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Während der Corona-Lockdowns hatten viele Menschen auf einmal mehr Zeit. Quelle: Pexels

Ist noch etwas von der Entschleunigung der Pandemie geblieben?

Ganz zu Beginn der Pandemie, als es noch kaum Einschränkungen gab, führte ein Forschungs­team der TU Berlin ein kleines Gedanken­experiment durch. In einer Umfrage im Februar 2020 sollten rund 2000 repräsentativ ausgewählte Personen eine einfache Frage beantworten: Wenn Sie täglich eine Stunde mehr zur Verfügung hätten, wofür würden Sie diese verwenden?

Die meisten Befragten gaben an, dass sie bei einem 25-Stunden-Tag mehr Zeit zum Ausruhen, Lesen und Nichtstun einplanen würden. Die häufigste Antwort, was die Befragten mit einer geschenkten Stunde machen würden, lautete schlicht: schlafen. „Es wurde also das Bild einer müden Gesellschaft deutlich, die ein großes Bedürfnis nach Erholung und Zeit für sich und die Familie hat“, hält die Studien­autorin und Sozial­wissenschaftlerin Stefanie Gerold damals fest.

Als es wenige Wochen danach zum ersten Lockdown kam, wurde aus dem Gedanken­spiel plötzlich Realität. Nun hatten viele Menschen tatsächlich mehr Zeit. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Berlin und anderer Forschungs­einrichtungen, die ein umfangreiches Forschungs­projekt zum Thema Zeit­nutzung geplant hatten, standen auf einmal vor neuen Voraussetzungen – und sahen die einmalige Gelegenheit zu überprüfen, was Menschen wirklich taten, wenn man ihnen Zeit schenkte.

Sie fragten dieses Mal, wofür die Befragten die gewonnene Zeit aufwendeten. Die häufigsten Antworten waren: lesen, Gartenarbeit, Hausarbeit, aufräumen und putzen, Zeit mit den Kindern verbringen, Sport treiben, Fernsehen und Filme schauen. Die Daten ergaben außerdem, dass die Befragten im Schnitt eine halbe Stunde länger schliefen.

Was ist vom Zeit­wohlstand der Pandemie geblieben?

„Wir sehen, dass während des ersten Lockdowns eine gewisse Entschleunigung statt­gefunden hat“, sagt Stefanie Gerold. Menschen hätten weniger Multi­tasking betrieben, sich insgesamt weniger bemüht, Dinge schnell zu erledigen. Der subjektiv wahr­genommene Zeit­wohlstand sei während des Lockdowns gestiegen. „Dieser misst unter anderem, ob Menschen genügend Zeit für all die Dinge haben, die ihnen wichtig sind“, so die Forscherin. Interessant seien auch die Entwicklungen unter den Erwerbstätigen: Der Zeit­druck bei der Arbeit und das Arbeits­tempo seien zu Pandemie­beginn gesunken.

Damals war viel von der Entschleunigung durch die Pandemie die Rede, von einem ganz neuen Zeit­gefühl. Viele Menschen fingen an, sich den Dingen zu widmen, die im stressigen Alltag oft zu kurz kamen. Dass es oft die ganz einfachen, basalen Dinge sind, die für Menschen einen großen Wert haben, zeigen die Zeit­forschungen von Stefanie Gerold und ihren Kolleginnen und Kollegen. Doch was ist heute, mehr als zwei Jahre nach Beginn der Pandemie, noch von dem neuen Zeit­wohlstand geblieben?

„Ich denke, dass die Erfahrungen während der Corona-Pandemie einige Menschen dazu gebracht haben, ihren Umgang mit Zeit zu überdenken“, sagt Gerold. „Da die Kontakt­beschränkungen teilweise über mehrere Monate anhielten, mussten Menschen vorüber­gehend neue Gewohnheiten einüben. Dabei haben wahrscheinlich einige realisiert, dass es ganz angenehm sein kann, nicht jeden Abend verplant zu sein oder das ganze Wochen­ende von einer zur nächsten Verabredung zu hasten“, so die Einschätzung der Sozial­wissenschaftlerin.

Mehr Zeit allein führt noch nicht zu mehr Lebens­qualität

Der renommierte Zeit­forscher Jürgen P. Rinderspacher setzt sich in seinem im August erscheinenden Buch „Zeiten der Pandemie“ ebenfalls mit diesen Entwicklungen auseinander. Rinderspacher entwickelte das Konzept des Zeit­wohlstands in den 1980er-Jahren. Im Zusammenhang mit der Pandemie spricht er von einem prekären, brüchigen Zeit­wohlstand.

Auf der einen Seite hätten es viele Menschen genossen, auch unter der Woche mal eine Stunde länger schlafen zu können oder die Dinge des Alltags gemächlicher und mit mehr Muße angehen zu können. „Das hat vielen gut gefallen. Ich denke, diese Erfahrungen werden sie tatsächlich nicht vergessen“, sagt Rinderspacher. Sie würden aber auch nicht vergessen, dass sie sich die Menschen, mit denen sie zusammen sein durften, nicht mehr aussuchen konnten. Rinderspacher spricht von einem zeitlichen Kontroll­entzug, weil völlig ungewiss gewesen sei, wann das ersehnte Ende des Tunnels kommen würde.

Nur über möglichst viel Zeit zu verfügen führe noch nicht zu einer hohen Lebens­qualität, schreibt der Sozial­wissenschaftler in seinem Buch. Er erwartet aber, dass viele Menschen ernsthafter darüber nachdenken werden, ob sie ihre Arbeits­zeiten vielleicht mehr als bisher ihren Zeit­bedürfnissen anpassen sollten. „Man kann an mehreren einschlägigen Studien ablesen, dass die Jagd nach Geld und Gut, die schon vor Corona von vielen hinterfragt wurde, nun noch weiter als Lebens­ziel diskreditiert worden ist.“

Rinderspacher erinnert jedoch daran, dass sich viele Menschen gerade jetzt während der Inflation mehr Zeit­wohlstand nicht leisten können. Um möglichst allen Menschen einen zufrieden­stellenden Umgang mit der Zeit zu ermöglichen, müsse die Gesellschaft ihr Verständnis von Wohlstand verändern. Das sei eine politische Frage. Doch dazu müssten auch die Bürgerinnen und Bürger deutlich artikulieren, wo ihre Prioritäten zwischen Zeit und Geld liegen, sagt Rinderspacher. „Ich glaube tatsächlich, dass Corona zumindest im Geiste hier etwas zur Klarheit beigetragen hat.“

Das Buch „Zeiten der Pandemie. Wie Corona unseren Umgang mit der Zeit verändert“ von Jürgen P. Rinderspacher erscheint am 8. August im Verlag Barbara Budrich. 180 Seiten, UVP: 16,90 Euro.

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Von Stefan Boes/RND