Ein einsamer Luftballon im Wahlpartysaal der Linken im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin. Zum Feiern gab es keinen Grund. Quelle: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Die Linke hat ihre Rolle als Ostpartei verloren und keine neue gefunden

Berlin. Die Linke will sich nach ihrem desaströsen Wahlergebnis von 4,9 Prozent „neu erfinden“. Das ist auch bitter nötig, wenn die Partei weiter existieren will. Ihre Konturen sind nicht mehr scharf genug, als dass sie sich ausreichend von der Konkurrenz abhebt. Den Klimaschutz haben die Grünen zum großen Thema gemacht. Musste die Linke auf diesen Zug aufspringen?

In dem Drang, die Partei nach Westen auszurollen und gesamtdeutsche Relevanz zu erreichen, ist der Linken ihre jahrelang gepflegte Ostkompetenz verloren gegangen. Es gab Zeiten, da war sie in allen ostdeutschen Länderparlamenten zweistellig vertreten und in vielen auch in der Regierungsverantwortung.

Mit der Flüchtlingskrise 2015 trat die AfD auf den Plan und gerierte sich als Hüter ostdeutscher Interessen vor „Überfremdung“. Die Linke kam mit ihrer internationalistischen Willkommenskultur („Refugees welcome“) nicht mehr hinterher und verlor Jahr um Jahr Wähler an die AfD, die jetzt in den beiden Bundesländern Sachsen und Thüringen stärkste Kraft geworden ist.

Die Linke hat ihre Funktion als Auffangbecken ostdeutschen Protests verloren und keine richtige neue Rolle gefunden. Sie flankiert die SPD und die Grünen, ohne den beiden richtig gefährlich zu werden. Sie steht gegenüber Union und FDP als Drohkulisse für Rot-Grün-Rot zur Verfügung, aber immer nur so lange, wie das wahltaktisch von den „Partnern“ gerade für nötig befunden wird.

Schon in den 1990er-Jahren stellten Politologen die Frage, ob auf Dauer in Deutschland Platz für zwei sozialdemokratische Parteien ist. Nach der Wahl vom Sonntag sieht es fast so aus, als liefe die Linke Gefahr, von der SPD und den Grünen aufgesogen zu werden. Über 1,1 Millionen Stimmen hat sie an diese beiden Parteien abgegeben. Ob eine Neuerfindung diesen Trend noch aufhalten kann, wird sich bald zeigen.

Von Jan Emendörfer/RND