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Hurrikan „Ian“ steuerte am Dienstag den US-Bundesstaat Florida an. Quelle: IMAGO/UPI Photo

Hurrikan „Ian“: Warum konnte der Sturm so extrem werden?

Mindestens 21 Menschen sind ums Leben gekommen. Die US-Behörden rechnen damit, dass die Zahl in den kommenden Tagen weiter steigen wird. Auch US-Präsident Joe Biden äußerte bereits die Befürchtung: „Dies könnte der tödlichste Hurrikan in der Geschichte Floridas sein.“ Nachdem Hurrikan „Ian“ bereits am Dienstag auf die Küste Kubas traf, war er am Tag darauf mit einer Windgeschwindigkeit von knapp 250 Kilometern pro Stunde auf die US-Küste Floridas gestoßen.

Damit fiel der Sturm fast in die fünfte und stärkste Kategorie für Hurrikans. Beinahe zwei Millionen Menschen sind laut der Webseite PowerOutage.us noch immer ohne Strom. Die Auswirkungen und Schäden, die der Sturm anrichtete, seien „historisch“, sagte Floridas Gouverneur, Ron DeSantis, am Donnerstag.

Und noch ist „Ian“ nicht am Ende: Zurück auf dem Atlantik, hat der Sturm neue Energie gesammelt und rast nun auf die Küste South Carolinas zu. Dort wird er im Laufe des Freitages erwartet. Wie konnte „Ian“ ein so großes Ausmaß annehmen?

Wassertemperatur, Luftfeuchtigkeit und Winde

Es gebe drei Faktoren, die dazu beitragen, dass ein Wirbelsturm schnell stärker wird, erklärt Paul Miller, Professor für Ozeanographie und Küstenwissenschaften an der Louisiana State University gegenüber „Vox“. Das sind zum einen warmes Meerwasser, feuchte Luft und zum anderen geringe Windscherungen, also plötzlich scharfe Änderungen in Geschwindigkeit oder Richtung des Windes. „Alle dieser drei Dinge schaffen ein günstiges Ökosystem für einen Hurrikan, um eine Zirkulation aufzubauen und zu intensivieren“, sagte Miller. Für Hurrikan „Ian“ gelten gleich alle drei Punkte.

So habe sich „Ian“ laut Miller zwar zu Beginn, als er vor wenigen Tagen über dem Ozean entstand, einigen störenden Winden stellen müssen, aber es gab wenige tatsächliche Scherungen. So konnte der Sturm weiter wachsen. Auch sei er nicht in Gebiete mit trockener Luft geraten und verlor daher nicht an Luftfeuchtigkeit.

Außerdem sei das Meerwasser im Golf von Mexiko in diesem Sommer laut des US-Nationalen Wetterdienstes ungewöhnlich warm gewesen. Der Klimawandel erwärme den karibischen Ozean um mehr als ein Grad Celsius pro Jahrhundert. Hierbei könnten selbst kleine Temperaturveränderungen von nur einem halben Grad einen großen Unterschied machen, sagte Brian McNoldy, Hurrikanforscher an der Universität von Miami der „Vox“. Auch dass die Hurrikansaison bislang eher ruhig ausfiel, sorge für noch wärmere Temperaturen im Ozean. Denn jeder Sturm über dem Meer entziehe ihm immer auch Wärme und somit die Basis für weitere Stürme, heißt es.

Florida erreichte die „nasse“ und größere Seite

Ein weiterer Grund, warum Hurrikan „Ian“ in Florida eine derartige Verwüstung hinterlassen hat, könnte laut Meteorologin Athena Masson die Asymmetrie solcher Stürme sein. „Eine Seite ist in der Regel größer“, schreibt sie. „Da ‚Ian‘ die Westküste Floridas aufspürt, wird die Halbinsel voraussichtlich auf der ‚nassen‘ Seite des Sturms liegen.“ Östlich des Zirkulationszentrum haben diese Stürme in der Regel eine größere Wolkendecke mit mehr Regen.

