Blick in die Zukunft: Der Prototyp ID. Buzz AD, ein autonom fahrendes Sammeltaxi der VW-Tochter Moia in Hamburg. Die Hansestadt soll europaweit die erste Metropole mit autonom fahrenden Sammeltaxis werden. Quelle: Marcus Brandt/dpa

Finnlands Verkehrs­minister im Interview: „Das Auto wird klüger genutzt werden“

Wenn es um moderne Infra­struktur und Logistik geht, ist Finnland einer der Vorreiter in der internationalen Gemeinschaft. Als Haupt­redner war deshalb Finnlands Minister für Verkehr und Kommu­nikation zu Gast auf dem ITS Weltkongress. Das Redaktions­Netzwerk Deutschland traf ihn dort zum Interview.

Herr Harakka, Finnland arbeitet besonders intensiv am Umbau der Mobilität. Die Anzahl inner­städtischer Parkplätze wird bewusst niedrig gehalten, und teuer sind sie auch. In die Struktur und den Ausbau des öffentlichen Nah­verkehrs wird massiv investiert. Für E-Scooter ist ein nächtliches Tempolimit von 15 km/h an Wochenenden eingeführt worden. Was kann Deutschland von Finnland lernen?

Timo Harakka: Ich denke, weder ich noch Sebastian Vettel sollten uns in diesem Bereich mit Tipps den Deutschland-Verantwortlichen aufdrängen.

Vettel wünscht sich als viermaliger Formel-1-Weltmeister die Abkehr vom Verbrennermotor und schwärmt von E-Mobilität. Welche Veränderungen im Bereich Mobilität halten Sie für besonders wichtig?

Fragen Sie jeden Wirtschafts­experten – und er wird Ihnen bestätigen: Eine Investition in ein eigenes Auto ist aus wirtschaft­licher Sicht so ziemlich die schlechteste, die man tätigen kann. Oft wird es nur an 2 Prozent der Tageszeit genutzt. In Finnland fährt einer von vier Autofahrern im Schnitt eine Strecke von unter drei Kilometern. Für diese Distanz ist ein Fahrrad oder ein E-Bike aus vielerlei Gründen die bessere Lösung. Aber natürlich gibt es auch andere Seiten.

Welche?

Der Unterschied zwischen dem ländlichen und urbanen Raum. Ein Beispiel: Wenn sie die letzten 400 Kilometer der Europastraße E75 durch Nordlappland fahren, passieren sie nur drei Kommunen mit insgesamt gerade 16.000 Einwohnern – Sodankylä, Inari, Utsjoki – auf einer Fläche, die größer als Belgien ist, um mal die Größenverhältnisse einzuordnen. Dort bleibt das Auto natürlich unverzichtbar. Aber vielleicht schafft man dennoch die Möglichkeit, dass es auch dort vielleicht nur noch ein, zwei statt vier oder fünf Autos für eine bestimmte Gruppe oder Familie sein müssen. Und generell: Das Auto, das man fährt, ist kein Zufall.

Ein Auto ist Teil der eigenen Persönlichkeit, oft Ausdruck eines persönlichen Lebens­gefühls. Hier kommt es auf das Überzeugen an. So sollte man die Nutzer und Nutzerinnen dafür gewinnen, dass ein E-Auto das bessere Auto ist. Das Fahrgefühl ist schöner, es ist leiser – und in der Wartung ist es auch noch günstiger.

Aber in der Anschaffung nicht, da ist es trotz Subventionen teuer. Zu teuer für viele Einkommens­schichten.

Daher halte ich es für wichtig, schnell einen Gebraucht­wagen­markt für E-Autos zu etablieren. Zum Beispiel werden in Unternehmen genutzte Dienstwagen oft nach zwei, drei Jahren ausgetauscht. Sind das E-Autos, kommen so schnell hoch­wertige Fahrzeuge in den Gebraucht­wagen­markt. Das macht die Anschaffung dann auch für Haushalte mit mittleren Einkommen einfacher.

