Der Schauspieler und damalige Gefängnisarzt Joe Bausch hat ein neues Buch veröffentlicht. Quelle: Bernd Thissen/dpa

„Tatort“-Rechtsmediziner Joe Bausch: „Raffiniert sind Täter nur im Film“

Schauspieler Joe Bausch (69) war 32 Jahre leitender Regierungsmedizinaldirektor in der Justizvollzugsanstalt Werl (NRW). Fernsehzuschauer und -zuschauerinnen kennen ihn als Rechtsmediziner aus dem Kölner „Tatort“. Bausch, geboren und aufgewachsen im Westerwald, hat erst in Köln und Marburg Theaterwissenschaft, Politik, Germanistik und Rechtswissenschaften und anschließend in Bochum Medizin studiert. „Maxima Culpa“ (Ullstein-Verlag, 272 Seiten, 12,99 Euro, erscheint heute) ist nach „Knast“ und „Gangsterblues“ bereits sein drittes Buch über Verbrecher.

Herr Bausch, Sie waren mehr als 30 Jahre Anstaltsarzt in einer JVA, wirken im „Tatort“ mit und haben mit „Maxima Culpa“ nun bereits Ihr drittes Buch über Kriminelle geschrieben. Was fasziniert Sie so am Verbrechen?

Es ist gar nicht das Verbrechen, das mich fasziniert, sondern die Frage: Was macht einen Menschen zum Verbrecher? Das hat mich schon als junger Mensch interessiert. Ich habe damals auf der Bühne vor allem Kriminelle verkörpert und wollte wissen: Warum begehen Menschen Morde? Als Arzt hat mich diese Frage erst recht bewegt. Um einem Patienten helfen zu können, muss man wissen, was ihn krank macht.

Was macht Menschen zu Mördern?

Ich habe mich Jahrzehnte lang intensiv mit dem Bösen beschäftigt und kann die Frage trotzdem nicht beantworten. Fast jeder Mensch hat schon mal in Gedanken einen Mord begangen; aber eben nur in Gedanken. 99 von 100 Männern hatten eine furchtbare Kindheit mit schrecklichen Erlebnissen, doch nur einer ist zum Verbrecher geworden. Ist es ein plötzlicher Furor, der sie überkommt, gibt es genetische Gründe? Man weiß es nicht.

Kapitalverbrechen werden nur selten von Frauen begangen. Ist das Böse männlich?

Das ist eine hoch spannende Frage, die noch niemand schlüssig beantwortet hat. Vielleicht sind Frauen einfach nur cleverer und lassen sich nicht erwischen. Es gibt bislang noch keine Grundlagenforschung zu dieser Frage.

Sie befassen sich in Ihrem Buch mit Serienmördern. Sind das tatsächlich so charismatische Typen wie Hannibal Lecter aus dem „Schweigen der Lämmer“?

Nein, das ist eine Erfindung Hollywoods. So brillant und eloquent ist so gut wie kein Krimineller. Die Hannibal Lecters dieser Welt sitzen nicht im Gefängnis, die tummeln sich in der Politik und in der Wirtschaft. Ich will damit nicht sagen, dass erfolgreiche Menschen potenzielle Kriminelle sind, aber ohne einen gewissen Mangel an Empathie könnte man nicht 15 000 Menschen entlassen und trotzdem gut schlafen.

Wie realistisch sind TV-Krimis?

Die Verbrechen im Fernsehen sind deutlich komplexer und überraschender als die Wirklichkeit. Natürlich gibt es auch infame, perfide und skrupellose Taten, aber raffiniert sind die Täter nur im Film. Die meisten Taten sind viel zu banal, um Stoff für einen fesselnden Krimi zu ergeben.

Sie sind mal unfreiwillig zum Vorbild für ein Delikt geworden. Wie war das?

In einer Episode der Krimiserie „Faust“ mit Heiner Lauterbach habe ich 1997 den fiesen Anführer einer Drückerkolonne gespielt, der einen seiner Mitarbeiter demütigt, indem er ihn zwingt, Regenwürmer zu essen; die Folge trug den treffenden Titel „Spaghetti bolognese“. Bei der Recherche für mein Buch habe ich herausgefunden, dass die kriminelle Chefin einer echten Drückerkolonne das offenbar so reizvoll fand, dass sie es nachgemacht hat.

Regen Krimis also zur Nachahmung an?

Wenn es so wäre, hätten wir eine ganz andere Gewaltstatistik. In Deutschland gibt es pro Jahr knapp 1000 Morde, inklusive Totschlag reden wir von 2500 bis 3000 Tötungsdelikten. Im Fernsehen werden pro Jahr schätzungsweise 15 000 Morde begangen. Übermäßiger Konsum von Ballerspielen oder Hardcorepornografie sind aber zumindest immer ein Hinweis, dass in der Persönlichkeit etwas im Argen liegt.

Der Arzt, den Sie seit 25 Jahren im „Tatort“ verkörpern, ist ein normaler Zeitgenosse. Warum sind Rechtsmediziner im Fernsehen oft so skurril?

Weil sich Autoren nicht vorstellen können, dass es Menschen gibt, die sich freiwillig tagtäglich mit Leichen umgeben. In einem der ersten Filme hat mich ein Regisseur gebeten, bei der Obduktion ein Mettbrötchen zu verzehren; das habe ich sehr bestimmt abgelehnt. Anscheinend ist man in der Filmbranche der Meinung, dass Formaldehyd auf Dauer Schäden im Gehirn verursacht. Ich habe zum Glück so eine markante Visage, da muss ich keine Kapriolen machen.

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Von Tilmann P. Gangloff/RND