest 2022.

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Von Imre Grimm/RND