Aber werden diese Wirbelstürme durch den Klimawandel wirklich auch extremer? Eine einfache Antwort gibt es hierauf nicht. Ein Problem ist zum Beispiel die natürliche Variabilität, also die natürlichen Schwankungen des Klimas. Dadurch, dass Wirbelstürme deutlich seltener als andere Extremwetterereignisse auftreten, hat auch die Variabilität einen größeren Einfluss. Zudem gibt es verschiedene Eigenschaften von Wirbelstürmen, die jeweils unterschiedlich beeinflusst werden können: Häufigkeit, Windgeschwindigkeit, eigene Geschwindigkeit des Sturms sowie der Niederschlag. Die meisten von ihnen verändern sich. Manche lassen sich auch bereits durch den Klimawandel erklären. Andere wiederum nicht.

Erderwärmung führt zu mehr Wirbelstürmen

Was die Häufigkeit starker Wirbelstürme betrifft, ist sich die Forschung recht einig. Stürme, in den Kategorien drei bis fünf, nehmen durch den Klimawandel zu, wie ein Bericht des Weltklimarates (IPCC) zeigte. Auch eine Analyse der Presseagentur „Associated Press“ (AP) von Daten des US-Nationalen Hurrikanzentrums zeigen Ähnliches: Betrachte man einen Zeitraum von zehn Jahren, gebe es etwa 25 Prozent mehr dieser schnell entstehenden Wirbelstürme im Atlantik und Ostpazifik als noch vor 40 Jahren.

„Was früher ein sehr, sehr seltenes Ereignis war, war in letzter Zeit offensichtlich keine Seltenheit“, sagte Jim Kossin, Klima- und Hurrikanexperte der AP. Dass Wirbelstürme, wie Tornados, auch in Deutschland durch den Klimawandel zunehmen, lässt sich laut einem aktuellen Faktenpapier zu Extremwettern des Deutschen Wetterdienstes (DWD) bisher nicht sagen. Es gebe zwar deutlich mehr bestätigte Beobachtungen. Das liege aber auch unter anderem daran, dass diese durch Smartphones eher aufgenommen und verbreitet werden könnten.

Wie viel häufiger Wirbelstürme aber weltweit in Zukunft auftreten könnten, hänge laut dem IPCC-Bericht vor allem von der globalen Erderwärmung ab. Erwärme sich die Erde, im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, um 1,5 Grad nehme die Zahl starker Stürme um 13 Prozent zu – bei 2 Grad sind es bereits 20 Prozent. Ein Grund dafür sind die ebenso steigenden Temperaturen in den Ozeanen. Dadurch vergrößern sich die Regionen, in denen Wirbelstürme überhaupt entstehen können, wie Klimaforscherin Friederike Otto von der Oxford-Universität in der vergangenen Hurrikansaison dem RND erklärte.

Geschwindigkeit, Niederschläge und Sturmfluten

Inwiefern sich die Windgeschwindigkeit der Stürme durch den Klimawandel verändert hat, darauf kann die Wissenschaft jedoch oftmals nur schwer eine sichere Antwort geben. Der Grund: Es fehle schlicht an genügend Daten, sagen Forschende. Was Studien jedoch klar zeigen konnten: Die Geschwindigkeit, mit der sich ein Wirbelsturm fortbewegt, ist weniger geworden. Das heißt, er bleibt länger auf einem Punkt und kann so mehr Schaden anrichten.

Auch die Niederschläge während eines Wirbelsturms sind durch den Klimawandel stärker geworden – und sorgen ebenso für mehr Zerstörung. Das liegt daran, dass durch die globale Erderwärmung die Atmosphäre mehr Wasser aufnehmen kann, wie Jana Sillmann, Professorin für Klimastatistik und Klimaextreme an der Uni Hamburg, dem RND sagte. Das komme dann in solchen Stürmen als Regen wieder herunter. Dadurch, dass der Meeresspiegel steigt, laufen Sturmfluten außerdem höher auf die Küsten auf und können so größere Flächen zerstören, heißt es in einem aktuellen Faktenpapier zu Extremwettern des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

Von Melina Runde/RND