Menschen stellen sich auf dem Flughafen O.R. Tambo in Johannesburg für einen Überseeflug an. Aus Sorge vor einer neuen Coronavirus-Variante schränken Deutschland und andere Staaten den Flugverkehr aus Südafrika ein. Quelle: Jerome Delay/AP/dpa

Die Welt fürchtet das Supervirus

Berlin/Hannover. Es ist bereits in Europa angekommen. Schon am Nachmittag kam aus Belgien die Meldung, dass die neue, aggressive Variante B.1.1.529 des Coronavirus erstmals auch in Europa nachgewiesen wurde.

Die Probe stamme von einem Reisenden, der am 11. November aus Ägypten zurück nach Belgien gekommen sei und am 22. November erste Symptome gezeigt habe, twittert der bekannte Virologe Marc Van Ranst.

Nur wenige Stunden zuvor hatte das südafrikanische Institut für ansteckende Krankheiten (NICD) mitgeteilt, dass in Südafrika 22 Fälle einer neuen Coronavirus-Variante nachgewiesen worden seien. Und es äußerte die Befürchtung, dass diese Variante möglicherweise gefährlicher und ansteckender als die derzeit vorherrschende Delta-Mutante sei.

Auch die WHO ist alarmiert. Bereits am Freitagabend stufte sie die Virusvariante B.1.1.529 als „besorgniserregend“ ein. Sie wird nun unter dem Namen Omikron geführt.

Wegen der möglichen neuen Gefahrenlage hat der deutsche Gesundheitsminister schon am Freitagmorgen die Uhr nach vorn gestellt: Es sei nicht mehr fünf nach zwölf, wie noch vor zwei Wochen, auch nicht mehr zehn nach zwölf, wie vor sieben Tagen. „Es ist mittlerweile halb eins, aber der Weckruf ist noch nicht überall angekommen“, mahnte Jens Spahn in der Bundespressekonferenz. „Die Lage ist dramatisch ernst, so ernst wie noch zu keinem Zeitpunkt in dieser Pandemie.“

Dabei sprach Spahn nicht allein über die Situation in Deutschland.

Verbreitet sie sich auch in Europa, trifft sie auf die vierte Welle, die gerade in vielen Ländern das Gesundheitswesen zu überlasten droht. Auch hier. „Das Letzte, was uns jetzt noch fehlt, ist eine eingeschleppte neue Variante, die noch mehr Probleme macht“, sagte Spahn fast schon resignierend. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach twitterte: „Wir müssen Zeit gewinnen. Nichts ist schlimmer als eine neue Variante in eine laufende Welle hinein.“

Viel Zeit bleibt aber offenbar nicht.

Einreiseverbot aus Südafrika

„Wir waren noch nie so beunruhigt“, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, auf der Pressekonferenz mit Spahn. Und er klang ähnlich resigniert wie der CDU-Nochminister.

Die geschäftsführende Bundesregierung hat bereits angekündigt, Südafrika zum Virusvariantengebiet zu erklären. In der Folge dürfen Fluggesellschaften nur noch deutsche Staatsbürger nach Deutschland befördern. Nach der Ankunft sind 14 Tage Quarantäne für alle vorgeschrieben, auch für Geimpfte. Ein Freitesten ist nicht möglich. Die EU erwägt dennoch sogar, den Flugverkehr nach Südafrika ganz zu stoppen.

Aber sind derartige Schutzmaßnahmen wirklich notwendig? Schließlich ist es nicht ungewöhnlich, dass Viren mutieren. Im Fall von B.1.1.529 sind viele Expertinnen und Experten jedoch besorgt, weil die Variante sehr viele Mutationen aufweist – insbesondere am Spike-Pro­te­in. Das ist der Teil des Virus, der sich an die menschliche Zelle bindet. Gegen das Spike-Protein sind auch viele Impfstoffe gerichtet.

Die Mutationen könnten das Virus nun einerseits noch übertragbarer machen – und gleichzeitig die Wirkung der Impfstoffe beeinträchtigen. Die Wissenschaftlerin Susan Hopkins vom Imperial College in London bezeichnet die neue Variante deshalb als „die besorgniserregendste, die wir je gesehen haben“. „Uns macht die sprunghafte Evolution dieser Variante Sorgen“, sagt auch Tulio de Oliveira vom südafrikanischen Genomforschungsinstitut NGS-SA.

Wieler erklärte die Entwicklung aus wissenschaftlicher Sicht: B.1.1.529 habe Mutationen in der Nähe der sogenannten Furin Cleavage Site, die eine Rolle bei der Aufnahme des Virus in menschliche Zellen spielt. „Das spricht dafür, dass es eine erhöhte Transmission sein könnte.“ Es gebe auch einige Mutationen an Stellen, an die sich neutralisierende und therapeutische Antikörper binden. Es müsse aber noch untersucht werden, ob die steigenden Zahlen in Südafrika allein mit diesem Virustyp zusammenhängen. Immerhin sieht der Berliner Virologe Christian Drosten „für eine veränderte Krankheitsschwere derzeit keine Hinweise.“

Eine der wichtigsten Fragen ist aber, ob die bisher verwendeten Impfstoffe noch wirken. Einige Experten gehen davon aus, dass die Impfung gegen die Variante B.1.1.529 wahrscheinlich weniger effektiv ist. Das muss aber nicht heißen, dass die Impfstoffe komplett wirkungslos sind. Auch lassen sich die Impfstoffe, etwa von Biontech oder Astrazeneca, vergleichsweise einfach an neue Varianten anpassen.