Sie plädieren stark für das Teilen. Für Sharing-Modelle statt Autobesitz, für Mieten statt Kaufen, für zeitweises Nutzen statt Besitzen. Hat es Sie überrascht, dass ausgerechnet VW-Chef Herbert Diess das ähnlich sieht und publik gemacht hat?

Volkswagen und auch andere Player der Industrie haben verstanden, dass sie in erster Linie nicht länger Metall oder Plastik verkaufen. Sie müssen in Zukunft eine Idee, eine Form von Mobilität verkaufen. Smarte Mobilität, nach­haltige Mobilität. Gut möglich, dass die Anzahl an Autos in Zukunft sinken wird. Aber durch die Transformation des Verkehrs entstehen auch wirtschaftlich völlig neue Möglichkeiten.

Sie haben hier beim ITS Kongress in Hamburg auch das autonome Fahren getestet. Wird das mittelfristig fester Bestandteil des Verkehrs?

Ja, das glaube ich. In diesem Bereich gebührt Deutschland Anerkennung. Als erstes Land weltweit ist hier per Gesetz verankert worden, dass autonome Kraft­fahr­zeuge in festgelegten Betriebs­bereichen im öffentlichen Straßen­verkehr im Regel­betrieb fahren können. Ich sehe das autonome Fahren als zentrales Element für einen ganz elementaren Bereich der Verkehrs­wende: der ersten und der letzten Meile.

Das müssten Sie bitte genauer erklären.

Mitentscheidend für die Abkehr von zu viel Individual­verkehr sind die erste und die letzte Meile. Also die kurzen Strecken für den Weg von zu Hause zur nächsten S-Bahn oder dem nächsten Bus, und später vom Arbeitsplatz zur nächsten S-Bahn oder dem Bus. Hier sehe ich für autonomes Fahren große Möglichkeiten. Also, wenn sich ein Fahrzeug zum Beispiel ganz früh am Morgen langsam und selbst­ständig zu einem Abholort begibt. Und dann weiter selbst­ständig die nächsten Abholorte anfährt.

Sollte öffentlicher Nahverkehr gratis angeboten werden?

Nein, das finde ich nicht. Ein gutes Netz an Strecken, eine gute Taktung, guter Service: All das kostet Geld, das nicht alleine über Steuer­ein­nahmen finanziert werden sollte. So haben wir mehr als 220 Millionen Euro in den öffentlichen Nahverkehr investiert, davon 158 Millionen Euro in der Region Helsinki, um auch während der Corona-Pandemie den Service wie gewohnt aufrecht­zu­erhalten – obwohl viel weniger Passagiere das Angebot zu dieser Zeit nutzten.

Haben Sie eigentlich ein Auto?

Ich bin Nutzer, nicht Besitzer, habe einen geleasten Hybrid. Und ich habe zwei Fahrräder. Keine E-Bikes. Unser Sohn wohnt mitten in Helsinki. Er wollte gar keinen Führerschein. Er sieht sich nicht mehr als Autobesitzer. Trotzdem war ich froh, dass er sich doch überzeugen ließ, den Führerschein zu machen. Denn das Auto­fahren wird nicht aufhören. Soll es auch gar nicht. Aber die Nutzung soll und wird klüger werden.

Sagt sich das als Finne vielleicht auch deshalb leichter, weil Ihr Land anders als zum Beispiel Deutschland, Frankreich oder die USA kein Standort der Automobil­industrie ist?

Das ist so nicht ganz richtig. Das finnische Unternehmen Valmet baut zusammen mit dem holländischen Start-up Lightyear ein hochwertiges E-Auto. E-Batterien werden hier auch hergestellt. In der Verkehrs­wende liegen nicht nur Risiken und Gefahren für Branchen und Unternehmen. Das Ganze birgt auch riesige Chancen. Gerade Deutsch­land wird dafür viel Technologie liefern.

Von Dietmar Gessner/RND