Auswirkungen auf die Lieferkette oder den Roh­stoff­bezug, die Entwicklung gestiegenen Energiepreise, der Kriegsverlauf als solcher – für den Kfz-Zulieferer Schaeffler sind das unkalkulierbare Risiken. Quelle: Daniel Karmann/dpa

Autozulieferer Schaeffler muss auf russischen Stahl verzichten

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat große Teile der deutschen Autoindustrie in einen neuen Krisen­modus gestürzt. Beim fränkischen Kfz-Zulieferer Schaeffler halten sich direkte Auswirkungen zwar noch in Grenzen. „Aber unsere Prognose für 2022 müssen wir vorerst aussetzen“, kündigte Konzernchef Klaus Rosenfeld zur Bilanzvorlage in Herzogen­aurach an.

Künftige Auswirkungen auf die Lieferkette oder den Rohstoffbezug, die Entwicklung der zuletzt stark gestiegenen Energiepreise sowie der Kriegsverlauf als solcher seien unkalkulierbar.

Von russischen Stahl­lieferungen habe man sich gerade noch unabhängig gemacht und soeben andere Zulieferer für die russischen Kontingente gefunden. Auf die entfielen weniger als ein Zehntel des Schaeffler-Stahl­verbrauchs.

Was bei Stahl klappt, geht nicht bei Kabel­bäumen

An anderer Stelle könnte ein Ausweichen deutlich schwieriger werden. Kurzfristig gilt das vor allem auf der Seite der Kunden von Schaeffler in der deutschen Autoindustrie. Weil dort vor allem bei Herstellern wie VW, Porsche und BMW akut Kabelbäume aus ukrainischer Produktion fehlen, stehen diese Woche mehrere Autofabriken still. Auch Schaeffler-Produkte können dort nicht mehr verbaut werden. Wie lange das so bleibt, ist offen, obwohl die Werks­schließungen vorerst auf wenige Tage terminiert sind.

Experten schätzen, dass die Engpässe bei Kabel­bäumen binnen drei bis sechs Monaten behoben werden können, weil dann anderswo produziert wird. Immerhin kommen 7 Prozent aller Kabelbäume, die Autohersteller EU-weit verbauen, aus ukrainischen Fabriken.

Bei Anhalten oder gar Ausweitung des Kriegs drohen aber noch ganz andere Engpässe, etwa bei Rohstoffen wie Nickel oder Palladium, für die Russland ein wichtiger Lieferant ist. Das würde Produktions­ketten schon früh treffen mit noch unabsehbaren Auswirkungen.

Autos dürften wohl teurer werden – Ausmaß offen

„Die größte Gefahr für uns alle ist, dass der Konflikt außer Kontrolle gerät“, sagt Rosenfeld und meint damit mehr als nur die Auto­industrie. Welche Gefahren konkret Schaeffler drohen, werde gerade analysiert. „Unsere Folgen­abschät­zung läuft“, sagt der Manager und gibt sich zuversichtlich, dass man alle Klippen umschiffen kann. Weder seien derzeit neue Kurzarbeit noch der Stillstand eines Werks absehbar. Auch die einzige russische Schaeffler-Fabrik in Uljanowsk an der Wolga etwa 900 Kilometer südöstlich von Moskau produziere vorerst noch Kupplungen.

Rosenfeld hält das für vertretbar, obwohl sich große Teile der deutschen Autoindustrie bereits komplett aus Russland zurück­gezogen haben. 174 Menschen arbeiten für die Franken in Russland und sechs weitere in der Ukraine. Auch Letztere seien bislang wohlauf, versichert der Schaeffler-Chef. Selbst ohne neue Hiobs­bot­schaften ist aber klar, dass die Kosten für Kfz-Zulieferer und Autohersteller weiter steigen und Autos damit absehbar teurer werden. Nur das Ausmaß ist noch offen.

Für Schaeffler bedeutet das im günstigsten Fall nur Margendruck. Dabei hatte 2021 viel­versprechende Anzeichen für eine echte Erholung geliefert. Ein Zehntel mehr Umsatz auf 13,9 Milliarden Euro und eine Rückkehr in die Gewinnzone mit 756 Millionen Euro Jahres­über­schuss nach 428 Millionen Euro Verlust im ersten Corona-Jahr 2020 zeigen das deutlich. Mit 8 Prozent mehr Umsatz bei rückläufiger Rendite hatte Rosenfeld noch zwei Tage vor Kriegsbeginn in der Ukraine für 2022 kalkuliert. Nicht nur an der Stelle ist die Welt nun eine andere.

RND

Von Thomas Magenheim-Hörmann/RND