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„Für diese WM sind Menschen gestorben“: Menschenrechtsorganisationen kritisieren schon seit Jahren, unter welchen Bedingungen Arbeitsmigranten in Katar schuften müssen.

„Ich dachte, das ist mein Ende“: Ein Gastarbeiter berichtet, was er auf den WM-Baustellen in Katar erlebt hat

Hannover. Sie kamen an einem Dienstagvormittag, um ihn zu holen. Sie fesselten ihn an den Händen, verbanden ihm die Augen und zerrten ihn in einen Wagen. Dann brachten sie ihn an einen unbekannten Ort und sperrten ihn in eine winzige Zelle ohne Fenster. Zwei Tage lang hielten sie ihn dort fest, vielleicht auch drei. So genau weiß er das heute nicht mehr. „Sie ließen rund um die Uhr das Licht an, damit ich das Zeitgefühl verliere“, sagt er. „Irgendwann dachte ich bloß noch: Das ist mein Ende, ich werde nie mehr nach Hause kommen.“

Eineinhalb Jahre liegt der Tag jetzt zurück, an dem Malcolm Bidali, ein Arbeitsmigrant aus Kenia, von den katarischen Sicherheitsbehörden in Doha entführt, verhört und weggesperrt wurde. Und das nur, weil er die Lebens- und Arbeitsbedingungen vor Ort öffentlich kritisiert hatte. Dass er über all das nun in einem Kulturzentrum in Hannover, also wohlauf und in Freiheit, sprechen kann, fällt ihm noch immer schwer zu glauben. „Es ist ein Wunder“, sagt Bidali.

In zwei Monaten beginnt die Fußball-WM in Katar

Es ist natürlich kein Zufall, dass Malcolm Bidali gerade jetzt in Hannover ist. In zwei Monaten beginnt in Katar die Fußball-Weltmeisterschaft, die erste in einem arabischen Land. Das kleine Emirat möchte sich mit dem Turnier als aufstrebende und moderne Nation präsentieren und seinen Machtanspruch am Persischen Golf untermauern.

Doch das Spektakel in der Wüste hat eine düstere Seite. Damit die sieben neuen Stadien, die vielen neuen Hotels, ein neuer Flughafen und ein neues U-Bahnsystem rechtzeitig bis zum ersten Anpfiff fertig werden, haben Hunderttausende ausländische Arbeitskräfte auf den Baustellen unter teils unmenschlichen Bedingungen geschuftet. Tag und Nacht. Auch im Sommer, bei mehr als 50 Grad im Schatten. Das geht aus etlichen Berichten von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International hervor. Hunderte, wenn nicht gar Tausende sollen dabei ums Leben gekommen sein. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Die katarischen Behörden und auch der Fußball-Weltverband Fifa, der Veranstalter des Turniers, versuchen, das Thema so klein wie möglich zu halten.

Katar ist auf ausländische Arbeiter angewiesen

„Deshalb bin ich hier“, sagt Bidali, der erst vor ein paar Tagen auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung nach Deutschland gekommen ist und nun gemeinsam mit den nepalesischen Arbeitsmigranten Jeevan KC und Krishna Shrestha durch Deutschland tourt und bei insgesamt zehn Veranstaltungen spricht. „Ich möchte die Fans dafür sensibilisieren, dass das keine WM wie jede andere ist“, sagt er. „Für diese WM sind Menschen gestorben. Darüber möchte ich sprechen. Und auch über meine eigene Geschichte.“

Eine Geschichte, die im Herbst 2015 in Kenias Hauptstadt Nairobi beginnt. Malcolm Bidali ist zu dieser Zeit arbeitslos, sieht keine Perspektive für sich. Bis ihm ein Freund, der als Concierge in Dubai angestellt ist, von einer Agentur berichtet, die afrikanische Arbeitskräfte in die Golfstaaten vermittelt, vor allem nach Katar. Das Emirat ist auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Sie machen knapp 95 Prozent aller Arbeiter im Land aus.

1200 Euro nur für die Jobvermittlung

Bidali meldet sich bei der Agentur. Er zahlt 1200 Euro für die Vermittlung, was für kenianische Verhältnisse ein kleines Vermögen ist. „Ich kenne Familien, die ein Stück Land oder ihre Tiere verkauft haben, damit sie die Gebühr für ihre Tochter oder ihren Sohn bezahlen können“, sagt Bidali. In seinem Fall zahlt die Mutter. In Raten. Bidali weiß bis heute nicht, woher sie das viele Geld genommen hat. Er will es auch gar nicht wissen.

Ende 2015 macht ihm die Agentur ein erstes Jobangebot. Bidali soll als Wachmann für einen Konzern arbeiten, der am Bau des neuen U-Bahnsystems in Doha beteiligt ist. Der junge Kenianer sagt zu und steigt im Januar 2016 mit großen Hoffnungen ins Flugzeug. Und tatsächlich läuft es anfangs wie gewünscht. „Die Unterkunft war in Ordnung, ich hatte gutes Essen und einen freien Tag in der Woche“, sagt Bidali. Auch das Gehalt kommt zuverlässig. „Ich konnte viel Geld sparen und an meine Familie schicken.“

Bidali ist dieser Teil seiner Geschichte sehr wichtig. „Denn bei aller Kritik, die ich an Katar äußere: Nicht alle Arbeitgeber dort sind schlecht. Es ging mir anfangs besser als in Kenia.“ Doch nach zwei Jahren läuft sein Vertrag aus. Bidali geht zurück in sein Heimatland, versucht sich als Tomatenzüchter. Erfolglos. Also macht er sich ein zweites Mal auf nach Katar.