Biontech prüft Anpassung

Der Impfstoffhersteller Biontech schaut sich die Variante bereits an. „Wir können die Besorgnis von Experten nachvollziehen und haben unverzüglich Untersuchungen zur Variante B.1.1.529 eingeleitet“, teilte das Unternehmen auf RND-Anfrage mit. Spätestens in zwei Wochen erwarte man weiterführende Daten aus Labortests. „Diese Daten werden uns Aufschluss darüber geben, ob es sich bei B.1.1.529 um eine Escape-Variante handeln könnte, die eine Anpassung unseres Impfstoffs erforderlich macht, wenn sie sich international ausbreitet.“

Wenn sie sich ausbreitet – aber wird sie das auch tun? Die Göttinger Physikerin Viola Priesemann ist davon überzeugt. „Man wird die Variante nicht aufhalten können. Aber sie zu bremsen kauft einem wichtige Zeit“, schrieb sie auf Twitter.

Zeit, die es zumindest mit Blick auf die vierte Welle hierzulande nicht mehr gibt. Denn die Lage spitzt sich ohnehin immer weiter zu. Die Gesundheitsämter meldeten am Freitag 76.414 bestätigte Neuinfektionen binnen eines Tages. Die Zahl der Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche lag bei 438,2. Die Hospitalisierungsrate, also die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen, erreichte 5,79. Deutschlandweit wurden 357 Todesfälle verzeichnet.

Um die Kliniken zu entlasten, sollen in den kommenden Tagen bis zu 100 Intensivpatienten verlegt werden, auch mithilfe der Luftwaffe. Ein speziell ausgestattetes Flugzeug, ein Airbus A310 Medevac, startete nach Bundeswehrangaben am Freitag kurz nach 13 Uhr Richtung Memmingen in Bayern. Von dort wird er Schwerkranke zum Flughafen Münster-Osnabrück in Nordrhein-Westfalen bringen.

Im Rahmen des sogenannten Kleeblattsystems sollen Covid-19-Patienten bundesweit verteilt werden, wenn in einzelnen Regionen der Kollaps von Krankenhäusern droht. Vereinzelt wurden schon am Donnerstag Patienten in andere Bundesländer gebracht, zum Beispiel von Thüringen nach Niedersachsen. Am Wochenende sind weitere Verlegungen etwa aus überlasteten Kliniken in Bayern in andere Bundesländer geplant.

Wieler versuchte, die Dramatik dieser Lage verständlich zu machen. Die Belastung der Intensivstationen habe einen Höchststand in der gesamten Pandemie erreicht, so der RKI-Präsident. Verlegungen gingen vielleicht zwei- oder dreimal, aber dann nicht mehr, weil die Belastung der Krankenhäuser überall in Deutschland steigen werde, warnte er. Und dann klang der Mediziner regelrecht verzweifelt: „Wie viele Menschen müssen denn noch sterben? Was muss denn noch geschehen, damit alle daran mitwirken, das Virus zu bekämpfen?“

Spahn und er forderten härtere Maßnahmen, um die vierte Welle zu brechen. „Die Zahl der Kontakte muss runter“, sagte Spahn, und Wieler ergänzte: „Jetzt sofort.“ Mindestens Großveranstaltungen und Feiern müssten abgesagt werden, betonte der RKI-Präsident.

Um das zu erreichen, wurden Rufe nach einem Vorziehen der erst für den 9. Dezember geplanten Ministerpräsidentenkonferenz lauter. Spahn sprach sich ebenso dafür aus wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Die Reaktion war jedoch durchwachsen – je nach Betroffenheit des Landes. Während Hamburg und Schleswig-Holstein keine Notwendigkeit sahen, kam aus Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt Zustimmung.

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) griff sogar den Vorstoß des scheidenden Kanzleramtsministers Helge Braun (CDU) für die Wiedereinführung der Bundesnotbremse auf. „Wenn sich zeigt, dass die jetzt getroffenen Maßnahmen nicht greifen, dann wird auch angesichts der steigenden Zahlen in anderen Bundesländern eine einheitliche Bundesnotbremse notwendig werden“, betonte Werner.

Ampel bleibt bei ihrem Plan

Die künftigen Regierungsparteien SPD, Grüne und FDP wollen sich jedoch Zeit lassen mit neuen Entscheidungen. Es gilt offenbar immer noch, was Grünen-Chefin Annalena Baerbock am Mittwochabend angekündigt hatte: „Wir haben uns zehn Tage Zeit gegeben, um zu sehen, sind wir bei den Booster-Impfungen, sind wir bei den Schutzmaßnahmen weit genug gekommen.“

Das Hauptargument der Koalitionäre in spe: Die Länder nutzten die Möglichkeiten des novellierten Infektionsschutzgesetzes noch gar nicht aus. „Es ist mir unverständlich, dass wir nicht überall die Regeln ausschöpfen, bevor man danach schreit, dass man zusätzliche Regeln braucht“, sagte der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen dem RND. Das gelte unter anderem für die Anwendung der 2-G-plus-Regel, wonach auch Genesene und Getestete sich zusätzlich testen lassen müssen.

Das Auftauchen von B.1.1.529 könnte die Ampelparteien aber schneller als gedacht zum Umdenken bringen. „Auch mir macht die neue Mutation große Sorgen“, sagte Dahmen. „Wir wissen noch zu wenig darüber. Aber man kann auch angesichts dessen weiter gehende Maßnahmen nicht ausschließen.“

Von Tim Szent-Ivanyi, Anna Schughart, Maike Geißler/RND