Die Kundgebung „Leere Stühle“ fand Mitte November in Kiew statt, um auf das Schicksal ukrainischer politischer Gefangener aufmerksam zu machen, die illegal in Russland, auf der Krim sowie in den Regionen Donezk und Luhansk inhaftiert sind. Quelle: imago images/Ukrinform

Die „Isolation“ – das schlimmste Foltergefängnis in der Ostukraine

Berlin. Stanislaw Aseyev ist eher ein stiller Mensch, und er wirkt sehr ernst. Selten huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Der 32-Jährige hat Furchtbares erlebt. Er verbrachte 28 Monate in den Folterkellern der „Isolation“.

So heißt inoffiziell eine Haftanstalt, die in der ostukrainischen Industriestadt Donezk in einer ehemaligen Fabrik für Isoliermaterial eingerichtet worden ist. Die Häftlinge nennen den an der Adresse Heller Weg Nummer 3 gelegenen Schreckensort auch „Dachau von Donezk“.

Aseyev legt jetzt Zeugnis darüber ab, was dort geschah und immer noch geschieht. „Ich habe die ‚Isolation‘ überlebt, und meine Aufgabe ist es, zu erzählen, dass es diesen Ort gibt“, sagt der junge Mann, der vor seiner Verhaftung im Juni 2017 als Journalist gearbeitet hatte.

Unter dem Pseudonym Stanislaw Wasin berichtete er für ukrainische Medien über die Zustände in den seit 2014 von prorussischen Separatisten besetzten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk. Der Krieg um die Donbass-Region hat bislang mehr als 13.000 Menschen das Leben gekostet, Zehntausende Verletzte sind zu beklagen. Nahezu täglich gibt es Scharmützel, die weitere Opfer fordern.

Die Machthaber in den von keinem Land der Welt anerkannten „Volksrepubliken“ unterdrücken proukrainische Haltungen mit äußerster Brutalität und schrecken auch vor Morden nicht zurück. „Gut zwei Flugstunden von Berlin befindet sich die Hölle auf Erden“, sagt der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk. „Das Ausmaß der Unmenschlichkeit ist unvorstellbar. Mindestens 5000 Menschen sind durch die Folterkeller gegangen, die dort von Russen auf ukrainischem Boden betrieben werden“, so Melnyk.

Stanislav Aseyev hat ein Buch über die „Isolation“ geschrieben, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. Unter dem Titel „Heller Weg“ berichtet er über sein Martyrium, das ihm vom selbsternannten „Ministerium für Staatssicherheit“ der Donbass-Region unter dem Vorwurf der „Spionage“ auferlegt wurde.

Neben Schlägen und Tritten wenden die Folterknechte am häufigsten Elektroschocks an. Neu angekommene Häftlinge müssen einen Sack über dem Kopf tragen, werden nackt ausgezogen, an einen Metalltisch gekettet und mit zwei Drähten eines Feldtelefons verbunden. Dann wird Wasser über sie gegossen und Strom freigegeben. „Unter den Häftlingen gilt man als Glückspilz, wenn die Drähte an Fingern und Ohren befestigt werden“, berichtet Aseyev. Häufiger wird ein Draht mit den Genitalien verbunden und der zweite in den After eingeführt.

Häftlinge werden auch gezwungen, „die Wand zu halten“. Dabei muss sich das Opfer mit gespreizten Beinen an die Wand stellen und stundenlang die Hände über dem Kopf halten. Wer es nicht mehr schafft und die Arme herabsinken lässt, dem schlägt sein Peiniger mit einem Rohr auf die Genitalien.

Auch der Wissenschaftler und Theologe Igor Koslovsky ist durch die Hölle der „Isolation“ gegangen. Er wurde im Januar 2016 von Milizen der „Volksrepublik Donezk“ wegen proukrainischer Positionen festgenommen und vier Wochen lang verhört und gefoltert. Danach wurde er noch bis Ende Dezember 2017 in einer Strafkolonie für Kriminelle gefangen gehalten. Wie sein ehemaliger Student Aseyev kam auch Koslovsky letztlich über einen Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine frei.

„Als ich entlassen wurde, habe ich mich sofort für Stanislav eingesetzt“, erzählt der Wissenschaftler. Man müsse die Schicksale bekannt machen, ans Licht bringen, sonst hätten die Inhaftierten keine Chance. „Ich kann mich nicht zur Ruhe setzen“, sagt der 67-Jährige. Er habe eine Verantwortung für all jene, die immer noch in der „Isolation“ sitzen.

Inzwischen gibt es über den dunklen Schreckensort auch den Dokumentarfilm „Heller Weg“ von der ukrainischen Regisseurin Iryna Riabenka und ihrem deutschen Kollegen Felix Krumme. Im Rahmen der ukrainischen Informationskampagne „Isolation: Must speak“ wird er auch in Deutschland gezeigt, um über die Gräuel in der Ostukraine aufzuklären. „Der Krieg im Donbass interessiert inzwischen in Europa niemanden mehr “, sagte Riabenka. „Aber vielleicht rüttelt die Geschichte eines KZ noch einmal auf.“

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew engagiert sich die Aktivistin Oleksandra Matviychuk für die Rechte politisch Verfolgter. Als Leiterin des Center for Civil Liberties weiß sie von unzähligen Fällen von Folter und Menschenrechtsverletzungen im Donbass zu berichten. „Einer Frau wurde ein Auge mit einem Löffel herausgerissen“, erzählt sie und fordert: „Diese Grausamkeiten müssen ein Ende haben.“

Die Frau engagiert sich dafür, dass die Verbrechen vor den Internationalen Strafgerichtshof nach Den Haag gebracht werden. „Dort ist längst bekannt, was im Donbass geschieht, aber leider hat sich bisher nicht viel getan“, beklagt Matviychuk und kritisiert auch die Justiz der Ukraine. „Wir brauchen eine Veränderung in unserem Strafrecht, um diese Verbrechen zu bekämpfen“, sagt die Aktivistin. Die Täter dürften nicht das Gefühl haben, dass ihnen nichts geschehen wird.

Stanislaw Aseyev sagt, in der „Isolation“ entstünden Terabytes an Material für die internationalen Gerichte: In jeder Zelle, in jedem Keller hängt eine Videokamera, und es brennt Tag und Nacht das Licht.

In seinem Buch „Heller Weg“ berichtet er von mindestens einem Dutzend Orten in Donezk, an denen auch jetzt weiter gefoltert wird. Seine Schlussfolgerung: „Um dieses Buch zu schreiben, musste ich überleben. Um zu überleben, war es unerlässlich zu wissen, dass ich es werde schreiben müssen. In diesen seltsamen Labyrinthen des Bewusstseins versucht das Denken einen Sinn zu finden.“

Von Jan Emendörfer/RND