Sechs Personen teilen sich ein winziges Zimmer

Bidali bekommt erneut einen Job als Wachmann, dieses Mal auf einer Baustelle der staatlichen Immobilienfirma Msheireb Properties, die auch für den Bau des Zulal Wellness Resorts zuständig ist – einem Luxushotel, in dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft untergebracht sein wird. Bidali und seine Kollegen wohnen in kleinen Baracken, zu sechst teilen sie sich ein winziges Zimmer, in dem nichts außer drei Hochbetten und sechs Spinde stehen. „Wir hatten Bettwanzen und zu wenig Essen, die Waschräume waren ebenfalls eine Katastrophe“, sagt Bidali.

Auch auf der Baustelle gibt es Probleme. Immer wieder, sagt Bidali, hätten sie nach ihren Zwölf-Stunden-Schichten Extraarbeit erledigen müssen, unbezahlt. Und in den heißen Sommermonaten habe sich Msheireb Properties nicht an die gesetzliche Vorgabe gehalten, dass das Arbeiten im Freien zwischen 10 und 15.30 Uhr verboten ist. „Ich habe Kollegen gesehen, die draußen in der prallen Sonne stehen mussten, und denen man nicht einmal etwas zu trinken gebracht hat“, sagt Bidali. Auch wird ihm am Monatsende regelmäßig weniger Lohn ausgezahlt als vereinbart. „Warum, konnte mir nie jemand erklären.“

Irgendwann hat Bidali genug. Er beginnt, die Missstände zu dokumentieren und ins Internet zu stellen, anonym unter dem Namen Noah. Anfangs hat er damit sogar Erfolg. „Plötzlich mussten wir nur noch zu dritt in einem Zimmer schlafen, und wir bekamen jeder einen Nachttisch und eine Lampe“, sagt Bidali. „Ich dachte: Wow, es geht doch! Alles, was ich tun muss, ist, über die Probleme zu schreiben.“ Also schreibt er weiter, stellt Fotos und Videos ins Internet, prangert Missstände an. Das geht so lange gut, bis er eine rote Linie überschreitet: In einem Beitrag kritisiert er die Familie des Emirs von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani. „Wenige Tage später stellte ich fest, dass mein Smartphone gehackt wurde“, sagt Bidali. „Da wussten sie vermutlich endgültig, dass ich Noah bin.“ Am 4. Mai 2021 schließlich wird er von Mitarbeitern der katarischen Sicherheitsbehörden verschleppt.

Bidali droht eine lange Gefängnisstrafe in Katar

Monatelang halten sie ihn fest. Der katarische Geheimdienst wirft ihm vor, für einen ausländischen Nachrichtendienst zu arbeiten und Falschinformationen zu verbreiten, „um das öffentliche System des Staates zu gefährden“, so steht es später in der Anklage. Ihm droht eine lange Haftstrafe. Doch Bidali hat Glück. Mit seinen Schilderungen in seinem Blog und in den Sozialen Netzwerken hat er es inzwischen zu einer gewissen Prominenz gebracht. Menschenrechtsorganisationen und internationale Medien machen auf den Fall aufmerksam.

Am Ende lässt Katar die Anklage wegen Spionage fallen, wohl auch, um ein PR-Desaster zu vermeiden. Im August 2021 wird Bidali gegen eine Zahlung von 25.000 katarischen Rial (umgerechnet knapp 7000 Euro) freigelassen. Sein Smartphone wird beschlagnahmt, seine Social-Media-Konten werden gelöscht.

Heikles Thema für den Deutschen Fußball-Bund

Wie aber passen Bidalis Anschuldigungen mit den Beteuerungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zusammen, bei der Wahl des WM-Quartiers, dem Zulal Wellness Resort, nicht nur sportliche Aspekte berücksichtigt zu haben, sondern auch die Arbeitsbedingungen für Angestellte vor Ort? Bidali lächelt. „Das ist reine PR“, sagt er. „Woher will der DFB wissen, was auf den Baustellen in Katar passiert? Wen hat er befragt? Und warum sind die Ergebnisse nicht öffentlich einsehbar?“

Fragen, die der DFB bislang nicht beantwortet hat. Oder nicht beantworten möchte. Für den Verband ist der Umgang mit Katar eine heikle Angelegenheit. Und allzu oft ducken sich die Verantwortlichen einfach weg. Oliver Bierhoff zum Beispiel, der Manager der Nationalmannschaft. „Das Thema Menschenrechte beschäftigt die Mannschaft. Die Spieler sind alle politisch denkende Menschen“, hat Bierhoff kürzlich auf dem vom DFB organisierten Kongress „Sport und Menschenrechte“ gesagt. Aber: „Wir müssen darauf achten, den Spagat zu schaffen. Die vielen Geräusche dürfen nicht dazu führen, dass wir keine Lust mehr am Turnier haben.“

Bidali kennt solche Sätze. Und er verlangt auch gar nicht, dass die deutschen Fußballer das Turnier in Katar boykottieren. „Dieser Zug ist längst abgefahren“, sagt er. Aber er hofft, dass die Fußballer ihre Popularität dafür nutzen, während des Turniers auf die Missstände in Katar aufmerksam zu machen. „Nur, wenn die Medien und die Politik den Druck hochhalten, wird sich irgendwann etwas ändern“, sagt Bidali. „Denn nach der WM sind die Fußballfans wieder weg. Die Arbeitsmigranten aber werden bleiben. Und mit ihnen ihre Probleme.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

Von Patrick Hoffmann/RND